Und immer wieder kommt der Hang ins Rutschen
Naturgefahren im Oberland
Seit Wochen schaut die halbe Schweiz gebannt auf den rutschenden Berg ob dem Bündner Brienz. Doch auch in der Region drohen an vielen Stellen Hangrutsche.
Die ersten Tage des Jahrs 2018 sind sehr verregnet. Schon an Silvester kommt es deswegen zu einem Hangrutsch, und die S-Bahn-Strecke zwischen Fischenthal und Rüti wird vorübergehend gesperrt. Am 4. Januar dann geschieht es: Kurz vor 18.30 Uhr rollt eine S26 zwischen Wald und Gibswil in einen weiteren Hangrutsch.
Verletzt wird zwar niemand, doch der Zug muss abgeschleppt werden. Und nachdem zehn Minuten später zwischen Gibswil und Fischenthal noch ein Hang auf die Gleise rutschte, muss die Strecke gesperrt werden.

Stunden später wird der Bahnverkehr dann wieder freigegeben, nachdem eine Geologe die Situation beurteilt hat. Die beiden Hänge sind grundsätzlich stabil. «Aber wenn es sehr stark regnet, kann man solche Hangrutsche bei sehr steilen Hängen halt nie ganz ausschliessen», meinte damals der SBB-Mediensprecher.
Häufige Erdrutsche in der Region
Einen Bergsturz wie aktuell im kleinen bündnerischen Dorf Brienz, das seit Mitte Mai evakuiert ist, muss man im Zürcher Oberland oder im Tösstal nicht befürchten. Dafür fehlen hier die Berge. Steinschläge drohen aber durchaus an einigen Stellen, vor allem entlang der Jona zwischen Rüti und Wald oder bei Steg. Die betroffenen Gemeinden sind denn auch gehalten, an diesen Orten Massnahmen zu ergreifen, um Schäden zu vermeiden oder wenigstens zu vermindern.
Viel wahrscheinlicher ist aber, dass es in der Region zu Erdrutschen kommt, weniger spontane, sondern vielmehr permanente. Letztere zeichnen sich durch eine klar definierte Gleitfläche aus. An steilen Hängen treten auch Hangmuren auf, ein Gemisch aus lockerem Gestein und viel Wasser.
Mit Wasser kommt die Erde
Und Wasser vom Himmel ist oft der Auslöser für Erdrutsche. «Hangrutsche erfolgen in der Regel meist nach länger anhaltenden Niederschlägen oder Starkregen. Sie entstehen durch das Eindringen von Wasser zwischen vorher gebundene Bodenschichten», erklärt Mediensprecher Thomas Maag von der Zürcher Baudirektion.
«Das Risiko eines Erdrutschs ist abhängig von der Wasserdurchlässigkeit und Wasseraufnahmefähigkeit der Bodenschichten, dem Gefälle des Geländes und dem Vorhandensein oder Fehlen einer schützenden Vegetation», hält Maag fest.
Über 40 Stellen mit Risiko «gross»
Ein Blick auf die Risikokarte Naturgefahren zeigt, dass es in der Region nicht nur viele Stellen gibt, wo das Risiko von sogenannten Massenbewegungen – dazu zählen alle Rutschungen, Hangmuren und Steinschläge – vorhanden ist. Es gibt nicht weniger als 42 Stellen im Tösstal und im Oberland, wo das Risiko sogar «gross» ist.
Neben abgelegenen Flecken wie am Baschlisgipfel beim Ghöch ob Bäretswil oder in der Hinterwis bei Bauma liegen solche Stellen durchaus auch an Strassen und Bahnstrecken. Dies ist etwa in Sternenberg, bei Saland und Wila der Fall. Bei Schmidrüti gibt es gleich vier Passagen.
Bei Girenbad ob Turbenthal liegen zwei Stellen und rund um das Dorf Zell sogar deren fünf. Drei Risikoschwerpunkte liegen bei Unterschlatt, alle an der Strasse nach Oberlangenhard. Eine Risikostelle ist in Kemptthal an der Bahnlinie ausgewiesen, mitten in Kollbrunn sind es gleich viele wie an der Strasse bei Kyburg.
In der folgenden Bildstrecke werden einige dieser Stellen gezeigt.

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Zu diesen Stellen hat Maag ein grosses Aber: «‹Risiko› ist definitionsgemäss die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis eintritt, multipliziert mit der Höhe der potenziellen Schäden. Die Risikokarte bildet entsprechend nicht ab, wo ein Ereignis besonders wahrscheinlich ist, sondern betrachtet auch die betroffenen Werte, also Personen, Sachwerte, Versorgung, Kultur und Umwelt.»
Diese Risikokarte dient dem Kanton und den Gemeinden als Grundlage für eine Einschätzung, wo der Handlungsbedarf besonders gross ist.
Grün verheisst nichts Gutes
Wo am ehesten mit Massenbewegungen zu rechnen ist und wie häufig und intensiv diese ausfallen können, zeigt die Naturgefahrenkarte. Dargestellt sind Ereignisse, die statistisch betrachtet alle 30, 100 und 300 Jahre auftreten.
Und wer bei der Intensitätskarte Massenbewegungen auf die 300 Jahre klickt, sieht plötzlich viele hellgrüne Flecken und Bänder, die sich auf Kantonsgebiet vor allem durch die Albis-Gemeinden sowie durchs Oberland und durch das Tösstal ziehen. Wobei das Grün in diesem Fall nicht anzeigt, dass dort alles in Ordnung wäre, sondern, dass in diesen Gebieten von einer mittleren Intensität auszugehen ist. Und das ist eben kein gutes Zeichen.
Seit 2017 haben alle Gemeinden im Kanton Zürich ihre eigene Gefahrenkarte. Und sie haben sich daran gemacht, aufgrund der Risiken Massnahmen zu planen und umzusetzen.
In der Region haben mit Illnau-Effretikon, Dübendorf, Mönchaltorf, Gossau und Wald bereits fünf Gemeinden schon eine revidierte Naturgefahrenkarte.
Schäden werden nicht separat erfasst
Dass in der Region häufig Erdrutsche und Steinschläge zu verzeichnen sind, zeigt sich nur bei einer Recherche im Archiv von Züriost. Denn statistisch werden Schäden an Wanderwegen und Kantonsstrassen, die durch solche Ereignisse entstehen, nicht erfasst, wie Maag bestätigt.

«Die entsprechenden Reparaturen laufen über den Strassenunterhalt des kantonalen Tiefbauamts und werden dort nicht separat ausgewiesen.»
Und die Kosten für die teils aufwendigen Schutzbauten sind ebenfalls nicht zentral zusammengefasst.
Die geologischen Gefahrengebiete der Region sorgen immer wieder für Gesprächsstoff. Eine Chronologie der Naturkatastrophen im Oberland veröffentlichen wir am Mittag – einen weiterführenden Artikel am Abend.
