Reiterinnen warnen schon lange vor der Strasse bei der Silberweide
Nach schwerem Unfall
Bei der Naturstation Silberweide in Mönchaltorf fuhr am Samstag ein Auto in ein Pferd samt Reiterin. Offenbar war das keine Premiere. Wie gefährlich ist die Unfallstelle?
Am Samstagabend fuhr ein Autofahrer auf der Rällikerstrasse Richtung Uster. Auf der Höhe des Naturzentrums Silberweide kam es zum folgenreichen Unfall: Das Auto prallte in ein Pferd samt Reiterin. Die 18-jährige Reiterin musste schwer verletzt mit einem Rettungshelikopter ins Spital geflogen werden.
Auch das Pferd erlitt Verletzungen. Der Grosstierrettungsdienst brachte es ins Tierspital. Über den Unfallhergang ist noch nichts bekannt, die Kantonspolizei Zürich und die Staatsanwaltschaft sind aktuell mit den Untersuchungen beschäftigt.


Als die Anwohnerin Claudia Suremann am frühen Sonntagmorgen an der Unfallstelle vorbeifuhr und die Markierungen auf der Strasse sah, war dies ein sehr emotionaler Moment für die passionierte Reiterin und Pferdebesitzerin.
«Nur etwa drei Meter von der Unfallstelle entfernt ist vor zehn Jahren unsere dreieinhalbjährige Stute tödlich verunglückt», erzählt sie aufgewühlt. Sie bezeichnet es im Nachhinein als glückliche Fügung, dass ihr Mann, der mit der Stute unterwegs war, dabei nicht verletzt wurde.

Dass nun, zehn Jahre später, an praktisch derselben Stelle wieder ein Unfall passiert, ist für Claudia Suremann kein Zufall: «Die schnurgerade 80er-Strecke ist sehr beliebt bei Rasern.» Nachts würde diese Kantonsstrasse öfter zur Rennstrecke für «Poser», tagsüber werde sie vom hektischen Berufsverkehr genutzt.
Für sie ist es unerklärlich, dass bei der Strassenüberquerung zum Naturzentrum Silberweide bisher keine Verkehrsberuhigung realisiert wurde. «Nur schon eine Temporeduktion auf 60 km/h, ein Fussgängerstreifen oder ausreichende Beleuchtung würden diesen Abschnitt viel sicherer machen.» Auch für viele betagte Anwohner sei es kaum möglich, sicheren Fusses über die Rällikerstrasse zu gelangen.
Schon mehrfach hätte die Pferdestallbesitzerin sich mit diesem Anliegen an die Gemeinde, an die Kommunal- und die Kantonspolizei gewandt. Allerdings stiess sie dabei auf taube Ohren. «Die Polizei gab mir zu verstehen, dass ein Fussgängerstreifen auf einer 80er-Strecke nicht möglich sei.» Sie fragt sich darum: «Warum reduzieren sie dann das Tempo in diesem Abschnitt nicht?»

Ein Augenschein vor Ort zeigt, dass die Kantonsstrasse auch in den frühen Nachmittagsstunden stark und vor allem sehr schnell befahren ist. Die Alltagshektik, aber auch die Unwissenheit der Autofahrer über Tiere im Strassenverkehr birgt gemäss Claudia Suremann ein grosses Gefahrenpotenzial für Reiter. «Viele Automobilisten fahren Pferden zu dicht auf oder überholen in teilweise halsbrecherischer Manier», erwähnt sie eindringlich. «Pferde sind von Natur aus Fluchttiere und daher unberechenbar.»
Rund um den Greifensee sind viele kleinere und grössere Pferdestallungen angesiedelt. Für die betreffenden Reiter ist die Überquerung der Rällikerstrasse oftmals unumgänglich.
Auch Simona Schweizer, die ihr Pferd im Stall von Claudia Suremann eingestellt hat, macht sich für eine erneute Überprüfung der Sicherheit im Weiler Rällikon stark. Mit einem Schreiben an die Kommunalpolizei ordnet sie zusätzlich die Iserigstrasse, an welche besagter Stall grenzt, als sehr gefährlich ein.
Riskanter Übergang für Kinder
Doch nicht nur Reiterinnen und Reiter aus der näheren Umgebung sind besorgt. Auch für die Naturstation Silberweide ist die Gefährlichkeit der stark befahrenen Hauptstrasse ein Thema. «Wir werden häufig von Schulklassen besucht», sagt Nathalie Séchaud, Leiterin der Naturstation. Glücklicherweise sei noch nie etwas passiert. «Wenn jedoch eine grosse Gruppe von Kindern diese Strasse überqueren muss, ist das ein nicht zu unterschätzendes Risiko.»
Als alternative Route steht in unmittelbarer Nähe zwar eine Unterführung zur Verfügung. «Allerdings ist diese durch Hochwasserereignisse häufig nicht passierbar», so Séchaud. Von Pferden ist die niedere, enge Unterführung generell nicht nutzbar.


Laut Kantonspolizei gab es in den vergangenen Jahren keinen Handlungsbedarf, die 80er-Strecke bei der Naturstation sicherer zu machen. «Es braucht recht viel, bis ein Strassenabschnitt als Unfallschwerpunkt definiert wird», erklärt Carmen Surber, Mediensprecherin der Kantonspolizei Zürich. «Ein solcher Schwerpunkt ergibt sich aufgrund von klar festgelegten Parametern.»
Im Rahmen der Untersuchungen des jüngsten Vorfalls werde aber wie bei jedem Unfall auch die Sicherheit der Strassensituation überprüft.
Gemäss Surber sind im Bereich des Übergangs Naturstation Silberweide seit 2010 sieben polizeilich registrierte Unfälle verzeichnet. «Insgesamt wurden zwei Personen leicht verletzt; bei den restlichen Unfällen entstand Sachschaden.»
Keine Bauprojekte geplant
Eine Nachfrage bei der Baudirektion des Kantons Zürich ergibt, dass auf 2029/2030 eine Sanierung der Rällikerstrasse geplant ist. Es handelt sich aber lediglich um eine Belagssanierung.
«Mit durchschnittlich 9500 Fahrzeugen pro Tag ist die Strecke vor allem in den Morgen- und Abendstunden zwar stark befahren», räumt Thomas Maag, Mediensprecher der Baudirektion, ein.
Allerdings gelte die Stelle nicht als Unfallschwerpunkt. «Solche ausserorts gelegenen Übergänge gibt es zu Dutzenden im Zürcher Oberland», relativiert Maag. Ein Fussgängerstreifen käme nicht infrage, weil auf 80-km/h-Strecken keine markiert werden dürfen. «Und auch eine Über- und Unterführung ist derzeit beim Kanton kein Thema.»
Eine Unfallstatistik vom Bundesamt für Strassen (Astra) zeigt, dass die letzten beiden Unfälle vor der Silberweide praktisch an derselben Stelle passiert sind: 2018 ein Auffahrunfall und 2021, als ein Velo von einem abbiegenden Auto erfasst wurde.
