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Gesellschaft

Das Jugi Uster steht vor allem bei Jungs hoch im Kurs

Auch unbegleitete minderjährige Asylsuchende nehmen das Angebot wahr. Gerät die Jugendarbeit in Uster an ihre Kapazitätsgrenzen?

Grillieren im Winter: Auch das bietet der Jugendtreff in Uster.

Foto: Eleanor Rutman

Das Jugi Uster steht vor allem bei Jungs hoch im Kurs

Mitten in der Pubertät

Ein Besuch im Jugendtreff zeigt: Der Ort ist beliebt, auch die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden nutzen das Angebot. Stösst die Jugendarbeit in Uster an ihre Kapazitätsgrenzen?

Freitagabend auf dem Zeughausareal in Uster: Es ist schon dunkel, vor dem Jugendtreff brennt ein Feuer in einer Tonne. Der Ort wirkt von aussen wie eine lebendige Oase inmitten einer Betonwüste. Später werden die Jugendlichen hier noch Poulet-Würstchen braten. «Poulet, weil viele kein Schweinefleisch essen», sagt Nicolas Eugster.

Der 37-Jährige ist seit drei Jahren Leiter der Fachstelle für offene Kinder- und Jugendarbeit in Uster. Er wirkt entspannt, wenn er von seinem sinnstiftenden Beruf spricht.

Dennoch betont er, dass die Jugendarbeit in der Stadt an ihre Kapazitätsgrenze stösst. «Am besten läuft es, wenn wir Jugendarbeiter den Jugendlichen beratend zur Seite stehen können – und nicht die Polizistenrolle annehmen müssen.»

Die Jugendlichen sollen gerne ins Jugi kommen. Das Konzept ist schnell erklärt: Eugster und sein Team wollen Aktivitäten anbieten, bei denen die Beziehung gestärkt wird zwischen Sozialarbeiter und Teenager. «So können sich die Jugendlichen uns gegenüber öffnen und merken oft gar nicht, dass sie sich auch in einer Beratungssituation befinden.» Auf dieser Basis kann Vertrauen wachsen.

Es scheint zu funktionieren: An dem Abend sind insgesamt 35 Jugendliche da. Einige sitzen draussen beim Pingpongtisch, andere in der Küche, im Spiel- oder im Discoraum.

Die Besucherzahl im Jugendtreff hat sich seit einem Jahr verdoppelt. «An manchen Freitagabenden haben wir auch schon rund 90 Gäste gezählt», sagt Eugster. Das hat vor allem mit den unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) aus Afghanistan zu tun, die vor einem Jahr ins ehemalige Alterszentrum Rosengarten eingezogen sind. Auch sie kommen seit dem Frühling öfters ins Jugi.

Sprachgrenze ausgehebelt

Dies auf Einladung des Jugendarbeiters Shervin Aiyobi. Dessen Vater ist Iraner, er spricht deshalb fliessend Farsi. So findet der 35-Jährige einen ganz einfachen Zugang zu den UMA, die zum Teil schwer traumatisiert von ihrer Flucht in der Schweiz um Asyl suchen.

Ein junger Mann mit bordeauxrotem Pullover sitzt an einem Holztisch und lächelt.
Der Jugendarbeiter Shervin Aiyobi spricht fliessend Farsi.

«Ich habe mich gefragt, wie man die unbegleiteten Minderjährigen auf eine gute Art einbinden kann.» Da sei er auf die Idee aufgekommen, erst mal Stadtspaziergänge anzubieten.

Aiyobi nahm die Jugendlichen mit ins Zeughausareal, zeigte ihnen Food-Waste-Angebote und andere Möglichkeiten, wie sie kostengünstig einkaufen können. «So kommt man in kleinen Gruppen einfach ins Gespräch.»

Im Jugi gibt es auch eine Küche mit einem langen Esstisch. Drei Mädchen sitzen in der Ecke auf einem Sofa und schwatzen.

Kochen im Jugendtreff

Einer der Afghanen hat gekocht: Linsensuppe. Der 17-jährige Arslan Bek hat als Koch in der Türkei gearbeitet, bevor er in die Schweiz kam. Zu seiner Geschichte kann oder will er nicht mehr erzählen.

Sein Kollege Mustafa Mohammadi kann etwas besser Deutsch und übersetzt höflich. Sie kommen jeden Mittwoch und jeden Freitag ins Jugi. «Uns gefällt es hier, die Leute sind nett», sagt Mohammadi.

Oft spielen Mohammadi und Bek mit ihren Freunden Play Station oder Billard. An dem winterlichen Abend sind etwa 15 UMA im Raum um den Billardtisch versammelt.

Scheint also alles rundzulaufen im Jugendtreff in Uster. Doch das Personal kommt mit den gestiegenen Besucherzahlen nicht mehr nach. Die Rechnung ist einfach: Ein attraktives Angebot zieht mehr Jugendliche an, und seit dem letzten Frühjahr kommen auch die zusätzlichen Jungen aus Afghanistan.

Deutlicher Personalmangel

Aktuell arbeiten Eugster und sein Team mit viereinhalb bewilligten Vollzeitstellen. «Wir spüren die Unterbesetzung deutlich. Uster hat da wirklich noch Nachholbedarf», sagt der Teamleiter. Der schweizerische Dachverband empfiehlt im Minimum zwei Vollzeitstellen auf 10'000 Einwohner.

Das wären für Uster mit seinen rund 36'400 Stadtbewohnern umgerechnet sieben Vollzeitstellen. Der Jugendtreff muss zurzeit also mit 250 Stellenprozenten weniger auskommen.

Die Ustermer Politik hat die Problematik erkannt und spricht die Möglichkeit des Ausbaus der Jugendarbeit an: Ein Postulat wurde von Nina Nussbaumer (SP), Marco Kranner (GLP) und Walter Meier (EVP) mit dem Titel «Weiterentwicklung offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen» in Uster eingereicht. Es wird voraussichtlich im Mai im Gemeinderat besprochen.

Neben dem Personalmangel gibt es noch ein weiteres Anliegen: «Die Fünft- und die Sechstklässler wissen oft nicht wohin in Uster», sagt Teamleiter Eugster. Für den betreuten Abenteuerspielplatz Holzwurm seien sie zu alt – und fürs Jugi noch zu klein. «Hier würden die Kinder mit Themen konfrontiert, die noch nicht ihrem Alter entsprechen.»

Vandalierende Fünftklässler?

Die Jüngeren bräuchten ein eigenes Angebot: Laut Eugster gibt es Elfjährige, die in Uster regelmässig in Gruppen um die Häuser ziehen, vandalieren und Schmierereien hinterlassen. «Es wäre gut, wenn es für diese Heranwachsenden auch ein niederschwelliges Angebot gäbe. Dann hätten sie wenigstens eine Anlaufstelle», sagt der Teamleiter der offenen Jugendarbeit.

Momentan macht er zwei Ausnahmen: Nur zwei jüngere Buben sind im Jugi willkommen. «Es ist besser, sie sind hier als anderswo», sagt Eugster dazu. Sie würden sonst ohnehin immer wieder von zu Hause abhauen. Der Jüngere der beiden ist erst in der dritten Klasse.

Selber Kebab aufwärmen

Der andere ist zwölf. Der junge Syrer will sich soeben einen Kebab in der Mikrowelle aufwärmen. «Den habe ich heute gekauft», sagt der Kleine stolz. Praktikant Mohammad Majdalawi zeigt ihm, wie er die Mikrowelle bedienen soll.

Majdalawi ist als Mitarbeiter bis Februar angestellt. Ob er danach bleiben kann, weiss er noch nicht. Auch er bringt – wie Aiyobi – wertvollen Hintergrund mit, um sich mit den Jugendlichen zu verständigen. «Manche Jugendlichen kommen auch mit Fragen zu mir, wenn es um ihre Religion geht», sagt Majdalawi.

Plötzlich werden Stimmen beim Eingang laut. Eine Rauferei ist im Gang. Was ist passiert? Die Jugendarbeiterin Neila Ben Ammar erzählt, dass einer der älteren Jungs auf einen anderen Jungen losgegangen sei, weil er dessen Freundin geschubst habe.

Neila Ben Ammar steht vor dem Discoraum.
Jugendarbeiterin Neila Ben Ammar ist noch in Ausbildung – sie konnte den Konflikt schlichten.

Bei längerer Diskussion stellt sich heraus, dass die Freundin den Jungen provoziert hat. Die Stimmung hellt sich schnell wieder auf, aber der Eindruck bleibt, dass eine Situation schnell aus dem Ruder laufen kann.

Die Mädchen schlafen in der Disco

Die Jungs dominieren im Jugi. Nur ein Viertel der Besucher an dem Abend ist weiblich. Während die Jungs sich vor allem über Fussball- und Volleyballabende freuen, gibt es für die Mädchen Angebote wie Beauty-Workshops, ein «Nail Studio» und just an diesem Abend auch eine Übernachtungsmöglichkeit.

«Wir werden in der Disco schlafen», sagt Ben Ammars Kollegin Nicole Fredrichs. Es seien zehn Mädchen angemeldet.

Auch die 14-jährige Kathalina. Sie sitzt mit ihrem Handy auf einem der Sofas. «Ich habe mir den Fuss verknackst», ruft sie etwas wehleidig, als sie den Jugendarbeiter Aiyobi sieht. Er scheint diese Situation schon zu kennen und fragt nur, ob sie noch draufstehen könne. Ja, das kann sie.

Etwas später ist der schmerzende Fuss schon vergessen, und Kathalina erzählt, dass sie sich sehr wohlfühlt im Jugi. «Es ist wie mein zweites Zuhause», sagt sie.

Dicke Haut für diesen Beruf

Jugendarbeiterin Fredrichs stellt sich auf jeden Fall darauf ein, diese Nacht kein Auge zu schliessen. «Die Jungs wissen, dass die Mädchen hier übernachten.»

Das gehöre wohl dazu, dass die Jungs dann noch eine Weile vor dem Fenster des Discoraums stehen würden, um draussen ein wenig auf sich aufmerksam zu machen, sagt Eugster.

«Für diesen Job muss man sich ein dickeres Leder aneignen», sagt er und schmunzelt.

Aber man werde auch mit schönen Situationen «belohnt»: «Wenn einer dank unserem Bewerbungscoaching zum Beispiel eine Lehrstelle findet.» Vor allem dann, wenn es dieser Person nicht so leichtgefallen sei und sie viele Bewerbungen geschrieben habe.

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