Schnellere Hilfe beim Kreislaufstillstand
Neues First-Responder-System
Wer im Kanton Zürich einen Kreislaufstillstand erleidet, kann dank eines neuen First-Responder-Systems mit rascherer erster Hilfe rechnen. Ein Verspechen, an dem es auch Zweifel gibt – gerade im Oberland.
Wenn – wie bei etwa 8000 Menschen jährlich in der Schweiz – plötzlich das Herz versagt, zählt nur noch eines: Tempo! Denn mit jeder Minute, in der danach nicht eine Herzdruckmassage und Beatmung durchgeführt werden, sinkt laut Universitätsspital Zürich die Überlebenschance um zehn Prozent.
Erste Reanimationsmassnahmen, bevor Profiretter kommen
Um die wertvollen Minuten, bis der Rettungsdienst beim Patienten eintrifft, mit ersten Wiederbelebungsmassnahmen zu überbrücken, gibt es an immer mehr Orten sogenannte First Responder (FR). Das sind Freiwillige, die in der Basis-Reanimation ausgebildet und bei einer offiziellen Stelle registriert sind. Geht über die Nummer 144 auf der Sanitätsnotrufzentrale die Meldung eines Kreislaufstillstands ein, werden die First Responder aufgeboten, sofern das Einsatzleitsystem anzeigt, dass sie vor dem Rettungsdienst vor Ort sein können.
Aus für Feuerwehr-FR-Gruppen
Im Kanton Zürich sind die Kantonspolizei sowie einige Kommunalpolizeien und – vor allem im Oberland – Feuerwehren erfolgreich als First Responder tätig. Ab dem kommenden Dienstag erfolgt nun eine fundamentale Umstellung.

In Erfüllung eines Postulats von Markus Schaaf (Zell) und zweier Kantonsratskollegen führt die Gebäudeversicherung Kanton Zürich (GVZ) in Zusammenarbeit mit der Gesundheitsdirektion ein neues System ein: Nicht mehr FR-Organisationen, sondern einzelne Leute werden alarmiert. Das bedeutet: Die 39 von 102 Zürcher Feuerwehren, die bislang freiwillig FR-Teams hatten und jahrelang einen guten Job machten, sind als eigenständige Gruppen draussen. Bei der Polizei, deren First-Responder-Aktivitäten separat laufen, wird es keine Veränderung geben.
Schon über 1000 Interessierte
Neu werden Freiwillige aufgeboten, die sich in den vergangenen Wochen registrieren lassen konnten. Die Interessenten müssen unter anderem eine Ausbildung in Basic Life Support (BLS) und der Anwendung eines automatisierten externen Defibrillators (AED) aufweisen.
«Mehr als 1000 Interessierte haben sich schon gemeldet», sagt Renato Mathys, Leiter Feuerwehr bei der GVZ. «Die Zielgrösse, die wir so schnell wie möglich erreichen möchten, sind 2500.»
Drei Minuten Zeitgewinn
Mit diesen 2500 First Respondern liesse sich dann auch die zwei zentralen Verbesserungen des neuen Systems erreichen: schneller bei den Patienten sein und diese Dienstleistung möglichst flächendeckend anbieten können. Heute sind die rund 400 Feuerwehr-First-Responder im Schnitt in acht Minuten vor Ort, künftig soll es gemäss Mathys maximal etwa fünf Minuten dauern.
Fraglich, ob sich genügend First Responder in unserer Randregion melden.
Kommandant Feuerwehr Wald
Dass die neuen First Responder schneller sein werden als die bisherigen, daran zweifelt niemand. Doch in Feuerwehrkreisen, gerade in der FR-Hochburg Bezirk Hinwil, ist man skeptisch in Bezug auf andere Punkte. «Die Begeisterung hält sich in Grenzen», sagt ein Kommandant zur Systemumstellung, während eine Feuerwehrfrau kürzlich an einer Fachveranstaltung vor «einer Qualitätseinbusse» warnte.
Und für den Kommandanten der Feuerwehr von Wald, einer flächenmässig grossen, ländlichen und hügeligen Gemeinde, ist es beispielsweise «fraglich, ob sich genügend First Responder in unserer Randregion melden», um die angestrebte Abdeckung und damit kürzere Einsatzzeiten zu erreichen. Bisher brauchte auch die Feuerwehr dieser Gemeinde mit Einrücken ins Depot und der Fahrt von dort aus zum Patienten wohl einige Zeit – doch dank fix geplanter Dienste war garantiert Tag und Nacht ein FR-Team verfügbar.
Keine einsatzerfahrenen Teams mehr
Zudem fragt man sich bei den Feuerwehren unter anderem, weshalb eine ausgerüstete, einsatzerfahrene, regelmässig trainierende und als Team gut agierende Organisation einfach abgeschafft wird. Dass jeder bisherige Feuerwehr-FR – falls gewünscht – nahtlos, aber eben als Privatperson, in die neue Organisation integriert wird, ist da nur bedingt ein Trost: Bei der einen Oberländer Feuerwehr macht aus Frust fast niemand mehr im neuen System mit, bei einer anderen hat sich nach einigem Überlegen die Mehrheit der bisherigen FR-Gruppe angemeldet.
Laufende Optimierungen
Bei der GVZ zeigt man ein gewisses Verständnis für die skeptische Haltung. Die Abkehr von den Feuerwehr-First-Respondern sei «ein Paradigmenwechsel», sagt Renato Mathys, und «es ist klar, dass Loslassen nicht einfach ist.»

Die GVZ wird das neue System, das die kommenden drei Jahre noch als Pilotprojekt läuft, mit Auswertungen begleiten und bei Bedarf Anpassungen vornehmen. So wurden denn auch in den vergangenen Vorbereitungswochen bereits bedeutende Punkte optimiert. Beispielsweise bietet man den First Respondern ein niederschwelliges Care-Angebot an, auf das sie nach den oft belastenden Reanimationseinsätzen zurückgreifen können. – Umfassende Infos zum Projekt und eine Anmeldemöglichkeit finden sich auf der Internetseite www.firstresponder.gvz.ch.
Aufgebot über ausgeklügeltes System
Damit möglichst schnell die Standard-Formation von drei First Respondern zum Patienten gelangt, wird ein ausgeklügeltes System eingesetzt. Bereits während die Notrufzentrale die Meldung eines Kreislaufstillstands entgegennimmt, sucht der Einsatzrechner First Responder (FR), die sich nahe des Einsatzorts aufhalten. Diese FR erhalten über eine App einen Voralarm, den sie annehmen oder ablehnen können. Die drei nächst gelegenen, zusagenden FR erhalten dann das definitive Aufgebot mit genauer Adresse, Wegbeschreibung und Aufgabenzuteilung: zwei FR gehen zum Patienten, der dritte holt an einem ihm mitgeteilten Standort einen automatisierten externen Defibrillator (AED) und stösst danach zu den ersten beiden FR.
Das Netz der AEDs, die beispielsweise beim Eingang einer Gemeindeverwaltung deponiert sind, wurde in den vergangenen Monaten stetig ausgebaut. Die First Responder sind mit einer beschrifteten, gelben Leuchtweste und einer lemongrünen Tasche ausgerüstet, die Schutzmaterial wie Handschuhe und als Hilfsmittel zur Reanimation eine Taschenbeatmungsmaske enthält. ehi