Das Dorf in der Altstadt
Wenn man beim Obertor in die Neustadtgasse abbiegt, betritt man fühlbar eine andere Welt. Für den «Stadi» wollte ich mir das Neustadtquartier einmal genauer ansehen. Es wirkt fast ein wenig versteckt und vergessen im oberen Teil der Altstadt. Doch die kleine Gasse ist keines Wegs ausgestorben. Lädeli reiht sich an Lädeli. Dazwischen finden sich einige Künstlerateliers und süsse Cafés.
Irgendwie scheint die Welt hier stillzustehen. Die alten Häuser erinnern an die frühere Zeit. Manche von ihnen stammen bereits aus dem 14. Jahrhundert. Fast alle Gebäude des Quartiers stehen im Verzeichnis der schutzwürdigen Häuser der Stadt. Das sieht man auch. Sie alle wirken gepflegt, aber nicht steril. Am Strassenrand stehen Töpfe mit Pflanzen. Es fühlt sich an, als würde ich durch eine Filmkulisse wandern.
Altbewährtes bleibt bestehen
Wie ich die Gasse entlanggehe, komme ich an einem Haus mit der Aufschrift «Bildhauerei» vorbei. Draussen werde ich von einem aus Holz geschnitzten Mann begrüsst. Was bereits vor vielen Jahren ein Atelier war, ist es auch heute noch. Von drinnen schallt das Fräsen der Maschinen, auch ein Hammer ist zu hören. Ich schlendere ein paar Schritte weiter und schon stehe ich vor dem kleinsten Haus in Winterthur. Die Neustadtgasse 18a war lange im Besitz der Stadt und wurde 2014 verkauft. Seit 1903 ist das kleine weisse Häuschen mit den grünen Fensterläden als Wohnhaus nutzbar.
Schräg gegenüber fällt mir ein anderes Haus ins Auge. Die auffällige rote Backsteinfassade (siehe Hauptbild) war früher das Grundgerüst des ältesten Hallenbads der Schweiz. Wegen seines speziellen Baustils wurde es von einigen liebevoll «Badewannenmoschee» genannt. Heute beherbergt es eine Polizeiwache.
«Die schönste Gasse in Winti»
Es kreuzt sich die Bad- mit der Neustadtgasse. Ich gehe weiter geradeaus. Es zieht mich in ein Atelier. Draussen ziert ein orangener Banner mit der Aufschrift «Kachina» den Eingang. Im Innern sitzt ein Mann mit Bärtchen an einem grossen ovalen Tisch. Er ist gerade am Arbeiten. Doch als ich hereinkomme sieht er auf. Sofort werde ich begrüsst: «Hallo, was zieht dich in die schönste Gasse von Winti? Möchtest du auch etwas malen oder zeichnen?» Ich verneine, aber vielleicht könne er mir mehr über sich und seinen Arbeitsplatz erzählen.
Martin Schmid wohnt in Effretikon und kommt für seine Künstlerische Arbeit nach Winterthur. Im Atelier Kachina hat er einen Ort gefunden, an welchen er ungestört kreativ sein kann. «Das Atelier gehört dem Verein Kachina, etwa 20 Leute gehören ihm an», erzählt er. Manche seien aktiver, andere weniger. Er sei fast jeden Tag hier. «Meine Kunst ist etwas ganz spezielles.» Der 58-Jährige schmilzt PET-Flaschen und integriert diese in seine Kunstwerke.
Das Neustadtquartier sei wie ein Dorf in der Stadt. «Jeder kennt hier jeden», meint er. Es gebe auch eine Quartierkatze, um die sich irgendwie alle kümmern.
Ich bedanke mich für die Auskunft und stolpere nur ein paar Türen weiter. «Jael Signer» ist in weissen Lettern auf den Fensterscheiben zu lesen. Im Innern des schmucken Schneiderateliers begrüsst mich die gleichnamige Inhaberin. «Es war schon früher die Handwerkerstrasse von Winterthur», beschreibt sie die Neustadtgasse. Vor allem gefalle ihr hier die Vielfalt der Läden und Leute. Sie ist gleicher Meinung wie Martin Schmid: «Das Quartier hat einfach Dörflicharakter.»