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Darum landet Kot und Urin aus der ganzen Schweiz in Uster

Eine Trockentoilette, eine Gärtnerei und eine philosophische Frage: Was unterscheidet uns Menschen von den Tieren?

Was fangen wir mit dem Material an, das hinten herauskommt? Eine Kompotoi-Trockentoilette in der Kompostierungsanlage der Kunz Baumschulen AG in Uster.

Foto: Kompotoi

Darum landet Kot und Urin aus der ganzen Schweiz in Uster

Dünger aus menschlichen Fäkalien

Kann und soll man menschlichen Kot und Urin als Dünger nutzen? Ja, finden Jojo Casanova von Kompotoi und Michael Kunz von den Kunz Baumschulen in Uster.

Michael Kunz, Inhaber der Kunz Baumschulen AG in Uster, greift mit beiden Händen in einen Komposthaufen und hält das Material den Besucherinnen und Besuchern sprichwörtlich unter die Nasen: «Wenn der Kompost nach Waldboden riecht und schön krümelig ist, dann ist er von hoher Qualität.»

Zwei Männer halten Kompost in ihren Händen und halten ihn einer Gruppe Menschen zum Beschnuppern hin.
Kompost soll krümelig sein und nach Waldboden riechen: Michael Kunz von der Kunz Baumschulen AG in Uster erläutert den Anwesenden den Prozess des Kompostierens. Im Hintergrund Jojo Casanova von Kompotoi.

Der Gärtner in Uster-Winikon verarbeitet in seiner Kompostierungsanlage jedes Jahr rund 3500 Tonnen Grüngut. 12 bis 15 Wochen dauert der Prozess, dann ist aus Rasenschnitt, Blätterwerk, Ästen und sonstigem Gartenabraum hochwertiger Kompost entstanden.

Kunz braucht diesen in den eigenen Kulturen, verkauft ihn aber auch an Gärtnereien in der Region: «Rund ein Viertel des Umsatzes machen wir mit dem Kompost. Das ist eine gute Ergänzung zu unserem Kerngeschäft.»

Kot und Urin aus Trockentoiletten

Ein paar Meter weiter mischt ein Arbeiter mit einer schweren Maschine, die entfernt an einen Traktor erinnert, eine helle Masse unter den in Entstehung befindlichen, dunkleren Kompost. «Das ist Supermaterial, weil es viel Stickstoff enthält», sagt Kunz. Um dieses «Supermaterial» geht es bei der Besichtigung des Familienbetriebs. Denn es stammt nicht aus den Gärten rund um Uster, sondern aus den Trockentoiletten von Jojo Casanova.

Eine grosse Maschine fährt über einen Haufen Kompost und mischt diesen.
Die helle Masse oben stammt aus den Kompotoi-Häuschen. Die Haufen werden während der Kompostierung regelmässig gewendet.

2012 hatte der Tösstaler mit einem Geschäftspartner den Verein Kompotoi gegründet, mittlerweile ist daraus eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Winterthur entstanden. Die Geschäftsidee: Die menschlichen Hinterlassenschaften aus den Trockentoiletten sollen nicht als Klärschlamm verbrannt, sondern in den Kreislauf zurückgeführt werden.

Denn im Gegensatz zum stark mit Schwermetallen belasteten Klärschlamm, der seit 2006 nicht mehr als Dünger ausgebracht werden darf, kann aus menschlichem Kot und Urin hochwertiger Kompost entstehen. Mit seiner Innovation wagte sich Casanova vor Jahren gar in die TV-Sendung «Höhle der Löwen».

Er verliess die Bühne damals zwar ohne Investorendeal, aber die Idee nahm Fahrt auf. Heute sind rund 1000 Trockentoiletten von Kompotoi mit ihrer typischen Holzverkleidung in der ganzen Schweiz im Einsatz – an Festivals, Sportveranstaltungen, Aussichtspunkten in den Bergen, in Parks und öffentlichen Anlagen oder auf Baustellen.

Zwei Männer stehen auf einem Betonplatz und erklären etwas. Beide tragen Baseballmützen und legere Kleidung. In Hintergrund sind eine blaue Maschine und ein mit grüner Folie abgedeckter Haufen zu sehen.
Jojo Casanova von Kompotoi und Michael Kunz, Inhaber der Kunz Baumschulen in Uster.

Doch es bleibt die eine beinahe philosophische Frage, die letztlich darüber entscheidet, ob Casanovas ökologische Alternative zu den weitverbreiteten Chemietoiletten tatsächlich sinnhaft ist. Die Frage lautet: Sind wir Menschen auch nur Tiere?

Die Krux mit den biogenen Abfällen

Der Gesetzgeber unterscheidet zwei Arten von Düngern: chemische, also synthetisch hergestellte Düngemittel (auf Basis von Stickstoff, Phosphor und Kalium), und organische Dünger, die aus biogenen Abfällen produziert werden – wie in Uster. Als biogene Abfälle bezeichnet die Verordnung über die Vermeidung und Entsorgung von Abfällen (VVEA) des Bunds ausdrücklich «Abfälle pflanzlicher, tierischer oder mikrobieller Herkunft».

Was aber ist mit unseren ureigenen Abfällen, also mit unserem menschlichen Kot und Urin? Diese Frage hatte sich nie gestellt, bevor Jojo Casanova auf den Plan trat. Deshalb wird sie vom Gesetzgeber bis dato auch nicht beantwortet. Das will Casanova ändern.

Zu diesem Zweck hat der Pionier gemeinsam mit Mitstreitern den Verein VaLoo ins Leben gerufen. Mit mehr als 100 Akteuren aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft sucht VaLoo nach Lösungen für eine kreislauffähige Sanitärversorgung. Dazu gehören das Wasserforschungsinstitut der ETH (Eawag), die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) oder auch die Firma Urimat. Unsere Hinterlassenschaften sollen in den Kreislauf zurückfinden. Das Vorhaben wird vom Migros-Pionierfonds ermöglicht.

Eine erste Antwort auf die Frage, ob Mensch oder Tier, stammt vom Juristen Hans Stutz. Der Umweltrechtler war einer der Referenten, als der Verein VaLoo die Resultate verschiedener Pilotversuche in den Kunz Baumschulen der Öffentlichkeit präsentierte. «Der Mensch ist als Homo sapiens ein Primat. Er gehört ins Tierreich», so die klare Botschaft. «Menschlicher Kot und Urin sind biogene Abfälle, aber vor dem Gesetz gelten sie nicht als biogen.»

Und deshalb dürfen sie auch (noch) nicht als Dünger in Verkehr gesetzt werden. Michael Kunz ficht das nicht an. Er nutzt den Kompost, der aus den Rohstoffen der Kompotoi-Toiletten gewonnen wird, auch nach dem Abschluss des Pilotversuchs. Er darf ihn zwar nicht verkaufen, aber er kann ihn weiter im eigenen Betrieb nutzen. «Zudem fallen jährlich lediglich etwa 90 Tonnen davon an», erklärt der Gärtner. Die Menge falle angesichts der 3500 Tonnen Grüngut, die er jedes Jahr kompostiert, kaum ins Gewicht.

Insgesamt wurden drei Pilotversuche durchgeführt: einer in Luzern und zwei in der Baumschule in Uster. Der Output aus den WC-Häuschen in Luzern wurde von der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut der ETH, unter anderem auf Arzneimittelrückstände untersucht. Im Fokus standen Antibiotika, aber auch nach Antidepressiva oder Diabetes-Medikamenten wurde gesucht.

Der Kompost aus Luzern wurde mit Gülle und mit Klärschlamm verglichen. Das Fazit von Eawag-Studienleiterin Lena Schinkel: Der Antibiotikawert sei im Klärschlamm 50-mal höher als in den untersuchten Kompostproben: «Auch in Gülle werden mehrheitlich höhere Antibiotikawerte gemessen.»

Im Ustermer Kompost wurde zudem von der Eawag und vom Institut Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW), nach Schwermetallen oder Krankheitserregern gesucht. Bei den Schwermetallen lag er unter den gesetzlichen Grenzwerten, auch hinsichtlich der Pathogene war er unbedenklich.

Die Pilotversuche in Uster und Luzern sind also ein Erfolg für Jojo Casanova und seine Kompotoi AG. Und vorderhand wird er die Hinterlassenschaften in seinen WC-Häuschen aus der ganzen Schweiz weiter nach Uster liefern. Gleichzeitig läuft der Bewilligungsprozess, den menschengemachten Dünger auch ausserhalb der Kunz Baumschulen zu verwenden.

«Keine grundlegenden rechtlichen Hindernisse»

«Der Umarbeitung von menschlichen Ausscheidungen in Dünger stehen keine grundlegenden rechtlichen Hindernisse entgegen», sagt Tom Hofmann vom zuständigen kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel). «Die Versuche zeigen, dass es funktioniert. Aber es fehlt eine explizite Regelung.» An dieser arbeitet das Awel im Verbund mit dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) und dem Bundesamt für Landwirtschaft.

«Es ist nicht das Tempo, das ich gerne hätte», gibt Casanova zu. «Aber der Kanton sieht den Sinn der Sache und unterstützt mich, Schritt für Schritt weiterzugehen.» Bis der menschliche Dünger hochoffiziell als solcher anerkannt und Jojo Casanova endlich am Ziel sein wird, dürfte dennoch das eine oder andere Geschäft in ein Kompotoi plumpsen.

Stinkt es eigentlich?

Und übrigens: Nein, der Kot und Urin in der Kompostieranlage in Uster stinken nicht zum Himmel. Die Hinterlassenschaften in den Kompotoi-WCs werden nach dem Stuhlgang jeweils mit Holzspänen bedeckt, die den Geruch absorbieren.

Wenn das Material in Uster angeliefert wird, besteht es zu rund 85 Prozent aus Sägemehl, zu 10 Prozent aus Kot und Urin und der Rest ist Toilettenpapier. Das alles verströmt zwar keinen Veilchenduft, aber ist auch nicht wirklich unangenehm.

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