Coach, Motivator, «glatte Cheib»
«Jetzt stehlen wir einen.» Marc Brügger sitzt auf der Tribüne in der Wetziker Curlinghalle und beobachtet konzentriert das Team Davos im Spitzenspiel gegen Zürich. Die Skips Mirjam Ott und Luzia Ebnöther spielen offensiv und schenken einander nichts – obschon es um nichts geht.
Beide Teams waren schon vor dieser Runde für die Playoffs qualifiziert. «Natürlich wollen wir dieses Spiel gewinnen – das wäre gut für die Moral», sagt Brügger. «Wir», das ist das Team Davos. Für Skip Mirjam Ott bedeutete der Klubwechsel von Flims nach Davos auch einen Trainerwechsel. «Sie fragte mich an, und ich sagte nach Rücksprache mit der Familie zu.» Ein Fulltime-Job ist es für ihn nicht, sein Geld verdient er in der Bauspenglerfirma, die er zusammen mit seinem Bruder führt. «Am Vormittag holte ich die Aufträge herein, nun sitze ich in der Curlinghalle.»
Der 43-jährige Vater eines Sohnes ist ein erfahrener Coach. Das ehemalige Berner Team von Luzia Ebnöther trainierte er von 2000 bis 2005 mit beeindruckendem Erfolg: Neben der Silbermedaille an den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City gewann das Team 2004 WM-Bronze; bei zwei EM-Teilnahmen resultierten Silber (2003) und Bronze (2001). Seine Karriere als Elitecurler beendete Brügger vor rund zehn Jahren.
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Im Palmarès figurieren ein Schweizer-Meister-Titel (1989), ein sechster WM-Rang (1990) sowie (als Ersatzspieler) eine EM-Bronzemedaille (1991). Heutzutage spielt er nur noch «zum Plausch» Curling – auch dies mit Erfolg: Vor Jahresfrist holte Brügger für den CC Dübendorf den nationalen Meistertitel im Open-Air-Curling; in der Zürcher Superliga besitzt sein Team Dübendorf 3 heuer alle Chancen auf den Finaleinzug.
Die Partie steht im 8. End, die Davoserinnen führen 6:5. «Eigentlich müsste sie nun einen Take-out spielen.» Mirjam Ott kann Brüggers Worte nicht hören; eine Glasscheibe trennt die Tribüne von den Rinks. Sie entscheidet sich für eine andere Variante. Ein Fehlstein einer Davoserin ermöglicht Ebnöther, in der Folge 6:6 auszugleichen. Der Coach nimmts gelassen: «Richtig oder falsch ist eigentlich nie etwas – auch der Take-out hätte in die Hose gehen können.»
Einfluss nehmen kann Brügger während eines Spiels nur sehr begrenzt. Im Curling ist das Coaching wie im Tennis sehr passiv. Lediglich drei- bis viermal kann Brügger während einer Partie mit seinem Team sprechen. Zwei Time-outs stehen den Equipen zur Verfügung, bei einem allfälligen Zusatzend käme ein drittes dazu. Und in der kurzen Pause nach dem fünften End ist keine Zeit für Analysen. «Da geht es darum, die Konzentration aufrechtzuerhalten.» Je nach Spielstand müsse er sein Team motivieren.
«Heute war das aber nicht nötig.» Die Davoserinnen wirken souverän, Probleme gibt es keine. Brügger sieht das den Spielerinnen an. «Wenn die Nummer zwei ihre Jacke nach dem zweiten End noch an hat, dann ist irgendetwas nicht gut», sagt er und lacht.
Je länger das Spiel dauert, desto angespannter ist Brügger. «Das ist normal und kommt ganz unbewusst.» Wirklich nervös sei er nie, sagt der Dübendorfer. Er wirkt cool, lockert die Stimmung bei den Sitznachbarn mit Sprüchen auf. «Im Final ist mein Puls dann aber sicher um einiges höher.»
Dass es um den 43-Jährigen lustig zu und her geht, bestätigt Carmen Schäfer, Vizeskip von Davos. «Wir vier und Marc sind ein Fünferteam. Er ist ein super Trainer – direkt, spontan und sehr motivierend.» Zwar könne er auch mal laut werden, «wenn wir es brauchen», doch es werde oft viel gelacht. Und für Luzia Ebnöther ist der Dübendorfer nicht nur ein «fröhliches Energiebündel», sondern auch «eifach en glatte Cheib».
Die Davoserinnen entscheiden die Partie letztlich 8:6 zu ihren Gunsten. «Das war das beste Spiel der Woche», sagt Brügger und verabschiedet sich zum traditionellen Apéro der beiden Teams.
