Büchi AG in Uster feiert 80-jähriges Bestehen
Hightech und Handwerk
«Hidden Champions» nennt man mittelständische Unternehmen, die in ihrer Nische Weltmarktführer sind. Ein solcher «versteckter Meister» ist die Büchi AG in Uster.
Begonnen hat die Firmengeschichte der Büchi AG vor 80 Jahren. Der Zweite Weltkrieg war eben zu Ende gegangen, als sich die Brüder Jakob und Hermann Büchi im Jahr 1946 in Uster selbständig machten. Dort stellten sie verschiedenste Artikel aus Glas her – unter anderem gläserne Gussformen für Schnuller.
Den Durchbruch schafften die beiden mit Produkten für die chemische und pharmazeutische Industrie. Diese Branchen bilden bis heute die tragende Basis des Familienunternehmens mit 110 Vollzeitstellen und fünf Lernenden.
Anlässlich des Jubiläums blicken Firmenchef Silvio Büchi und COO Jürg Krauer zurück auf acht Jahrzehnte Firmengeschichte, eine matchentscheidende Erfindung, die Sinnhaftigkeit des Tuns, viel Papier und ungebetene Anrufer.
Was mit den Anlagen von Büchi produziert wird und wer sie kauft
Büchi entwickelt und fertigt Forschungs- und Produktionsanlagen für verschiedene Industriezweige, aber auch für Hochschulen und Forschungsinstitute. In diesen Anlagen und Apparaten werden unter anderem pharmazeutische Wirkstoffe, Spezialchemikalien, Beschichtungen für Kontaktlinsen, Herzschrittmacher und Stents, Farben und Duftstoffe, hochfeste Kunststoffe oder auch Batteriemembranen hergestellt. «Ohne Chemie würden wir alle auf dem nackten Boden sitzen», stellt Firmenchef Silvio Büchi trocken fest.
Stolz ist die Familie auf den Beitrag zur Forschung und Entwicklung von neuen Medikamenten. Im Gespräch erwähnt Büchi verschiedene Wirkstoffe, die in den Reaktoren aus Uster entstehen: darunter eine HIV-Kombinationstherapie, Hepatitis-C-Medikamente oder ein Brustkrebsmedikament. «Bei uns muss sich keiner fragen, wieso er am Morgen aufsteht.»
Auf der Kundenliste stehen Firmennamen weltbekannter Unternehmen. Öffentlich genannt werden wollen diese Firmen nicht. Vertraulichkeit spiele eine grosse Rolle, erklärt Krauer. Auch Hochschulen wie die ETH, die Universität Zürich, die University of California in Berkeley oder die King Saud University in Riad nutzen die in Uster hergestellten Apparate und Anlagen.



Die Palette der Büchi AG umfasst im Wesentlichen zwei Bereiche: Reaktorsysteme aus Glas sowie Druckreaktoren für chemische Reaktionen, die hohe Druck- oder Temperaturbereiche benötigen. Stark sei man vor allem im Segment der sogenannten Kilolabore, erklärt Silvio Büchi. In diesen werden für klinische Studien erste patiententaugliche Kleinmengen von Wirkstoffen produziert, sie sind die Stufe von der Forschung zur Massenproduktion: «Wir sind Technologie- und Qualitätsführer.»
Wieso die Büchi AG auch eine Papierfabrik ist
Silvio Büchi ist seit 2013 im Unternehmen tätig. Zuvor hatte der 39-jährige Enkel von Firmengründer Jakob Büchi an der Universität St. Gallen (HSG) Betriebswirtschaft studiert. 2016 wurde er Chief Executive Officer, seit 2024 ist er auch Präsident des Verwaltungsrats.
An seiner Seite: Jürg Krauer, Doktor der ETH Zürich, Chief Operating Officer und seit 2015 im Unternehmen tätig. Die Firmentreue ist kein Zufall und auf sämtlichen Ebenen gefragt. «Viele Mitarbeitende sind seit mehr als zehn Jahren bei uns», sagt Krauer, der nebenbei im Gemeinderat Uster für die FDP politisiert.

Büchi ergänzt: «Wenn jemand einen Horizont von weniger als fünf Jahren hat, ist er bei uns am falschen Ort. Es braucht viel Zeit, bis jemand im Thema drin ist.» Viele der Mitarbeitenden stammen von der ETH oder den Fachhochschulen, Büchi bildet auch selbst Fachkräfte aus, beispielsweise Apparateglasbläser. «Es braucht Neugierde und Sorgfalt – und etwas zwischen den Ohren», fasst der Firmenchef das grundsätzliche Anforderungsprofil zusammen.
Diese Sorgfalt wird auf einem Rundgang durch den Betrieb spätestens bei den Apparateglasbläsern offensichtlich. Mit viel Geduld bringen sie das Glas auf die richtige Temperatur und schmelzen millimetergenau die Ein- und Auslässe an. Dafür sind zahlreiche Arbeitsgänge nötig, zwischen denen das Glas immer wieder langsam abkühlen und entspannen muss, bevor es weiterbearbeitet werden kann.

«Hier in Uster machen wir Hightech mit einer handwerklichen Komponente – und das in einem hochregulierten Umfeld», sagt Büchi und fügt lächelnd an: «Wir sind deshalb auch eine Papierfabrik.» Was er damit meint: Mit einer Anlage aus Uster können gut und gerne 500 Seiten Dokumente und Zertifikate mitgeliefert werden.
Das hat gute Gründe. So werden beispielsweise sogenannte «HPAPI» in den Reaktoren hergestellt: Die Abkürzung steht für Highly Potent Active Pharmaceutical Ingredients, auf deutsch hochwirksame pharmazeutische Wirkstoffe. Das können Medikamente zur Chemotherapie von Krebserkrankungen sein. Jürg Krauer: «Der Patient erhält Dosen von Mikro- oder Milligramm. Produziert werden in unseren Reaktoren aber Kilogramm.» Und die sind in diesen Mengen potenziell hochgiftig.
Ein anderer Grund sind die Druckreaktoren, die bis zu 1000 bar aushalten. Um diese Zahl in Relation zu setzen: Ein solcher Druck herrscht am tiefsten Punkt der Erde, in mehr als 10’000 Metern Tiefe im Marianengraben. Das entspricht einem Gewicht von 10’000 Tonnen, die auf einem Quadratmeter lasten. Büchi: «Ein solcher Druckreaktor ist eine Bombe.»
Glasreaktoren machen einen Anteil von 60 Prozent des Umsatzes aus, 40 Prozent stammen von den Druckreaktoren. In dieses Geschäftsfeld stiess Büchi in den 1970er Jahren mit einer Übernahme vor. Wie hoch der Umsatz ist, darüber schweigt man sich im Familienunternehmen aus.
Wie alles begann und wieso Verwechslungsgefahr besteht
Neben dem Hauptsitz an der Gschwaderstrasse unterhält das Unternehmen heute Standorte in den USA und Indien, eine Vertriebsgesellschaft mit mehreren Niederlassungen in Osteuropa sowie ein Joint Venture in China. Die Fertigung der Apparate und Anlagen findet ausschliesslich in Uster statt. Standardlösungen gibt es zwar, werden jedoch wenig nachgefragt, fast jede Anlage ist einzigartig. 80 bis 85 Prozent der Produktion sind für den Export bestimmt.
Der wirtschaftliche Durchbruch war Jakob und Hermann Büchi wenige Jahre nach der Firmengründung mit «Büchiflex» gelungen. Das System verbindet Glasrohre dicht, flexibel und spannungsfrei und wird bis heute produziert. Patentgeschützt war «Büchiflex» nie. «Aber es ist nicht ganz trivial, so etwas herzustellen», sagt Silvio Büchi. Aus diesem Grund wurde es bis heute auch nie kopiert.
Aus dem Erfolg mit gläsernen Rohrleitungen entwickelte sich das Unternehmen weiter – bis zum Bau kompletter Anlagen. Büchi: «Glas ist ein fantastischer Werkstoff. Es ist sehr reaktionsarm, glatt und vor allem: Man sieht durch.» Das ist gerade in der Chemie, die immer noch sehr handwerklich ist, eine wichtige Eigenschaft.
Bevor Jakob und Hermann Büchi in Uster die Büchi AG gründeten, hatten sie in der Ostschweiz mit ihrem älteren Bruder Walter zusammengearbeitet. Ein Umstand, der bis heute immer wieder für Missverständnisse sorgt: Denn auch der Firma von Walter Büchi war Erfolg beschieden: Die Büchi Labortechnik AG in Flawil stellt heute ebenfalls Laborapparate von Weltruf her.
Familieninterne Rivalen? «Keineswegs», sagt Silvio Büchi. «Wir konkurrenzieren uns nicht, unsere Produkte ergänzen sich vielmehr.» Aufgrund des sehr ähnlichen Firmennamens komme es zwar vor, dass Bestellungen für die Flawiler Büchi in Uster eingehen – und umgekehrt. «Aber solche Bestellungen reichen wir einfach weiter – und die Ostschweizer Verwandten tun dasselbe.»
Wie es mit dem Familienunternehmen weitergehen soll
Heute kontrollieren Jakob Büchis Sohn Werner und Enkel Silvio das Ustermer Familienunternehmen. «Generationenübergreifende Unternehmen funktionieren nur, wenn das Aktionariat kompakt bleibt», sagt Silvio Büchi. Aktionäre, die nicht im Unternehmen tätig sind, setzten andere Prioritäten. «Wir haben langfristige Ziele und wollen das Unternehmen weiterbringen. Quartalsergebnisse interessieren uns nicht.»
Die operative Nähe der Chefetage sorge für klare Kompetenzen und kurze Entscheidungswege: «Wenn wir beispielsweise bei der Entwicklung einer Anlage feststellen, dass wir dazu eine neue Software brauchen, können wir das in einer Stunde entscheiden. Und wir haben sehr flache Hierarchien.»
Die Büchi AG ist Familiensache und soll es auch bleiben. «Ich erhalte regelmässig Telefonate von Finanzinvestoren, die bei uns einsteigen wollen. Das war in den letzten 80 Jahren kein Thema und wird auch in Zukunft keines sein.»