Das «Amici miei» in Rüti hat seine Tore ziemlich unerwartet geschlossen
Für einmal ist für diese Schliessung eines Restaurants kein ausbleibender Andrang von Gästen der Grund. Das «Amici miei» in Rüti schliesst freiwillig, wenn auch nicht ganz, und mit einer gehörigen Portion Wehmut.
Café, Bar und Restaurant: vorzügliches Essen, selbst importierte Produkte vom Familienbetrieb Selezione Sartorio, italienische Köche, wöchentlich frische Blumensträusse vom Markt und ein überdurchschnittlich hohes Mass an Gastfreundschaft. Das «Amici miei» an der Werkstrasse 2 in Rüti war mehr als eine einfache «Dorfchnelle» – es war ein Stück Italien mitten in Rüti. Doch seit dem 12. Juli ist die moderne Lokalität mit südländischem Touch geschlossen. Die Wirte schliessen das Lokal aus privaten Gründen.
Dies überrascht insofern, da die Gäste weit über die Grenzen von Rüti hinaus herbeigeströmt kamen, ohne dass das Lokal wegen der eher unscheinbaren Lage auf Laufkundschaft hätte zählen können – und zwar mittags wie abends, mit stetig wechselnden Menüs.

Seit Herbst 2016 hatten sich Nino und seine Mutter Anita Sartorio aus Tann gehörig und mit viel Herzblut ins Zeug gelegt, um sich ihren «familiären Gastrotraum» zu erfüllen. Sie wollten einen Ort schaffen, an dem man sehr gut isst, sich aber auch wie zu Hause fühlt. Nach fast zehn Jahren können sie resümieren: «Gemeinsam und mit unserem einsatzfreudigen Personal ist uns das doch mehr als gut gelungen.»
Eine «Dorfkatastrophe»
Für das Dorf Rüti, das nicht gerade für unzählige gastronomische Tempel bekannt ist, ist das Ende des Restaurants ein grosser Verlust. Zumindest bewiesen das die vielen meist traurigen Rückmeldungen, die an die Sartorios herangetragen wurden. «Beim Abschlussabend vom 12. Juli kam es bei einigen sogar zu Tränen, was uns besonders rührte», so Anita Sartorio.
Für viele in Rüti war das «Amici miei» ihr lokaler Treffpunkt. Ob zum Essen oder für einen Feierabenddrink. «Zu uns kamen mitunter Lehrer, Banker oder Angestellte aus dem Joweid Zentrum und oft mehrmals pro Woche.»
Allein der moderne und doch traditionell angehauchte Stil im Lokal war eine Aufwertung für Rüti. Mit den Olivenbäumen und dem Aussensitzplatz hätten sich manche wie in den Ferien gefühlt. «Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist», sagt Nino Sartorio mit etwas Wehmut.
Er hat mittlerweile ein zweijähriges und ein neugeborenes Kind, seine Mutter Anita ist im Pensionsalter. Kürzlich haben sich die beiden älteren Sartorios – Ninos Mutter und Vater – ein Grundstück in Süditalien zugelegt, wo sie mehr Zeit verbringen wollen. «Wir waren Vollblutgastgeber und gaben stets 110 Prozent für unsere Gäste. Das machte grossen Spass, doch zehrte nach all den Jahren an uns», erklärt die baldige Pensionärin. Dass sie zusammen mit ihrem Sohn einen Traum lebte, stimmt sie trotz Herzschmerz glücklich.
Es sei ein langer Prozess gewesen, bis sie sich innerlich vom Restaurant habe lösen können. Gleiches gelte für ihren Sohn. «Ich freue mich auf einen neuen, etwas gemächlicheren Lebensabschnitt.»
Schluss, aber doch nicht ganz
Obwohl sich Anita und Nino Sartorio von ihrem geliebten Restaurant trennen, soll die Lokalität nicht ganz aus Rüti verschwinden. «Wir haben den Rohbau gemietet und zu Beginn alles selbst ausgebaut. Wir wollen, dass der Ort auf irgendeine erdenkliche Weise weiterlebt», sagt Nino Sartorio.
Gleiches gilt für die sieben Angestellten, von denen die meisten über all die Jahre dieselben blieben – in der Gastronomie nicht gerade alltäglich. «Alle würden gerne bleiben, weshalb wir seit einiger Zeit nach einem Investor suchen.» Die Suche läuft noch, aber die Zeit wird langsam knapp.

An einen Investor glauben die Sartorios derzeit immer weniger. Dafür schwirrt ihnen eine neue, gar nicht so undenkbar scheinende Idee im Kopf herum. In den hinteren, grossen Räumen des Lokals, das im ehemaligen Fabrikensemble an der Werkstrasse integriert ist, lagern die aus Italien importierten Produkte von Selezione Sartorio, dem Vertrieb, der von Nino Sartorios Bruder und seinem Vater geführt wird. Diese Firma läuft autonom vom «Amici miei» – was sich künftig ändern könnte.
Eine Idee sei, dass der Vertrieb das Lokal übernehme und nur selektiv für Veranstaltungen öffne. Die Sartorios denken an Hochzeiten, Firmenevents und Weihnachtsessen für geschlossene Gesellschaften. Ob das «Amici miei» auf eine solche Weise nochmals Wurzeln in Rüti schlägt, steht derzeit in den Sternen. Auf alle Fälle ist die Familie Sartorio gemeinsam mehr als gewillt, alles daranzusetzen.