«Das Mädchen hat um sein Leben geschrien»
Brand in Pfäffikon
Ein Brand in einer Wohnung in Pfäffikon verletzte eine Familie lebensgefährlich. Und die Anwohner hören noch immer die Hilfeschreie der Jugendlichen.
Kurz vor Mitternacht hört ein Anwohner bei der Hittnauerstrasse in Pfäffikon einen Knall. Er geht auf seinen Balkon und entdeckt auf dem Nachbarbalkon einen um Hilfe schreienden Jungen und dessen Mutter. «Es brennt, es brennt!», riefen sie dem Mann zu.
Kurzerhand geht er in den dritten Stock zur Wohnungstür, wo er der 43-jährigen Frau und ihrem 11-jährigen Sohn aus der Wohnung hilft. Dichter, weisser Rauch tritt aus der Wohnung. Und plötzlich ein zweiter Knall: «Es klang wie ein etwas lang gezogener Donner», erzählt der Nachbar. Nach dem zweiten Knall wird aus dem weissen plötzlich schwarzer Rauch. «Es hat wie nach verbranntem Plastik gerochen», sagt der Helfer.
Mit den beiden Schwerverletzten geht er nach draussen. Ein 14-jähriges Mädchen und ein 34-jähriger Mann, der Freund der Mutter, verbleiben in der Wohnung. Die Flammen versperren ihnen den Weg zur Wohnungstür. Am offenen Fenster machen sie auf sich aufmerksam. «Das Mädchen hat um sein Leben geschrien», erzählt der 40-jährige Helfer.
Die Hilfeschreie gingen durch Mark und Bein
Die verzweifelten Hilferufe der Familie sind weit bis in die Nachbarschaft zu hören, wie gleich mehrere Anwohner berichten. Eine Frau, die im Gebäude nebenan wohnt, erzählt: «Ich schlief bereits eine Stunde, als ich plötzlich die Schreie von Jugendlichen hörte.» Ihr Fenster stand schräg offen. Sie blickt nach draussen, als die Menschen gerade aus dem Gebäude kommen, sie alarmiert die Polizei.
Die Nachbarn fordern die Anwohnerin dazu auf, ihre Matratze aus dem Fenster zu werfen. Sie kommt der Forderung nach. Unter dem Fenster des in Panik geratenen Mädchens und des Mannes türmen die Helfer gleich mehrere Matratzen aufeinander.
Die 14-Jährige sitzt bereits mit den Händen festgeklammert auf dem Fenstersims. Die Matratzen sollen für eine weiche Landung sorgen. In letzter Minute biegt die Feuerwehr um die Ecke in die Strasse ein. Die Rettungskräfte stellen eine Leiter an die Wand, ein Feuerwehrmann klettert hoch und bringt das Mädchen und den Mann in Sicherheit.
Mit Rettungswagen werden die vier Verletzten mit grossflächigen Verbrennungen in die umliegenden Spitäler gebracht. Die Verletzungen sind lebensbedrohlich.
Verletzte in Lebensgefahr
Der Schock sitzt auch einen halben Tag später noch tief. Gleich mehrere Verwandte der verletzten Familie kommen am Donnerstagmittag zum Unglücksort.
Der Bruder der 43-jährigen Mutter hat am Morgen die Kinder im Spital besucht. Alle vier Verletzten befänden sich auf der Intensivstation und lägen im Koma. Der Zustand sei bei allen sehr kritisch. «Da kommen einem schon die Tränen, wenn man die Kinder in einem solchen Zustand sieht.»
Die Kantonspolizei Zürich gibt am Donnerstagabend noch keine Auskunft über den Gesundheitszustand der Verletzten.
Am Donnerstag wollte sich der Bruder vor Ort einen Eindruck über das Ausmass des Brands verschaffen und ist schockiert über die Zerstörung, welche die Flammen hinterlassen haben. «Der Brand war viel schlimmer, als ich erst angenommen hatte.»
Vermutlich ein Kurzschluss
Der Balkon und die Decken der Wohnung sind nun pechschwarz. Teile der Isolation der Fassade sind heruntergefallen. Ein paar Teile liegen noch vor dem Gebäude. Zwischenzeitlich ist ein leicht verkohlter Duft auszumachen.
Auf der strassenabgewandten Seite des mehrstöckigen Wohnhauses stehen noch drei Autos. Die Aufschrift «Forensisches Institut» ziert eines davon. Mehrere Brandermittler arbeiten vor Ort. Sie klären zurzeit die Brandursache ab.
Wie die Anwohner berichten, steht der Verdacht auf einen Kurzschluss im Raum. So soll erst der Backofen in Brand geraten sein, bevor sich die Flammen ausbreiteten. Für den ersten Knall soll auch der Backofen verantwortlich sein, der zweite wird vom Fernseher vermutet.
Wo leben nun die Anwohner?
In der Nacht evakuierten die Rettungskräfte die Bewohner des in Flammen stehenden und des angrenzenden Hauses. Die Menschen kamen vorübergehend im Schulhaus Mettlen unter, das sich wenige Schritte entfernt befindet.
Die Bewohner des Unglücksgebäudes durften aufgrund des starken Russes nicht in ihre Wohnungen zurück. Für sie organisierte die Gemeindeverwaltung Schlafplätze. Der 40-jährige Helfer übernachtete so in einer Zivilschutzanlage. Seine zwei Töchter und seine Frau kamen bei Freunden unter.
Die Evakuierten des Nachbargebäudes hingegen durften nach mehreren Stunden wieder zurück in ihre Wohnungen. Wie die Anwohnerin, die durch die Schreie aufgeweckt wurde und ihre Matratze aus dem Fenster warf, berichtet, ist sie schätzungsweise gegen drei Uhr in der Nacht wieder in ihrer Wohnung gewesen.
Die schockierenden Bilder und die Hilfeschreie bleiben
Sie bemühte sich dann um ein wenig Schlaf. «Kaum hatte ich die Augen geschlossen, hörte ich wieder die Hilfeschreie», erzählt die Frau mit Tränen in den Augen. Für sie ist es ein grosser Schock, zumal sie die verletzte Familie kennt. Dass auch die Kinder betroffen sind, erschwert die Verarbeitung der Ereignisse zusätzlich. Nach gut drei Stunden konnte sie dann aber doch noch einschlafen.
Auch der Nachbar, der der Mutter und ihrem Sohn zu Hilfe eilte, hört noch die Schreie der Jugendlichen. Ihn verfolgen vor allem die Bilder der verletzten Personen. «Es war schrecklich, wie die Opfer ausgesehen haben.»
In der Nacht stand neben den diversen Rettungskräften auch ein Notfallseelsorger im Einsatz. Dieser betreute die Menschen gleich vor Ort.