Blaulicht

Kampagne in Volketswil

Polizisten jagen E-Scooter-Fahrer durchs Quartier

In Volketswil haben die Einwohner die Nase voll von rücksichtslosen E-Roller- oder E-Trottinett-Fahrern. Mit einer Plakatkampagne und actionreichen Verfolgungen will die Polizei wieder Ordnung in die Gemeinde bringen.

Polizisten jagen E-Scooter-Fahrer durchs Quartier

In Volketswil haben die Einwohner die Nase voll von rücksichtslosen E-Roller- oder E-Trottinett-Fahrern. Mit einer Plakatkampagne und actionreichen Verfolgungen will die Polizei wieder Ordnung in die Gemeinde bringen.

Die Spritzfahrt des E-Scooter-Fahrers endet an diesem Mittwochnachmittag in Handschellen. Der 13-Jährige wird in einem Wohnquartier in Volketswil von der Gemeindepolizei festgenommen. Zuvor lieferte er sich mit einem Motorradpolizisten eine wilde Verfolgungsjagd.

Aber von vorne: Diesen Sommer macht die Gemeindepolizei Volketswil mit einer Sensibilisierungskampagne auf die Regeln rund um E-Scooter und E-Roller aufmerksam. Sie hängte Plakate auf, verteilte Flyer und bespielte zusammen mit der Kinder- und Jugendarbeit Social-Media-Kanäle.

Drei Flyer auf dem Tisch.
Diese verschiedenen Flyer sollen die Volketswiler Bevölkerung sensibilisieren.

Der stellvertretende Polizeichef Andreas Gerber erklärt bei der Einsatzbesprechung auf dem Polizeiposten die Beweggründe für «Volketswil rollt sicher». «Aus der Bevölkerung erhielten wir Rückmeldungen zum Fahrstil von E-Scooter- und E-Roller-Fahrern. Manche Spaziergänger fühlten sich zum Beispiel im Griespark nicht mehr sicher.» Der Anstoss für die Kampagne sei schliesslich aus dem Gemeinderat gekommen.

Im Fokus stehen deshalb die wichtigsten Verkehrsregeln. Dazu gehört etwa, die Höchstgeschwindigkeit einzuhalten – maximal 20 km/h mit E-Scootern und 25 km/h mit E-Rollern –, sowie eine vorschriftsgemässe Ausrüstung mit Licht und Hupe.

Neuralgische Punkte kontrollieren

Den Polizisten ist klar, dass die Regeln nicht allein mit einer Plakatkampagne durchgesetzt werden können. Deshalb fahren sie diesen Sommer vermehrt Einsätze mit dem Ziel, E-Roller- und E-Scooter-Fahrer zu kontrollieren.

So auch an diesem sommerlich schwülen Mittwochnachmittag. Es sind Sommerferien, und es wird ein Gewitter vorausgesagt. Die Erwartungen des Einsatzteams, auf viele Trendfahrzeuglenker zu treffen, sind tief. Zur Gruppe gehören: Einsatzleiter Andreas Gerber und Martina Frost (im Einsatzfahrzeug), Marcel Weller (im Zivilfahrzeug) und Andreas Ehrensberger (auf dem Motorrad).

Gerber erklärt das Ziel der Aktion: «Wir wollen Präsenz zeigen und die Verkehrssicherheit erhöhen.» Falls es zu einer Verfolgung kommen sollte, «reagieren wir verhältnismässig. Die Sicherheit aller steht dabei immer an erster Stelle.» Und dass es zu einer Flucht komme, sei nicht etwa selten. Das erzählt Frost, die das Einsatzfahrzeug zum hinteren Parkplatz des Griesparks gelenkt hat. «Manche, überwiegend jüngere Lenker haben es sich zum Sport gemacht, vor der Polizei zu flüchten. Auch wenn ihnen nichts vorzuwerfen ist.» Und solche Fluchten könnten schnell gefährlich werden.

Die ersten Flüchtenden

Deshalb warten sie und Gerber bei der Ausfahrt des Restaurants, während Ehrensberger und Weller den Rest des Areals abfahren. Verbunden sind sie über Funk, um sich gegenseitig über flüchtende Fahrer warnen und ihnen den Weg abschneiden zu können.

Aber im Griespark sind keine E-Roller oder E-Scooter zu finden. Also geht es weiter auf dem Gemeindegebiet. Gerber erklärt, dass sie Orte wie Schulhäuser, Kindergärten, Tankstellen oder ähnliche Treffpunkte routinemässig abfahren. Als Frost gemächlich durch Quartierstrassen in Hegnau kurvt, passieren sie eine Frau und ein Kind. Der kleine Junge zeigt mit dem Finger aufgeregt auf seine lachende Mutter, als wollte er sagen: «Nehmt sie mit!»

Dann kommt der Funkspruch von Ehrensberger auf dem Motorrad: «Ich habe zwei E-Scooter-Fahrer entdeckt.» Frost schaltet sofort die Sirene an, mit dem gemächlichen Fahrstil ist es vorbei. Sie drückt aufs Gas, versucht, so schnell wie möglich aus dem Quartier zu gelangen.

Ein Trend, der Probleme macht

Zuvor hat Gemeindepolizistin Martina Frost erzählt, dass E-Scooter- und E-Roller-Fahrer häufig gegen die Regeln verstossen. «Vielen Leuten sind die gesetzlichen Vorgaben nicht bewusst. Zum Teil beobachten wir, dass Eltern ihre Kinder auf dem E-Scooter zum Kindergarten bringen.» Und das, obwohl diese Fahrzeuge nicht zu zweit gefahren werden dürfen.

Gerber ergänzt: «Die häufigsten Verstösse sind zu schnelles oder riskantes Fahren. Einige sind auch ohne Führerschein oder ohne Licht unterwegs, fahren zu zweit oder sind schlicht zu jung.» Immer wieder konfisziere die Gemeindepolizei zudem getunte Fahrzeuge, bei denen die Geschwindigkeitsbegrenzung entfernt worden sei. «Das schnellste Fahrzeug, das wir je gemessen haben, fuhr 60 km/h.»

Zwei Polizisten vor einem Auto.
Andreas Gerber und Martina Frost haben beide langjährige Erfahrung bei der Polizei.

Neben den Regelverstössen würden die Fahrzeuge auf gemeinsam genutzten Fuss- und Radwegen oder wegen Hupkonzerten auf öffentlichen Plätzen für Konflikte und Unsicherheit sorgen. Frost ergänzt: «Die E-Scooter und E-Roller sind beliebt, weil sie handlich sind und sich leicht verstauen lassen.»

Es sei ein Trend, der bei den überwiegend minderjährigen und männlichen Fahrern das Töffli abgelöst habe. Im Gegensatz zum Töffli seien die Trendfahrzeuge aber oft nicht haftpflichtversichert, so Gerber. «Kommt es dann zu einem Unfall, können sich neben strafrechtlichen Konsequenzen auch Haftungs- und Versicherungsfragen stellen.»

Adrenalin und Frustration

Wie sich später herausstellt, sind auch diese Flüchtenden noch nicht volljährige Jungs. Während Frost im Quartier beschleunigt, kommt es fast zu einem Zusammenstoss mit zwei Velofahrern. Frost flucht, murmelt vor sich hin: «Na los, geht weg!», während ihr Gerber Weganweisungen gibt. Doch sie fährt in eine Sackgasse im Quartier neben dem Hellwies-Schulhaus.

Kurzerhand biegt sie auf einen Fussgängerweg ab, holpert mit dem grossen Einsatzfahrzeug über den zu schmalen Pfad, bis sie vor einem Poller bremsen muss. Also gehts über die Wiese. Im Fahrzeug rumpelt es, Frost flucht, die Ausrüstung im Kofferraum fliegt hin und her, und Gerber versucht wegen der schlechten Verbindung vergeblich, mit Ehrensberger auf dem Motorrad per Funk zu kommunizieren.

Eine hastige Baustellenumfahrung später treffen sie endlich den Motorradpolizisten auf dem Areal hinter dem Hegnauer Markt. Aber ohne E-Scooter-Fahrer. Ehrensberger tauscht sich aufgeregt durch das Autofenster mit Gerber aus: «Sie sind geflüchtet. Dabei scheuten sie gar nichts: Sie haben versucht, mich auszubremsen, und sind schliesslich über Treppen abgehauen. Sie kennen sich hier bestens aus.»

Unter den teils skeptischen, teils neugierigen Blicken der zahlreichen Erntehelfer eines nahen Landwirtschaftsbetriebs fahren die Polizisten das Gelände ab. Die Personenbeschreibung von Ehrensberger: «Einer von ihnen ist sehr schlank, der andere sieht südländisch aus. Sie sind zwischen 12 und 14 Jahre alt.» Als sie einen der Arbeiter nach Auskunft fragen, hebt dieser nur kopfschüttelnd die Hände. Die Jungs sind nirgends zu finden. Der Motorradpolizist witzelt: «Die hatten wahrscheinlich den Schock ihres Lebens und liegen jetzt zu Hause unter ihrem Bett versteckt.»

Frost hat die Sirene wieder ausgeschaltet. Gerber versucht, sein Team zu sammeln. «Das war frustrierend», sagt er. «Jetzt lassen wir erst mal das Adrenalin sacken. Immerhin gab es keinen Sachschaden.»

Die zweite Flucht

Mit Ehrensberger kommunizieren sie mittlerweile per Telefon, da die Funkverbindung zu schlecht war. Während sie über die vergangene Flucht diskutieren, kurven die vier Polizisten durch weitere Quartiere. Bis der Motorradpolizist gut hörbar über sein Helmmikrofon meldet: «Ich habe schon wieder einen, der abhaut.»

Dann hört man ihn erbost rufen: «Versuchst du jetzt wirklich, zu verschwinden? Halt an, oder ich werfe dich runter! Ich sags dir!» Während das Aufjaulen des Motorrads durch die Freisprechanlage tönt, drückt auch Frost wieder aufs Gas. Über das Heulen der Sirene versucht Gerber herauszufinden, wohin Ehrensberger und der Flüchtende fahren. Aber der Motorradpolizist ist zu beschäftigt für eine klare Auskunft, und die GPS-Ortung von seinem Fahrzeug scheint nicht zu funktionieren.

Frost fährt ziellos durch ein Quartier. Ehrensbergers schwerer Atem und das Schreien des jungen E-Scooter-Fahrers im Hintergrund sind zu hören. Der Polizist ruft erneut: «Was stimmt mit dir nicht? Halt einfach an!» Einsatzleiter Gerber versucht, Ehrensberger zu beschwichtigen, gleichzeitig die Ortung zum Laufen zu bringen und Frost Weganweisungen zu geben.

Schliesslich verebbt das Motorengeräusch. Dafür hört man lautes Keuchen von Ehrensberger und die panische Stimme des Jungen, dieses Mal nah. Der Motorradpolizist versucht, ihn zu beruhigen. «Alles ist gut.» Aber er fügt hinzu: «Jetzt hast du ein grosses Problem.»

Ehrensberger scheint den Jungen verhaftet zu haben. Gerber und Frost, die immer noch orientierungslos durch die Quartierstrassen fahren, können ihm endlich eine Standortbeschreibung entlocken.

Leviten lesen von allen Seiten

Gleichzeitig mit Weller im zivilen Fahrzeug kommen sie in einem ruhigen Familienquartier in der Nähe der Zentralstrasse an. Sie hasten in die Richtung, aus der laute Stimmen zu hören sind. Auf einem Spielplatz im Vorhof mehrerer hoher Wohngebäude ist das Motorrad zu sehen. Es liegt umgekippt auf der Seite, und im Sturzbügel haben sich Gras und Erde verfangen.

Ein Polizeitöff liegt auf der Seite.
Bei einer Verfolgungsjagd bleibt nicht immer Zeit, das Motorrad richtig zu parken.

Dahinter offenbart sich die Szene: Ein Jugendlicher in hellem T-Shirt und kurzen Trainerhosen sitzt auf einem grossen Stein, die Hände stecken hinter seinem Rücken in Handschellen. In dem Moment, als die drei Polizisten zu Ehrensberger stossen, stürmt ein Anwohner auf den Jungen zu.

Energisch zeigt er mit dem Finger auf dessen Gesicht, eine Hand in die Hüfte gestützt, und lehnt sich vor. Er beschimpft ihn: «Seit vier Tagen macht ihr hier Radau! Es wurde auch Zeit, dass man euch erwischt.» So schnell, wie er gekommen ist, verschwindet er auch wieder.

Die meisten anderen Anwohner aber bleiben. Sie stehen neugierig herum und filmen, lehnen sich aus dem Fenster oder verstecken sich hinter einem Vorhang. Der E-Scooter-Fahrer beteuert derweil seine Unschuld: «Ich schwöre Ihnen, ich bin hier nie durchgefahren!» Neben ihm liegt der E-Scooter im Gras.

Die Polizisten sind von den Beteuerungen nicht beeindruckt. Im Kreis stehen sie um ihn herum und schelten: «Realisierst du, was du gemacht hast? Du hast dich und deine Mitmenschen durch diese Flucht gefährdet!» Während Frost ihm seine persönlichen Gegenstände abnimmt, um sie in einen Plastikbeutel zu stecken, wird der Junge von Gerber durchsucht. Wiederholt fragt der E-Scooter-Fahrer, wo die Polizisten sein Parfüm verstaut haben. Die Ordnungshüter haben aber keine Lust, ihm das zu beantworten.

Nur langsam scheint der Ernst der Situation in das Bewusstsein des Jugendlichen zu sickern. Er fragt Gerber: «Bekomme ich eine Busse? Kommt meine Mutter jetzt ins Gefängnis?»

Er soll etwas daraus lernen

Zurück in der Einsatzzentrale machen die Polizisten eine Sachverhaltsaufnahme. Dazu gehören die Aufnahme der Aussagen, das Informieren der Eltern und die Eröffnung der Vorwürfe. Einer ist das Führen eines Fahrzeugs ohne die erforderlichen Voraussetzungen – der Junge ist noch nicht 14 Jahre alt.

«Die Flucht vor einer Polizeikontrolle gilt grundsätzlich als Hinderung einer Amtshandlung», erklärt Frost anschliessend. «Wer sich einer solchen Kontrolle entzieht, muss deshalb mit zusätzlichen rechtlichen Konsequenzen rechnen.» Ihnen gehe es bei einer Kontrolle darum, dass der Lenker die Gefährlichkeit seines Verhaltens erkenne und aus den Konsequenzen seiner Aktionen etwas lerne.

Bevor er wieder entlassen wird, muss sein E-Scooter noch auf dessen Strassentauglichkeit getestet werden. Dazu nutzt die Polizei Volketswil ein mobiles Messgerät zur Geschwindigkeitskontrolle. «Noch vor wenigen Jahren teilten wir uns die Messrolle mit einem anderen Korps», sagt Gerber. Doch da die Zahl der Trendfahrzeuge so stark zugenommen habe, habe sich die Gemeinde ein eigenes Exemplar angeschafft.

Gerber kauert sich auf den Boden, um Herstellernummern abzulesen. Dann stehen die Polizisten zu dritt um den E-Scooter herum. Etwas ratlos – keiner von ihnen weiss, wie man das Fahrzeug bedient. Als sie es zum Laufen bringen, flitzt Gerber damit eine Runde über den Gemeindehausplatz. Die Messrolle offenbart anschliessend: Der E-Scooter fährt nur 20 km/h. Er ist also legal.

Während die Polizisten die Messrolle verstauen, wird der junge Lenker von seinem Vater abgeholt. Dieser nimmt den Scooter an sich. Schweigend und mit gesenktem Kopf verlässt der Jugendliche die Einsatzzentrale. In der Hand hält er einen Sack mit seinem Parfüm.

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