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Abtretender Polizeichef im Interview

«Im Moment ist es im Oberland ruhig – aber das kann sich blitzschnell ändern»

Das Zürcher Oberland ist eine sichere Gegend - und trotzdem ein «ergiebiges» Pflaster für Cyberkriminelle, wie der abtretende Kantonspolizei-Regionenchef im Interview erzählt.

Hans Imholz übergibt das Steuer der Regionalabteilung See/Oberland der Kantonspolizei an Alexandra Thalmann – und sorgt damit für eine Premiere.

Foto: Ernst Hilfiker

«Im Moment ist es im Oberland ruhig – aber das kann sich blitzschnell ändern»

Abtretender Polizeichef im Interview

Drogendeals in Rüti, Betrugsopfer, deren Handeln nicht nachvollziehbar ist, oder Sexföteli von Schülerinnen: Hans Imholz, Chef aller Oberländer Kantonspolizisten, hatte mit vielerlei Kriminalitätsformen zu tun. Vor seiner Pensionierung sprach er noch mit uns.

Sie gehen als quasi oberster Kantonspolizist des Zürcher Oberlands in den Ruhestand. Ein – in Bezug auf die Sicherheitslage – wie ruhiges Oberland lassen Sie da zurück?

Hans Imholz: Ein stabiles Oberland. Wobei es je nach Region – zu meinem Zuständigkeitsgebiet gehört auch der Bezirk Meilen – aber Unterschiede gibt. Im Tösstal zum Beispiel rücken wir fast nie aus wegen einer Lärmbelästigung; dort werden solche Probleme von den Einwohnern selbst gelöst. An der Goldküste im Bezirk Meilen wird einem jedoch gleich mit dem Anwalt gedroht, wenn man nicht sofort kommt.

Zur Person

Hans Imholz arbeitete mehr als 40 Jahre bei der Kantonspolizei Zürich, die letzten 11 Jahre als Chef der Regionalabteilung See/Oberland (RSO). Vor ein paar Tagen wurde der 64-Jährige pensioniert.

Die RSO – die bevölkerungsmässig grösste Regionalabteilung der Kantonspolizei – umfasst die Bezirke Hinwil, Pfäffikon, Uster und Meilen sowie den Verkehrszug Hinwil. Eine Chefin oder ein Chef einer Regionalabteilung widmet sich schwergewichtig dem Personalmanagement, pflegt aber auch den Kontakt mit Gemeindebehörden und Partnerorganisationen und leistet regelmässig Pikett als Führungsperson an der Front bei schweren Fällen.

Heisst «stabil» auch, dass die Lage seit Jahren unverändert ist?

Nein, die Sicherheitslage hat sich verändert: Onlinebetrüge und andere Fälle aus dem Bereich der Cyberkriminalität sowie Gewalt im Umfeld von Sport haben stark zugenommen. Dasselbe gilt für Meldungen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt.

Dennoch haben wir es hier relativ friedlich. Weshalb?

Weil die Polizei versucht, sich ständig der aktuellen Situation anzupassen und die richtigen Schlüsse für ihre Arbeit daraus zu ziehen. Zum Beispiel im Bereich Migration: Da analysieren wir täglich die Lage und machen regelmässig eine Auswertung des Geschehens etwa um die Asylunterkünfte herum. Und dabei stellen wir nicht fest, dass es zu einer Zunahme von Betäubungsmittelhandel oder Gewalt gekommen ist. Das hat auch damit zu tun, dass wir viel vor Ort gehen, mit den Leuten reden und im engen Austausch mit der Zentrumsleitung sind. Das ist eine Daueraufgabe.

Die Lage war allerdings nicht immer so, wenn man zum Beispiel an den Drogenhandel beim Bahnhof Rüti oder Gewaltvorfälle beim Bahnhof Wetzikon denkt.

Diese Probleme hat man bis heute nicht ganz weggebracht. In Rüti hat sich die Lage in Bezug auf den Betäubungsmittelhandel zwar beruhigt – auch wegen intensiver Kontrolltätigkeit. Das Problem in Wetzikon kommt immer wieder. Bahnhöfe als Treffpunkte verschiedener Menschen sind natürlich oft ein Hotspot. In der Region läuft da die Kriminalität fast ein bisschen entlang der Hauptverkehrsachse Zürich, Uster, Wetzikon, Rüti.

Wo sind weitere Kriminalitäts-Hotspots?

Im Moment haben wir es eher ruhig – aber das kann sich blitzschnell ändern.

Was die Leute derzeit massiv nervt, sind die Autoposer.

Also alles bestens.

Nein. Was die Leute im Oberland derzeit massiv nervt, sind die Autoposer; entsprechende Reklamationen bei der Polizei nehmen zu. In dieses Kapitel gehören auch die Töfflenker, die laut durch Sternenberg fahren. Wir führen immer wieder Kontrollen mit einem Augenmerk auf Poser durch und haben auch schon illegal abgeänderte Fahrzeuge konfisziert. Ein weiteres Ärgernis sind die Gewalt im Fanumfeld von Sportklubs und die damit zusammenhängenden Sprayereien und Klebereien. Das sieht die Bevölkerung und toleriert es je länger, je weniger. Vor allem in Dübendorf kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen GC- und FCZ-Fans. Aber da sind wir dran.

Was ist an neuen Kriminalitätsformen hinzugekommen?

Der Telefonbetrug in neuen Formen, Sextortion – also die Erpressung durch die angedrohte Veröffentlichung von Nacktbildern – und andere Formen der Cyberkriminalität. Was hier läuft, das ist unheimlich.

Das heisst konkret?

Da gibt es Menschen, die fremden Leuten, die sie noch nie gesehen haben, eine halbe Million Franken zahlen. Und wenn der Fall auffliegt, kommt man fast nicht an die Opfer heran. Denn sie glauben beispielsweise immer noch an die Versprechen, die ihnen ein angeblicher Liebhaber machte, dem sie Geld schickten. Ein neueres Phänomen ist auch, dass schon Primarschülerinnen und -schüler Sexföteli von sich selbst machen, die dann verbreitet werden. Es ist erschreckend, was man da für Bilder sieht.

Kantonspolizei-Regionenchef Hans Imholz im Gespräch
«Das Tempo, mit dem neue Kriminalitätsformen zunahmen, hat uns teilweise überrascht», stellt Hans Imholz fest.

Sah man diese neuen Erscheinungen voraus, oder wurde man auf dem linken Fuss erwischt?

Das Tempo, mit dem solche Delikte zunahmen, hat uns teilweise überrascht, auch wenn wir diese Formen der Kriminalität im Fokus hatten.

Wie merkt die Polizei, wenn neue Kriminalitätsformen auftauchen?

Auf den 15 Posten in den Gemeinden der vier Bezirke, für die ich zuständig bin, sind wir ganz nah bei der Bevölkerung. Und unsere Polizisten machen viel Community Policing: Sie gehen raus, tauschen sich mit Gemeindevertretern aus, machen Kontrollen. Und viel wird uns von der Bevölkerung gemeldet. Das hilft uns, auch wenn es bedeutet, dass heutzutage mehr Leute verpetzt werden als früher.

Wegen was denn so?

Zum Beispiel, wenn auf einer Baustelle über Mittag gearbeitet wird. Man hat nicht mehr den Mut, sich dann selber bei den Arbeitern zu beschweren, sondern bestellt die Polizei.

Im Zentrum der öffentlichen Diskussion steht jedoch das Thema Gewalt. Läuft wirklich bald jeder Junge mit einem Messer rum?

Ja. Wir nehmen ihnen dann bei Kontrollen jeweils das Messer ab, und die Eltern werden aufgefordert, zusammen mit dem Jungen das Messer auf dem Posten abzuholen. Doch die wenigsten Eltern machen das, weil sie ja gar nicht wollen, dass die Kids wieder ein Messer haben.

Ist unsere Wahrnehmung von Gewalt und von einem unsicheren öffentlichen Raum falsch?

Diese Wahrnehmung ist zum Teil subjektiv. Es wurde viel gegen die Gewalt gemacht; mehr Beleuchtung etwa. Im Oberland ist es immer noch sehr sicher. Wir haben eine grosse Polizeidichte, und die versuchen wir hoch zu halten. Geht eine Meldung bei uns ein, sind wir im Durchschnitt 15 Minuten später vor Ort – das ist ein sehr guter Wert.

Unsere Leute müssen zu schlimmsten Fällen ausrücken und werden zum Teil aufs Übelste beschimpft und bedroht – dabei kann unsererseits der Ton auch mal sehr bestimmt werden.

Wie ist das Verhältnis der Polizei heute zur Bevölkerung?

Der Grossteil der Kontakte zwischen Polizei und Bevölkerung ist sehr gut. Man hat nach wie vor starkes Vertrauen in die Polizei und ist froh, wenn sie kommt. Und wenn es mal eine Beschwerde gibt wegen eines Polizeieinsatzes, erhält die verärgerte Person eine Rückmeldung. Unsere Leute müssen zu schlimmsten Fällen ausrücken und werden zum Teil aufs Übelste beschimpft und bedroht – dabei kann unsererseits der Ton auch mal sehr bestimmt werden.

Welche Kreise haben Ihnen am meisten Anlass zu Sorgen gegeben?

Die Staatsverweigerer beschäftigen uns immer wieder. Letztmals sorgte die Entführung eines Betreibungsbeamten für mediale Aufmerksamkeit. Die Staatsverweigerer anerkennen niemanden und sehen die Polizei nicht als staatliches Organ.

Gerade solche Fälle frustrieren wahrscheinlich Ihre Mitarbeitenden.

Die Sinnhaftigkeit des Jobs sehen unsere Leute nach wie vor. Aber es gibt Aufträge, die weniger grosse Priorität haben, zum Beispiel Nachtruhestörungen. Dort fragen sich unsere Mitarbeitenden manchmal schon: «Weshalb braucht es dafür die Polizei?»

Ab 2027 werden wir im Oberland ungefähr zehn Mitarbeitende mehr haben.

Trotzdem haben Sie in der Region keine Personalprobleme.

Ja. Und ab 2027 werden wir im Oberland sogar ungefähr zehn Mitarbeitende mehr haben. Die werden wir auch brauchen, wenn ich an Entwicklungen wie den Innovationspark Dübendorf denke, der viele Menschen anziehen wird.

Am Ende des Berufslebens zieht man Bilanz: Wie präsentiert sich die bei Ihnen?

Ich bin eigentlich zufrieden und gehe glücklich in die Rente. Wir haben super Kaderleute, hervorragend ausgebildete Polizistinnen und Polizisten, die Infrastruktur wird permanent angepasst, beispielsweise in Wald, wo es einen neuen Posten geben wird.

Und wie sieht Ihr Leben nach der Polizei aus?

Ich werde zuerst mal zehn Tage Velo fahren: von Deutschland retour in die Schweiz. Danach reise ich ans Nordkap, spiele ein bisschen Golf, gehe Englisch lernen. Zudem, und darauf freue ich mich sehr, werde ich regelmässig meine Enkelinnen im Alter von vier und sechs Jahren betreuen. Langweilig wird es also nicht. Und um Ihre Schlussfrage, die Sie mir nun wahrscheinlich noch stellen werden, auch gleich zu beantworten: Ja, ich würde wieder zur Kantonspolizei gehen, stände ich vor der Berufswahl.

Neu erstmals im Kanton eine Frau an der Spitze

Die Stelle von Hans Imholz, dem Chef der Regionalabteilung See/Oberland der Kantonspolizei Zürich, hat am 1. Juli Alexandra Thalmann übernommen. Damit führt erstmals in der Geschichte der Kantonspolizei eine Frau eine der fünf Regionalabteilungen des grössten Polizeikorps der Schweiz.

Alexandra Thalmann war zuletzt zwei Jahre lang als Bezirkschefin Hinwil tätig. Die 50-Jährige bringt grosse Erfahrung aus der Kriminalpolizei mit, wo sie sich mit Betäubungsmitteldelikten und in leitender Position mit Wirtschaftskriminalität und Menschenhandel befasste. (ehi)

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