Dank ihr können kleine Kinder Orgel spielen
Musikalische Pionierin in Dübendorf
Die Organistin der Reformierten Kirche Dübendorf-Schwerzenbach ist schweizweit eine treibende Kraft in der Kinderförderung an der Orgel. Mit ihrem Engagement bringt die gebürtige Chinesin Yun Zaunmayr frischen Wind in die verstaubte Orgelszene.
Die Orgel gerät zunehmend aus dem Blickfeld unserer Gesellschaft. Immer weniger Menschen besuchen Gottesdienste – ein bedauerliches Schicksal für ein Instrument, das man fast ausschliesslich in christlichen Kirchen findet.
«Viele glauben, dass man auf der Orgel nur sakrale, ernste Musik spielen kann», sagt Yun Zaunmayr, die Organistin der Reformierten Kirche Dübendorf-Schwerzenbach. «Das stimmt aber überhaupt nicht: Auch Stilrichtungen wie Jazz, Pop, Boogie, Volksmusik oder Heavy Metal sind möglich.»
Die aus China stammende Musikerin, die bereits im Alter von vier Jahren ihr erstes Instrument spielte, ist von der Orgel begeistert. Seit 2011 lebt sie in der Schweiz, wo sie nach Studien in Wien und Basel nun in Lenzburg zu Hause ist.
Zaunmayr ist besonders beeindruckt vom kraftvollen Klang der Orgel und davon, wie viel Koordination das Instrument erfordert. «Die Orgel zu spielen, fühlt sich an, als wäre ich die Dirigentin eines ganzen Orchesters – die Töne erfüllen jeden Winkel des Raums.»
Versteckt hinter dem grössten Instrument der Welt
Diese Faszination teilt sie mit ihren 17 Schülerinnen und Schülern, die sie neben ihrer Tätigkeit als Kirchenorganistin überwiegend in Dübendorf unterrichtet. Sie sagt: «Die Kinder sind begeistert von den vielen Knöpfen, den lauten Klängen und vom Spielen mit den Füssen auf den Pedalen.»
Auch die Grösse der Orgel schrecke die Kinder nicht ab. Im Gegenteil: «Gerade schüchterne Kinder mögen es, sich hinter dem grossen Spieltisch verstecken zu können», sagt sie. Wenn sie das Instrument dann besser beherrschten, würden sie förmlich aufblühen.
Die Schüler von Zaunmayr sind zwischen 6 und 17 Jahre alt. Eine Altersspanne, die keineswegs selbstverständlich ist und erst 2014 möglich wurde. Sie erklärt: «Früher durften Kinder erst ab zwölf Jahren mit dem Orgelunterricht beginnen und mussten zuvor bereits Klavier spielen können.»
Zaunmayr empfand diese Vorgaben als Hürde, die vielen Kindern den Einstieg unnötig erschwerte. In Zusammenarbeit mit der Luzerner Orgelbaufirma Goll entwickelte sie daher spezielle Kinderpedale aus Holz, die sich über das reguläre Pedalwerk der Orgel stecken lassen. So können bereits Fünfjährige mit kurzen Beinen das Instrument spielen.
Doch auch wenn sie den Zugang zur Orgel für kleine Kinder erleichtern konnte, stellte die junge Lehrerin schnell fest, dass es an geeignetem Lehrmaterial mangelte. «In der Orgelpädagogik hat sich in den letzten Jahrzehnten wenig getan», sagt sie.
Also initiierte sie 2019 einen Wettbewerb, bei dem Komponisten einfache und kindgerechte Stücke für Orgelanfänger einreichen konnten. Diese Werke setzt Zaunmayr noch heute in ihrem Unterricht ein. «Es ist ein grosser Wunsch von mir, die Wettbewerbskompositionen zu publizieren, aber es ist sehr schwierig, einen Verlag zu finden», sagt sie.
Die treibende Kraft in der Szene
Das war aber nur der Beginn ihres Engagements für die Orgel. So ist sie oft unterwegs, um ihre Arbeit mit Kindern an anderen Schulen, auch in Deutschland oder Österreich, vorzustellen. Daneben besucht sie mit ihren Schülern Orgelbaufirmen, spielt mit ihnen an Festivals, präsentiert das Instrument regelmässig am Tag der offenen Tür der Musikschule Region Dübendorf und organisiert zahlreiche Konzerte in Zusammenarbeit mit der Kirche oder einer Tanzgruppe. Auf der Videoplattform Youtube hat sie schon Dutzende Videos ihrer Projekte veröffentlicht.


Ihre Mühen blieben nicht fruchtlos. «Immer mehr Musikschulen in der Schweiz, Deutschland und Österreich bieten inzwischen Orgelunterricht für Kinder an – eine Entwicklung, die durch meine Arbeit inspiriert wurde», so Zaunmayr. Davon ist sie selbst überrascht: «Die Orgelpädagogikszene ist in den vergangenen Jahren viel grösser und lebendiger geworden.»
Das spürt sie auch an der wachsenden Nachfrage nach ihrem Unterricht. «Ich würde gerne mehr unterrichten. Aber es gibt halt wenige Orgeln und viele interessierte Kinder», sagt Zaunmayr und lacht. Statt sie zu ermüden, erfüllen ihre Arbeit und ihr unermüdliches Engagement sie mit Freude. «Ich liebe das Unterrichten. Ich liebe die leuchtenden Augen der Kinder, wenn sie die Klänge der Orgel hören.»
Ein komplexes Bauwerk
Die Orgel in der reformierten Kirche Wil in Dübendorf ist über 50 Jahre alt und befindet sich grösstenteils verborgen hinter den Kirchenwänden. Am Spieltisch befinden sich neben den drei Manualen – also den Tastenreihen – noch 37 hervorstehende Knöpfe. Wenn die Organistin die sogenannten Register hervorzieht, verändert sie die Klangfarbe. Es können auch mehrere Register gezogen werden, wodurch mehrere Pfeifen gleichzeitig klingen. Unter den Manualen sind die Pedale, mit denen die tiefen Töne gespielt werden.
Neben den Registern befindet sich ein kleiner Computer, über den sich Registerwechsel während eines Stücks im Voraus programmieren lassen. Dadurch ist keine Zweitperson nötig, die sie während des Spiels betätigt.
Die 2364 Pfeifen der Dübendorfer Orgel bestehen aus unterschiedlichen Materialien und variieren stark in ihrer Grösse: Die grösste ist beinahe 4,80 Meter lang, die kleinste gerade einmal 5 Zentimeter. Sie erzeugen Klänge, die an andere Instrumente wie Flöten, Klarinetten oder Trompeten erinnern. Die Luft, die sie zum Klingen bringt, stammt aus einem grossen Blasbalg im Hintergrund, der heute von einem Motor angetrieben wird. Früher waren dafür mehrere Personen nötig, die den Blasbalg mit den Füssen in Bewegung hielten.