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Einen vollen Teller oder doch lieber den Lohn ausgleichen?

Essen wie ein Mädchen? Nicht mit dieser Journalistin.

Foto: Marie Fredericq

Einen vollen Teller oder doch lieber den Lohn ausgleichen?

Tösswegs

Um Punkt 12 Uhr öffnet sich in jedem Büro ein Fächer an Entscheidungen rund um das Mittagessen. Soll man die konzentrierten Mitarbeitenden ihrem Arbeitsfluss entreissen und sie an den Esstisch locken oder doch noch ein paar Minuten warten? Wohin soll es gehen: Pizzeria, Bäckerei oder Metzgerei? Und was gibt es überhaupt, Fleisch oder Vegi?

Die Mittagszeit ist mir heilig. Man lässt das Hirn etwas verschnaufen und versüsst sich die Zeit mit harmlosen Gesprächen unter Kolleginnen und Kollegen. Das Wichtigste ist jedoch zweifellos die Mahlzeit selbst. Um zwölf wird mein Körper wieder vollgetankt. Oder sollte er zumindest.

Denn wenn ich mit meinen Kollegen in der Schlange beim Buffet stehe und sehnlichst auf mein warmes Mittagessen warte, werde ich nicht selten enttäuscht. Für die Männer gibt es zwei Stücke Fleisch, richtig viele Kartoffeln und ein paar Karottenscheiben, die so aussehen, als hätten sie sich auf dem Teller verirrt.

Meine Portion sieht hingegen ganz anders aus. Es gibt viel Gemüse, bei den Kartoffeln wird etwas gespart, und das Fleisch ist so hauchdünn, dass es schon fast durchschimmert. «En Guete», sagt der Schöpfende und grinst mich wie ein Honigkuchenpferd an.

Selbstverständlich sträubt sich niemand, mir auf meine Bitte hin den Teller noch etwas mehr zu füllen. Aber es stellt sich doch die Frage: Haben Frauen wirklich weniger Appetit, oder fügen wir uns – bewusst oder unbewusst – den gesellschaftlichen Erwartungen?

Google legt an den Tag, dass das Essverhalten zwischen Mann und Frau messbare Unterschiede aufweist: Männer mögen Wurst und Bier, Frauen Früchte und Gemüse. Wie unverschämt einfach das doch klingt. Tatsächlich habe das aber wenig mit der menschlichen Biologie zu tun, sondern widerspiegle die Esskultur der Gesellschaft.

Denn Frauen haben nicht per se einen kleineren Magen als Männer. Die Magengrösse hängt nicht vom Geschlecht ab, sondern von individuellen Ausprägungen. Also zum Beispiel von der Körpermasse.

Menschen identifizieren sich mit dem, was sie essen. Darum gibt es auch die verschiedenen Kategorien: die männlichen und harten Karnivoren, die unentschlossenen Flexitarier und die verbissenen, Birkenstock tragenden Veganerinnen. Nicht zu vergessen zucker- und glutenfrei, die Zunft der kulinarischen Puristen. Unser Essverhalten dient nicht nur zum Überleben, sondern auch dazu, unsere Wertvorstellungen nach aussen zu tragen.

Und schon als Kind werden wir in solche Raster gedrängt: Buben müssen gross und stark werden, und Mädchen essen eben «wie es Meitli». Wenig. Dabei müssen Frauen doch auch gross und stark werden.

Wie sonst sollen sie Lohnungleichheiten, unbezahlter Care-Arbeit oder einem hohen Rentenalter begegnen können? Oder wie sollen sie sich überhaupt gegen einen Angreifer wehren, der einen opulenten Zmittag verschlungen hat, während ihnen mit ein paar Salatblättern Luft zugefächert wurde?

Nun, mit einem vollen Teller allein wird man das Patriarchat kaum stürzen können. Aber gut gesättigt dürfte der Kampf zumindest leichter fallen.

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