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«Der stille Tod»: Warum Knaben und junge Männer häufiger ertrinken 

In diesem Jahr gab es bereits 33 tödliche Ertrinkungsfälle in der Schweiz. Am meisten gefährdet? Männer unter 30 Jahren.

Massen an Menschen vergnügen sich im Sommer beim Baden am Oberen Letten in Zürich.

Foto: Urs Jaudas

«Der stille Tod»: Warum Knaben und junge Männer häufiger ertrinken 

Badeunfälle in der Schweiz

Vom Sprung in den Rheinfall bis zum Sturz in den Malerkübel – tödliche Ertrinkungsunfälle lauern überall, wo es Wasser gibt. 33 wurden bisher in diesem Jahr gezählt; Männer und unter 30-Jährige sind am stärksten gefährdet. 

René Laglstorfer

Was als erfrischender Sprung ins kühle Nass gedacht war, endete mit seinem Tod. Ein 28-jähriger Mann aus Neuhausen am Rheinfall sprang am vor einer Woche gegen 11.30 Uhr vermutlich von einer Aussichtsplattform nahe dem historischen Mühlrad unterhalb des grössten Wasserfalls Europas.

Im Sommer stürzen dort bis zu 700’000 Liter Wasser pro Sekunde 23 Meter in die Tiefe. Der 28-Jährige tauchte nicht mehr auf. 

Daraufhin starteten die Rettungskräfte einen Grosseinsatz: Ein Rega-Helikopter und Polizeidrohnen flogen den mehr als zehn Kilometer langen Abschnitt zwischen dem Rheinfall und dem Kraftwerk Rheinau ab, Boote der Kantonspolizeien Zürich und Schaffhausen, die Rheinrettung der Feuerwehr Weinland und Polizeitaucher suchten den Fluss ab. Sogar die Rechen im Kraftwerk Rheinau wurden kontrolliert – lange ohne Erfolg.

Der Rheinfall aus der Luft, oberhalb das Schloss Laufen im Kanton Zürich.
Der Rheinfall aus der Luft, oberhalb das Schloss Laufen im Kanton Zürich. Von einer Aussichtsplattform ganz unten in der Bildmitte dürfte der 28-Jährige gesprungen sein.

Walzen und Wirbelungen am Rheinfall

Am Freitag teilte die Schaffhauser Kantonspolizei schliesslich mit: Ein Bootsführer, der privat unterwegs war, habe einen leblosen Körper beim zürcherischen Dachsen im Wasser gesichtet, worauf die tote Person geborgen worden sei. Untersuchungen des Instituts für Rechtsmedizin Zürich haben ergeben, dass es sich bei dem Leichnam um den 28-jährigen Vermissten handelt. Hinweise auf einen Suizid gibt es laut Polizei keine.

«Wenn man den Rheinfall kennt und weiss, was mit dem Wasser dort passiert, dann ist es fahrlässig, an dieser Stelle baden zu gehen», sagt Christoph Merki von der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG). 

Unterhalb des Rheinfalls, wo der 28-Jährige ins Wasser gesprungen sein muss, gebe es Walzen und Wirbelungen. «Dort ist es absolut lebensgefährlich», betont Merki. Er empfiehlt: «Nie in unbekannte Gewässer springen, deren Untergrund oder Strömung man nicht kennt.»

Boot fahren verboten, baden nicht

Patrick Caprez, Sprecher der Schaffhauser Kantonspolizei und wie der Vermisste ebenso in Neuhausen am Rheinfall aufgewachsen, sieht das ähnlich. «Der Rheinfall ist ein Naturgewässer, und mit seinen unberechenbaren Strömungsverhältnissen kann jederzeit eine gefährliche Sogwirkung entstehen», sagt er. «Unsere klare Empfehlung ist: Geht nicht unmittelbar unterhalb des Rheinfalls schwimmen oder baden.»

Zwar sei es verboten, das Rheinfallbecken mit Booten, Kajaks oder Kanus zu befahren – nicht aber, dort baden oder schwimmen zu gehen. Die Polizei könne das nicht verbieten – dies müssten die angrenzenden Kantone Zürich und Schaffhausen regeln. 

Kleinkind in Malerkübel ertrunken

Der 28-Jährige am Rheinfall ist laut SLRG-Statistik bereits der 33. tödliche Badeunfall in diesem Jahr in der Schweiz. Eine Woche davor tauchte ein ebenfalls 28-jähriger Mann in Zürich aus der Limmat nicht mehr auf. Eine Bademeisterin holte ihn beim Badi Oberer Letten aus dem Wasser und reanimierte ihn zunächst erfolgreich. Dennoch verstarb der 28-Jährige noch am selben Tag im Spital.

Erneut eine Woche zuvor ertrank ein 29-jähriger Mann bei Rietheim im Kanton Aargau im Rhein. Trotz intensiver Suche der Einsatzkräfte wurde er erst drei Tage später von Passanten am deutschen Ufer bei Waldshut-Tiengen leblos im Wasser treibend entdeckt. Auch hier gehen die Behörden von einem Badeunfall aus.

Im Zehnjahresschnitt ertrinken jährlich 46 Menschen in der Schweiz. Zu schweren Badeunfällen, wie hier in Horgen, muss die Polizei ausrücken.
Im Zehnjahresschnitt ertrinken jährlich 46 Menschen in der Schweiz. Zu schweren Badeunfällen, wie hier in Horgen, muss die Polizei ausrücken.

Im Juni ging ein 14-jähriger Jugendlicher im Bodensee bei Altenrhein SG von einem Segelboot aus baden – seither fehlt jede Spur von ihm. Trotz tagelangen Suchaktionen, darunter auch mit einem Sonarboot der Kantonspolizei Zürich und Wasserspürhunden, die bis in eine Tiefe von 40 Metern riechen können, gelang es den Einsatzkräften nicht, den Buben zu orten. An der Stelle fällt der Bodensee etwa 60 Meter steil ab. Nach vier erfolglosen Tagen zogen sich die Behörden zurück.

Schon im Mai ertrank ein weiterer Mann in Zürich in der Limmat. Die Polizei geht davon aus, dass der 32-Jährige gestossen wurde, und setzte für Hinweise 5000 Franken Belohnung aus.

Der wohl tragischste Ertrinkungstod in diesem Jahr ereignete sich jedoch bereits zu Ostern im thurgauischen Basadingen nahe der Zürcher Kantonsgrenze: Ein einjähriger Bub stürzte in einen mit Wasser gefüllten Malerkübel und ertrank darin. Auch er wird in der Statistik der SLRG mitgezählt. Zwei weitere Kinder im Alter von drei und fünf Jahren sind heuer ertrunken. 

Menschen ertrinken in der Schweiz am öftesten in freien Gewässern. Die meisten tödlichen Badeunfälle passieren in Flüssen und Bächen (46 Prozent) – dicht gefolgt von Seen und anderen stehenden Gewässern (45 Prozent). Laut der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) und der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) kann davon ausgegangen werden, dass das Baden und Schwimmen in öffentlichen Badeanstalten (6 Prozent) bei weitem sicherer ist als in Freigewässern (91 Prozent). Die Unfallzahlen nach Kanton spiegeln grob gesehen die Verfügbarkeit von Fliess- und Standgewässern in der Landschaft wider, wobei auch die Nähe von Ballungszentren zum Wasseranstoss das Unfallausmass erhöht. Im Zehnjahresvergleich liegt der Kanton Bern bei tödlichen Badeunfällen an erster Stelle, vor Zürich und der Waadt. (rla)

Von den 33 Ertrunkenen in diesem Jahr waren laut SLRG bis auf zwei Ausnahmen alle männlich. Im Vorjahr wurde die höchste Zahl an tödlichen Badeunfällen seit 19 Jahren verzeichnet: 63 Menschen ertranken, so viele wie seit dem Hitzesommer 2003 nicht mehr. «Je schöner das Wetter einer Badesaison, desto mehr Ertrinkungstote verzeichnen wir», sagt Merki.

Von den 63 Ertrunkenen im Vorjahr waren mehr als 80 Prozent männlich. Im Zehnjahresvergleich zwischen 2013 und 2022 sind es pro Jahr im Schnitt 46 Badetote, davon knapp 40 Männer. Warum sind diese so viel stärker gefährdet, Opfer von Ertrinkungsunfällen zu werden, als Frauen?

Weshalb Männer öfter ertrinken

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das deutlich höhere Ertrinkungsrisiko bei Männern darauf zurückzuführen, dass sie sich öfter am und im Wasser aufhalten und ein ausgeprägteres Risikoverhalten zeigen als Frauen. Beispielsweise neigen Männer laut WHO stärker dazu, allein schwimmen zu gehen, davor Alkohol zu konsumieren oder mit Booten auf dem Wasser unterwegs zu sein.

Dieser grosse Unterschied zwischen den Geschlechtern ist laut SLRG und BFU bereits im Kindesalter zu beobachten. Im Zehnjahresvergleich macht der Anteil an Knaben bei ertrunkenen Kindern jünger als zehn Jahre knapp zwei Drittel aus, bei den 10- bis 14-Jährigen sogar 80 Prozent. 

Selbstüberschätzung und Risikoverhalten

Besonders auffällig ist zudem die männliche Altersgruppe zwischen 15 und 29. In keiner anderen Lebensphase ist es statistisch gesehen wahrscheinlicher, zu ertrinken. Doch woran liegt das?

Christoph Merki erklärt, die SLRG vermute mehrere Faktoren: Zum einen würden junge Männer und Knaben die eigenen Fähigkeiten häufiger überschätzen. Zum anderen sei das Risikoverhalten vor allem in jüngeren Jahren oft nicht der Situation angepasst und das Wissen über Naturgewässer offenbar noch nicht gefestigt. 

«Mit Blick auf die Ertrunkenenstatistik wäre es manchmal schön, wenn der Sommer gar nicht so schön wäre», sagt SLRG-Sprecher Christoph Merki.
«Mit Blick auf die Ertrunkenenstatistik wäre es manchmal schön, wenn der Sommer gar nicht so schön wäre», sagt SLRG-Sprecher Christoph Merki.

Jugendliche und junge Erwachsene seien in einer Phase, in der sie sich von zu Hause lösten, vermehrt in Gruppen unterwegs. Um unter den Gleichaltrigen nicht als «Schisshase» zu gelten, riskierten sie mehr, so die Vermutung. «Man ist jung, fühlt sich unbesiegbar und lässt sich leichter dazu hinreissen, etwas zu wagen, was nicht so clever sein könnte», sagt Merki.

Ertrinken nicht wie im Film

Er spricht beim Ertrinken auch vom «stillen, lautlosen Tod»: «Ertrinkende fuchteln nicht wild herum oder schreien um Hilfe, wie es viele aus Filmen kennen», sagt der SLRG-Sprecher.

Wer damit beschäftigt ist, sich über Wasser zu halten und noch Luft zu bekommen, dem fehle schlicht die Kraft und die Energie, um nach Hilfe zu rufen. «In den wenigsten Fällen gibt es Hilferufe», sagt Merki. Laut ihm könnten die meisten Badeunfälle vermieden werden, wenn sich die Menschen an die Regeln halten würden. 

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