Kampf gegen Flammen und für Likes: Feuerwehren erobern Social Media
Brandbekämpfer auf Instagram und Co.
Trotz sinkender Bestände kennen die Feuerwehren auf dem Land kaum Nachwuchsprobleme. Dennoch setzen immer mehr von ihnen auf die sozialen Medien. Ob das tatsächlich Personal anlockt, bleibt derweil umstritten.
Brennende Müllcontainer, dröhnende Sirenen oder eine Blaulicht-Eskorte für die Guggenmusik – dynamisch geschnitten und unterlegt mit poppiger Musik: So präsentiert sich die Feuerwehr Turbenthal-Wila-Wildberg (TWW) auf Instagram. Der Aufwand scheint sich zu lohnen – knapp 1100 Menschen folgen den Brandbekämpfern von nebenan auf der Fotoplattform, auf Facebook sind es gar noch etwas mehr.
Was hat es mit der «Instagramisierung» der Feuerwehr auf sich? Was ist das Ziel? Und braucht es das wirklich?
Anlass für diese Fragen gibt es allemal: Ein Blick in die Feuerwehrstatistik zeigt, dass die Personalbestände der Feuerwehren im Land und im Kanton in den letzten Jahren nur eine Richtung kannten – nach unten. Und das, obwohl die Einsatzstunden jüngst gestiegen sind.
Eine Umfrage bei den Tösstaler Feuerwehren zeichnet ein anderes Bild. Von einem eigentlichen Personal- oder Nachwuchsmangel kann kaum die Rede sein. Einen Unterbestand verzeichnet keine der angefragten Feuerwehren, vielmehr schwankt die Zahl der Freiwilligen vielerorts.
Und doch sei die Frage heikel, findet Kommandant Christian Wullschleger: «Wenn ich sage, wir spüren davon nichts, klingt das, als bräuchten wir keine neuen Leute.»
Mündliche Werbung zahlt sich aus
Seit seinem Einstieg 2007 habe man zwar stets eine gesunde Truppengrösse gehabt. «Bei uns auf dem Land ist das sicher noch einfacher, man kennt sich, und der Vereinsgedanke zählt.» Die Suche nach geeignetem Personal ist dennoch ein Dauerbrenner. Können Instagram und Co. als Hebel bei der Nachwuchssuche dienen?
So weit will sich Wullschleger nicht aus dem Fenster lehnen. Wie viele Neumitglieder über welchen Kanal auf die Feuerwehr aufmerksam werden, erhebe man nicht. Er stellt aber klar: «Die effektivste Werbung ist und bleibt Mund-zu-Mund-Werbung.»
Ähnlich sehen das auch die anderen Feuerwehren. «Es funktioniert wie in jedem Verein, über Freundschaften und Überzeugung, etwas Neues auszuprobieren, und einige bleiben dann», erzählt etwa Roman Siegenthaler, Kommandant der Feuerwehr Zell. «Social Media bringt vor allem Likes, mehr nicht.»
Und doch haben praktisch alle Feuerwehren im Oberland die Plattformen für sich entdeckt – betreiben diese allerdings mit unterschiedlich viel Aufwand.
Öffentlichkeitsarbeit als Zusatz-Ämtli
Trotz schwieriger Messbarkeit: Die sozialen Medien will man auch bei der Feuerwehr TWW nicht mehr missen. «Es geht schliesslich auch darum, den Bürgern aufzuzeigen, wie wir das Budget des Zweckverbands einsetzen», so Wullschleger. 2024 kostete die Feuerwehr die drei Gemeinden rund 630’000 Franken.
Stabschef Ives Reutimann ergänzt: «Und darum, zu zeigen, dass neben dem Brändelöschen noch ganz viele andere Dinge zum Feuerwehrleben gehören.» So wollen auch die Übungen und der «gmögige» Teil gezeigt werden.
Hin und wieder gibt es gar speziell für Social Media inszenierte Aktionen. Reutimann bildet zusammen mit zwei Kollegen ein Social-Media-Team, das die Inhalte für Instagram und Facebook erstellt.

Die gut laufende Präsenz hat sich dabei nicht etwa aus einer strategischen Überlegung heraus entwickelt. Vielmehr steht der Spass am Filmen, Schneiden und Posten im Vordergrund. «Das soll auch so sein, denn so ein Video ist nicht mal eben in fünf Minuten produziert», weiss Reutimann.
Gerade weil eine gut geplante Social-Media-Präsenz einiges an Zeit verschlinge, könne er auch nachvollziehen, wenn andere Feuerwehren weniger aktiv auf Social Media seien. «Man muss schon gewillt sein, mal einen Samstag fürs Filmen und Fotografieren zu investieren.»
Hier kommt dem Team um Reutimann auch entgegen, dass besonders die jungen Feuerwehrleute Spass an Auftritten auf Social Media hätten. So müsse man jeweils nicht lange fragen, wenn man Drehpartner für ein Video brauche. «Hier spürt man auch den Einfluss des Nachwuchses, der sich tagtäglich auf diesen Plattformen bewegt.» Seit vergangenem Jahr betreibt die Feuerwehr TWW als einzige im Kanton eine eigene Jugendabteilung.
Dass Feuerwehren verstärkt auf soziale Netzwerke setzen, beobachtet auch die Gebäudeversicherung des Kantons Zürich (GVZ), das kantonale Aufsichtsorgan der Feuerwehr. «Viele Feuerwehren setzen auf diese Art der Öffentlichkeitsarbeit», sagt Renato Mathys, Abteilungsleiter Feuerwehr.
«Dahinter stehen engagierte Feuerwehrangehörige, die aus Freude und Überzeugung ihre Organisation präsentieren.» Im Zusammenhang mit der Rekrutierung neuer Feuerwehrleute und ebenso der Nachwuchsförderung sei dies «sehr wichtig».
Bestätigen Ausnahmen die Regel? Denn diese gibt es auch im Tösstal. Die Feuerwehr Fischenthal etwa verzichtet gänzlich auf eine Social-Media-Präsenz. Kommandant Köbi Ackermann, der auch privat auf Smartphone und soziale Medien verzichtet, ist überzeugt: «Über die sozialen Medien findet man nicht die Leute, die man anziehen möchte.»
Actionreiches Hobby oder Bürgerpflicht?
Neue Mitglieder müssten nicht zuletzt menschlich in die Truppe hineinpassen. Das sei der Feuerwehr Fischenthal jüngst einige Male gelungen – ebenfalls über Mund-zu-Mund-Werbung. Dass die Feuerwehr zuweilen als actiongeladenes Hobby dargestellt, Feuerwehrleute in Kampagnen als «Firefighter» bezeichnet werden, schiesst für ihn am Ziel vorbei. «Wir brauchen keine ‹Fighter›, sondern einfach engagierte Feuerwehrleute», findet Ackermann.
So hat man in Fischenthal auch schon Erfahrungen mit Neuzugängen gemacht, die nach kurzer Zeit wieder ausgetreten sind, weil ihnen die «Action» fehlte. «Da muss ich sagen, ‹dann such dir halt eine Risikosportart›», so der Kommandant.
Eben diese «Action» dürfe auf den sozialen Medien ruhig durchschimmern, findet dagegen Christian Wullschleger – vor allem im Übungsbetrieb. Dass es um Tempo und Menschenleben gehe, sei gegeben, wenn auch nicht tagtäglich. Man müsse es ja nicht übertreiben. «Die Feuerwehr als 08/15-Hobby darzustellen, fände ich auch falsch.»
