Das «Bachtel-Kulm» erhält ein Schindelkleid
Alles aus der Region
Das Berggasthaus Bachtel-Kulm wird sich in gut zwei Jahren in völlig neuer Aufmachung präsentieren. Dazu gehören auch Schindeln aus Vollmondholz – von Fichten am Bachtel.
Das neue Jahr hat gleich mit zwei wichtigen Schritten für das Projekt «Bachtel 2025» begonnen: Zum einen ist vor wenigen Tagen die definitive Baubewilligung eingetroffen. Zum anderen hat der 10. Januar, nur drei Tage nach Vollmond, das Holz gebracht, das dereinst am komplett umgestalteten Gasthaus Bachtel-Kulm prangen wird.
Holzige «Filetstücke»
«Zusammen mit meinem Säger Herbert Dobler aus Hinwil habe ich die zwölf Bäume ausgesucht, die ich fürs Schindelholz benötige», erklärt Kaspar Mändli. Der Hinwiler Zimmermann wird für das künftige Kleid des Gasthauses sein Hobby, das Schindeln, vorübergehend zu seiner Hauptbetätigung machen.

Von den zwölf Fichten, die keine 500 Meter vom Bachtel Kulm entfernt auf dem Boden der Waldkorporation Wernetshausen gewachsen sind, dürfte der 55jährige Mändli effektiv zehn für die Schindelproduktion benötigen. Oder genau genommen deren rund acht Meter langen «Filetstücke». Nur diese eignen sich für den urchigen Wandbelag. Der grosse Rest der rund 20 Meter hohen Bäume wird als Bauholz verwendet.
In der Region fündig geworden
«Schindeln sind im Trend, auch bei modernen Bauten», unterstreicht Mändli. Zwar seien sie im Gegensatz zum Appenzellerland oder dem Toggenburg hier im Zürcher Oberland nicht so typisch. Aber Schindeln seien ideal in Gebieten, in denen es feucht ist.

Martin Voegeli, Mitglied des Vorstandes der Genossenschaft Bachtel Kulm und der Baukommission, ist stolz darauf, dass es der Genossenschaft als Bauherrin gelungen ist, nicht nur das natürliche Baumaterial lokal zu gewinnen, sondern dass das Holz auch in der Region verarbeitet wird. Eigentlich suchte er zunächst im Berner Oberland nach einem Schindelproduzenten. Über den Besitzer der Wernetshauser Sägerei stiess er dann aber auf Mändli.
Die Suche nach den passenden Stämmen
Auf der Suche nach geeignetem Holz sind für Mändli drei Faktoren wichtig. Zunächst ist es der Standort der Bäume. Die jetzt gefällten Bäume sind im Talboden hochgewachsen. Das bürgt dafür, das sie gradwüchsig sind, da die Bäume ans Licht wollen. So werden die Fichten dort höher. 62 bis 85 Zentimeter Durchmesser weisen die nun geschlagenen Bäume auf.
Wesentlich ist auch, dass die Rottannen, die er dann zu Schindeln verarbeitet, im Winter gefällt werden, und zwar möglichst nahe zum kürzesten Tag. Der Stamm zieht dann wenig Zucker und das Holz hat damit wenig Nährstoffe. Das wiederum bewirkt, dass es nicht so anfällig auf Wurm- und Pilzbefall ist.
Widerstandsfähig und haltbar
Und der dritte Punkt, den Mändli auch noch beachtet, ist der Mondstand. Holz dehne sich bei zunehmendem Mond aus und ziehe sich bei abnehmendem Mond wieder zusammen. Ideal sei eine Fällung drei Tage nach Vollmond, denn dann gefälltes Holz sei besonders haltbar und widerstandsfähig.
Und so liegen die Stämme nun also seit dem 10. Januar mit dem Wipfel bergab am Bachtel. Diese Lage und insbesondere auch die Äste, die noch an den Stämmen sind, sollen mit ihren Nadeln helfen, den Saft aus dem Holz zu ziehen. «Damit wird das Holz vorgetrocknet.» Im Februar oder März werden die Stämme dann zu Rugeln gesägt und diese gespaltet. Das – noch - nicht verwendete Holz bleibt im Wald liegen.
Alles in Handarbeit
Für Mändli folgt dann die intensivste Zeit. Gegen 41'000 Schindeln wird er in Handarbeit herstellen, jede von ihnen vier bis fünf Millimeter dick, sieben bis acht Zentimeter breit und etwa 35 Zentimeter lang. «Der Architekt möchte eine möglichst grosse Fachung», erklärt der Zimmermann die Grössendimension der Schindeln.
Von den 35 Zentimetern Länge wird nur ein Drittel zu sehen sein. Der grosse Rest liegt unter den beiden anderen sie überdeckenden Lagen. Seitlich stossen die Schindeln aneinander und überlappen sich nicht, ein sogenannter Flachschirm.
«Für die Herstellung der Schindeln werde ich drei bis vier Wochen benötigen», schätzt Mändli. Dass es ihm bei dieser repetitiven Arbeit langweilig würde, glaubt er nicht: «Beim Schindeln komme ich in einen Arbeitsflow, das macht die Arbeit sehr schön. Nach einem solchen Tag ist es mir abends wohler, als wenn ich ihn im Büro verbracht hätte.»
Unterstützung durch Sohn
Nach der Arbeit in der Werkstatt wird dann ein paar Monate später, wohl irgendwann im Frühling 2025, das Befestigen der Schindeln am komplett umgebauten Bachtel-Kulm folgen. Der Flachschirm wird auf allen Hausfassaden aufgenagelt, wohlgemerkt ebenfalls von Hand – «das wird einfach schöner» - auf total rund 270 Quadratmetern. Tausende von 40 Millimeter langen Spezialnägeln gilt es dann einzuschlagen.
Unterstützt wird Kaspar Mändli beim Schindeln durch seinen Sohn Vitus. Dieser wirkt seit drei Jahren als Partner in der Zimmerei, die sein Vater seit 1990 betreibt. Und gemeinsam freuen sie sich darüber, dass bald ein Werk von ihnen am Bachtel zu sehen sein wird – auf dem Berg, der von ihrem Daheim aus im direkten Blickfeld liegt.
Nun wird Spendersuche intensiviert
Der Kanton hat bereits im alten Jahr seinen Segen zum grossen Sanierungsprojekt für das Gasthaus Bachtel-Kulm gegeben. Seit Mitte Januar liegt nun auch die definitive Baubewilligung der Standortgemeinde Hinwil vor. Für Martin Voegeli vom Vorstand der Genossenschaft Bachtel Kulm, der das Gasthaus und 72'000 Quadratmeter in der Umgebung gehört, ist dieser Entscheid zentral. «Die Baubewilligung ist wichtig für die weitere Geldsuche», meint der Architekt und Wirtschaftsingenieur, der auch in der Bau- und der Finanzkommission des Projektes sitzt.

Das Vorhaben, das eine komplette Umgestaltung des Traditionshauses beinhaltet, ist zunächst auf 5,8 Millionen Franken geschätzt worden. Mittlerweile beläuft sich der Kostenvoranschlag für die Sanierung – das Gasthaus soll in die Erscheinungsform zurückversetzt werden, die es noch bis in die 1920er Jahre hatte - auf 5,96 Millionen Franken. «Die Teuerung ist enorm», hält Voegeli dazu fest. Zudem sind noch einige betriebliche Auflagen in der Küche oder ein Tank für Löschwasser hinzugekommen.
Jetzt will die Genossenschaft vor allem die möglichen institutionellen Spender angehen. Bis Ende 2023 soll die Finanzierung sichergestellt sein. Das muss sie, um wie geplant im März 2024 mit dem Bau zu beginnen. Im Sommer 2025 soll das Haus dann in neuer alter Pracht glänzen. Unterlagen zum Projekt und zum Sponsoring sind auf www.bachtel2025.ch zu finden.