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Ein aussergewöhnlicher Fall

Ein Ustermer überlebt einen Herz-Kreislauf-Stillstand – weil alle perfekt reagierten

Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand kommt Ersthelfern eine entscheidende Rolle zu, wie ein eindrückliches Beispiel aus Uster belegt.

Vier Menschen, stellvertretend für diejenigen, die an der erfolgreichen Wiederbelebung in Uster beteiligt waren (von links): die Ersthelferinnen Marion Jordi und Sarah Bernstein sowie die Rettungssanitäter Sebastian Kaschel und Benjamin Gut.

Fotos: Ernst Hilfiker

Ein Ustermer überlebt einen Herz-Kreislauf-Stillstand – weil alle perfekt reagierten

Ein aussergewöhnlicher Fall

«Man hat mir mein Leben ein zweites Mal geschenkt.» Das sagt ein Ustermer, dessen Herz plötzlich stillstand – worauf ihn Menschen, die zur richtigen Zeit das Richtige taten, retteten.

Wie fast jeden Tag ist Arthur Gerber, der in Wirklichkeit anders heisst, auch an diesem sommerlichen 4. Juli 2025 mit seinem E-Bike unterwegs. Der 72-Jährige war «in der Stadt unten» und radelt nach 10 Uhr zurück, die ansteigende Strasse hinauf zu seiner nur noch wenige Minuten Fahrzeit entfernten Wohnung ausserhalb Usters – und ab hier stoppt seine Erinnerung.

Das Nächste, was er wieder weiss: Er erwacht im Universitätsspital Zürich (USZ), und seine Enkel stehen am Bett.

Welches dramatische Ereignis sich dazwischen abspielte, erfährt der Ustermer erst im Spital. Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Lebensrettung, wie sie am Internationalen Reanimationstag, dem World Restart a Heart Day, an diesem 16. Oktober Menschen zum Helfen bei schwersten Herznotfällen anregen soll. Eine Geschichte auch, die zurückzuführen ist auf eine optimal abgelaufene Rettungskette, wie sie nur den allerwenigsten der über 7500 Menschen zugutekommt, die jährlich in der Schweiz dasselbe Schicksal wie Gerber erleiden.

Glückliche Zufälle

Gerbers Heimweg hat nämlich mit einem Sturz an der Kreuzung zweier Quartierstrassen geendet. Und dann beginnt ein Prozess, bei dem «gleich mehrere Schutzengel», wie es Gerbers Frau heute sagt, sowie Zufälle und hohe medizinische Kompetenz auf verschiedenen Stufen ins Spiel kommen.

Mann auf Velo an der Stelle in Uster, wo er verunfallte.
Dieses Bild ist unspektakulär – und doch zeigt es etwas Aussergewöhnliches: den Ustermer, der vor drei Monaten auf dem Velo exakt an dieser Einmündung einen Herzstillstand erlitt.

So ist per Zufall eine Frau mit ihrem Kind zu Fuss unterwegs und sieht den regungslos am Strassenrand liegenden Mann. Sie greift zum Handy und setzt einen Notruf ab.

Eine Notfallfachfrau erfasst die Situation

Auch die Anwohnerin Marion Jordi wird auf den Unfall aufmerksam. Sie beauftragt eine andere Frau, bei einem Haus in der Nachbarschaft, wo ein Notarzt wohnt, zu läuten. Doch der Arzt ist nicht daheim – dafür aber seine Partnerin: Sarah Bernstein, eine diplomierte Expertin in Notfallpflege. «Es ist jemand vom Velo gefallen», sagt die Frau, die klingelt.

Bernstein zögert nicht und läuft zur Unfallstelle. Der professionelle Blick der Notfallfachfrau erfasst die Situation sofort: Der Verunfallte hat zwar von einer kleinen Wunde, die er sich beim Sturz zugezogen hatte, Blut im Gesicht. Doch dieses Gesicht ist auffallend blass, die Augen sind starr, die Muskeln des Körpers offensichtlich alle erschlafft, und es ist nur noch eine Schnappatmung auszumachen.

Der Mann hat einen Herz-Kreislauf-Stillstand.

Reanimation ohne Hilfsmittel

«Der braucht sofort Hilfe – und da ist schon noch was zu machen, der Herzstillstand ist ja erst gerade passiert!», schiesst es Bernstein durch den Kopf. Zusammen mit Jordi und einem Bauarbeiter, der neben der Unfallstelle beschäftigt ist, zieht sie den auf seinem Velo liegenden Fahrer auf den Strassenboden. Dann beginnen die zwei Frauen mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung.

Die zwei Ersthelferinnen an der Unfallstelle.
An dieser Ecke einer Quartierstrasse, wo der Unfall geschah, knieten Marion Jordi (links) und Sarah Bernstein neben den Patienten und legten mit ihrer Herzdruckmassage die Basis für die erfolgreiche Wiederbelebung.

Weil sie keinerlei Hilfsmittel, ja nicht einmal Schutzhandschuhe dabeihaben, beschränken sie sich auf Thoraxkompressionen und verzichten auf die Beatmung. So, wie es gemäss den Auswertungen des Schweizer Reanimationsregisters Swissreca die meisten Helfer tun, da die Hemmschwelle, einen leblosen oder blutbefleckten Menschen zu beatmen, doch sehr hoch ist.

Rettungsdienst innert Minuten vor Ort

Um 10.35 Uhr, keine zwei Minuten nach Eingang des Notrufs, erhält ein Team des Rettungsdiensts des Spitals Uster das Aufgebot zu einem «Verkehrsunfall, Selbstunfall Velo». Die Rettungssanitäter Benjamin Gut und Sebastian Kaschel rücken aus. Noch während der Anfahrt wird ihnen die ergänzende Information übermittelt, dass eine Reanimation am Laufen sei und deshalb zusätzlich ein Notarzt aufgeboten worden sei.

Zwei Rettungssanitäter des Rettungsdiensts des Spitals Uster vor einem Rettungswagen.
Sebastian Kaschel (links) und Benjamin Gut vom Rettungsdienst des Spitals Uster führten die Reanimation nach den Ersthelferinnen mit erweiterten Massnahmen fort.        

Schon nach fünf Minuten ist der Rettungsdienst am Ort; die Polizei trifft auch gerade ein. Die Rettungssanitäter übernehmen nun die Fortsetzung der Wiederbelebung: beatmen, Defibrillator und mechanisches Reanimationsgerät anschliessen, Infusion legen, eine erste Medikamentengabe – so, wie sie es auch nach ihrer Ausbildung immer wieder trainieren.

Vier Stromstösse

Arthur Gerber hat ein Kammerflimmern: Sein Herz zuckt lediglich noch ungeordnet und in einem derart hohen Takt, dass die Pumpfunktion null beträgt, also kein Blut und kein Sauerstoff mehr durch den Körper transportiert werden. Nach insgesamt vier dosierten Stromstössen mit dem Defibrillator gelingt es, das Herz wieder in einen überlebensfähigen Rhythmus zu bringen.

In der Zwischenzeit ist noch ein First Responder (ein freiwilliger, ins Alarmdispositiv eingebundener Laienhelfer bei Herz-Kreislauf-Stillständen) eingetroffen, ebenso der Notarzt sowie ein Rettungshelikopter. Und irgendwann während der Reanimation kommt auch Gerbers Frau vor Ort. Was sie sieht, lässt sie «fast erstarren», wie sie sich erinnert.

Gegen 11.30 Uhr, eine Stunde nach dem Ereignis, hebt der Heli mit dem künstlich beatmeten und in Narkose versetzten Arthur Gerber zum Flug ins Universitätsspital Zürich ab.

Über eine Woche auf der Intensivstation

Im USZ sehen die Spezialisten, dass eine der grossen Arterien, die das Herz mit Blut versorgen, vollkommen zu ist. Arthur Gerber erhält sogleich zwei Stents implantiert: Gitterröhrchen, die das Blutgefäss künftig offen halten. Mehrere Rippenbrüche, die er durch die Reanimation erlitt und die ihm «noch Wochen lang wehtaten», lässt man unbehandelt ausheilen.

14 Tage bleibt Gerber im Spital, mehr als die Hälfte davon auf der Intensivstation. Trotz «sensationeller Betreuung» ist er «noch richtig schlecht ‹zwäg›», als er die dreiwöchige Rehabilitation in einer Klinik im Bündnerland beginnt. Doch dank einem guten Behandlungsplan und seiner hohen Motivation – etwa, dass er trotz anfänglicher grosser Kraftlosigkeit in der Klinik konsequent statt den Lift die Treppe nimmt – geht es ihm immer besser.

Heute täglich eine Handvoll Medikamente

Trifft man heute Arthur Gerber, steht einem ein körperlich und geistig absolut fit wirkender Pensionär gegenüber, auch wenn seine regelmässig kontrollierte Herzleistung noch etwas unterhalb des Normwerts liegt. Wie schon seit 15 Jahren geht er zweimal wöchentlich ins Fitnesscenter.

Für die weitere Behandlung, aber auch zur Prävention muss er über ein Dutzend Medikamente einnehmen – täglich. Zudem führt er ein «Herztagebuch», wo er jeden Morgen Gewicht, Blutdruck und Puls einträgt.

Herztagebuch und ein Dispenser mit vielen Tabletten.
Nach der Lebensrettung geht die Therapie weiter: mit der täglichen Einnahme einer Reihe von Medikamenten und dem Führen eines «Herztagebuchs».

Dass sein Herz-Kreislauf-Stillstand und die folgenden Tage des Bangens um sein Überleben «für die Familie eine sehr schwere Zeit waren, das wurde mir erst später bewusst». Doch wie seine Frau und seine Kinder sei er einfach unendlich dankbar, dass alle in der Rettungskette so gut reagiert hätten. «Man hat mir mein Leben ein zweites Mal geschenkt.»

Doch kein Happy End?

Der Ablauf aller Hilfsmassnahmen wird auch von den Profis vom Rettungsdienst Uster als «selten so optimal» eingestuft. Das Ergebnis: ein Happy End, das aber getrübt wird durch eine Komponente, welche die Familie heute noch in Rage bringt.

Nach Arthur Gerbers Selbstunfall mit dem Velo, der ja durch den Kollaps ausgelöst worden war, erfolgte eine Verzeigung wegen «Nichtbeherrschen des Fahrzeuges». Zu einem Strafverfahren kam es danach zwar nicht. Doch wegen des Herzstillstands wurde dem Ustermer der Führerausweis entzogen – ein Standardverfahren, bis die Fahrtauglichkeit wieder bewiesen ist.

«Fehlende Ersthelfer-Reanimation ist nicht kompensierbar»

Über 7500 Herz-Kreislauf-Stillstände ausserhalb eines Spitals ereignen sich hierzulande pro Jahr, wie neueste Zahlen des Schweizer Reanimationsregisters Swissreca zeigen. In etwa 60 Prozent dieser Fälle findet eine Reanimation statt. Von den durch einen Rettungsdienst reanimierten Patienten überleben zwölf Prozent.

Um diesen Wert zu steigern, braucht es eine lückenlose Rettungskette. Das heisst, möglichst viele Menschen sind für solche Notfälle zu sensibilisieren und auszubilden, in einem Notfall müssen ein schneller Alarm und das Aufgebot organisierter und professioneller Helfer erfolgen, an die sich eine klinische Versorgung anschliesst.

Helge Regener, Vorstandsmitglied des Schweizer Wiederbelebungsrats Swiss Resuscitation Council (SRC), betont, dass wie jede Kette auch die Rettungs- oder Überlebenskette nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Das bedeute, «dass das beste Spital der Welt eine fehlende Ersthelfer-Reanimation nicht kompensieren kann». Denn ein Hirnschaden, wie er schon nach einem wenige Minuten dauernden Herzstillstand drohe, «ist irreversibel». Und das Kettenprinzip heisse auch, dass es nach einer Ersthelfer-Reanimation zwingend Profis brauche, um die Ursache des Herzstillstands zu erkennen und zu beseitigen.

In der Schweiz sind gemäss Regener im Jahr 2024 gegen 160'000 Menschen in offiziell anerkannten Kursen in Basis-Reanimationsmassnahmen ausgebildet worden. «Das entspricht einer langsam steigenden Tendenz.» (ehi)

Grafische Darstellung der Überlebenskette.
Die Überlebenskette beim Herz-Kreislauf-Stillstand, wie sie der Schweizer Wiederbelebungsrat darstellt: Ist ein Glied von schlechter Qualität oder fehlt es gar, sinkt die Überlebenschance massiv.

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