Töfffahrende Polizisten werben bei Töfffahrern für Vorsicht
«Ein anderer Auspuff, ein anderes Heck, ein anderer Rückspiegel, eine andere Fussraste – alles nicht original». Der technische Spezialist der Kantonspolizei Zürich hat keine 30 Sekunden benötigt, um die sehr gepflegte KTM 890 Duke zu beurteilen.
Doch der junge Fahrer des schweren Strassenmotorrades erhält nun nicht eine Busse, denn trotz diverser Abänderungen an seinem Gefährt ist alles in Ordnung, da die neu eingebauten Teile zugelassen sind. Und auch der Fahrzeugausweis der Maschine sowie der Führerausweis des Fahrers, den eine Polizistin parallel zum technischen Check ihres Kollegen kontrolliert, sind bestens.
Auch einen Blick auf die Kleidung
Nur etwas gefällt den beiden Mitarbeitenden der Kantonspolizei nicht so: die leichten Jeans und die dünnen, weissen Turnschuhe, in denen der Biker unterwegs ist. Auf das wird er nun freundlich und überhaupt nicht belehrend angesprochen. Damit er seine Kleiderwahl zuhause in Ruhe überdenken kann, erhält er eine Infobroschüre und eine als Stirnband oder Schal verwendbaren Töfffahrerhaube.
«Vorsicht und Rücksicht»
Hauptwunsch der Polizei an die Töffahrer
Der Töffahrer ist, wie 50 weitere, am Sonntagnachmittag in Steg (Fischenthal) in eine Kontrolle geraten. Eine grosse Kontrolle und auch eine besondere, denn bei der Aktion an einem Ausserortsabschnitt der Tösstalstrasse ging es nicht darum, Schnellfahrer aus dem Verkehr zu ziehen, sondern «mit den Leuten ins Gespräch zu kommen». Ein Gespräch, bei dem man den Zweiradfahrern «unsere Hauptbotschaft ‹Vorsicht und Rücksicht› vermitteln will», wie Frank Schwammberger, Chef der Verkehrspolizei der Kantonspolizei Zürich, sagt.
Natürlich wurde nicht nur Konversation zur Prävention betrieben, sondern auch Repression. Jeder Töff wurde kontrolliert, ob er den technischen Vorschriften entsprach und fahrtüchtig war, und bei den Fahrerinnen und Fahrern erfolgte eine Identitätsüberprüfung.
50 tödliche Motorradunfälle pro Jahr
Die Aktion im Tösstal ist Teil der seit Frühjahr im Kanton Zürich laufenden Kampagne «Sicher Motorradfahren». Dass solche Anlässe, wo Prävention und Repression praktisch dasselbe Gewicht haben, nötig sind, zeigt ein Blick in die Statistik: rund 50 Prozent aller schweren Motorradunfälle sind Selbstunfälle, sagt Frank Schwammberger. Und die Unfallzahlen nehmen seit letztem Jahr zu. Die fatalen Folgen: In der Schweiz sterben pro Jahr rund 50 Motorradlenkende bei Unfällen, 1000 erleiden schwere Verletzungen.
«Wir haben ein Sicherheitsproblem», konstatiert denn auch der Verkehrspolizeichef. Diese Sicherheitslage mit Aufklärung zu verbessern und die Töfffans gleichzeitig zur Rücksichtnahme – primär in Bezug auf das Verursachen von unnötigem Lärm etwa durch das beliebte aggressive Beschleunigen – aufzufordern, ist Schwammberger ein grosses Anliegen. Deshalb nahm er am Sonntag auch persönlich an der Kontrolle im Tösstal teil.
«Wir haben ausschliesslich positive Reaktionen»
Präventionsfachmann Rolf Decker
Einsätze wie diejenige in Steg kommen offenbar gut an. «Wir haben ausschliesslich absolut positive Reaktionen», sagt Präventionsfachmann Rolf Decker von der Kantonspolizei.
Aber weshalb hat man bei der Kontrolle effektiv kein negatives Wort gehört – weder von den Bikern noch von der Polizei? Decker sagt: «Wir kommunizieren auf Augenhöhe». Will heissen: Viele der bei der Aktion im Einsatz stehenden Polizistinnen und Polizisten sind in ihrer Freizeit selbst auf einem Töff unterwegs. Und das wiederum merken halt die kontrollierten Töffahrer schnell, und entsprechend besser läuft ein Gespräch.
Zudem gab es an den angehaltenen Motorrädern auch praktisch nichts zu beanstanden: Es wurden lediglich zwei Bussen ausgestellt, und man musste drei Beanstandungsrapporte sowie zwei weitere Meldungen an Behörden schreiben.
Schwierige Erfolgsprognose
Ob sich allerdings solche Kontrollen und die Kampagne «Sicher Motorradfahrern nun positiv in der nächsten Unfallstatistik niederschlagen, wird sich kaum nachweisen lassen. Zudem können Verkehrsteilnehmer nicht einfach mit zwei, drei netten Appellen zu einer Verhaltensänderung bewegt werden. So ging es beispielsweise bei einer Sicherheitsaktion für E-Bike-Fahrer gegen drei Jahre, bis die Hauptbotschaften befolgt wurden, wie Frank Schwammberger erzählte.
Doch Schwammberger sagt eben auch: «Wenn es uns nur schon gelingt, mit dieser jüngsten Kampagne einen Motorradunfall zu verhindern, hat sich die Sache gelohnt».
Das Wichtigste beim Töfffahren
Die Polizei gibt vier grundlegende Tipps für sicheres Töfffahren:
– Vorausschauend und defensiv fahren
– Grenzen respektieren
– Immer damit rechnen, übersehen zu werden
– Motorrad jederzeit in technisch einwandfreiem Zustand halten
Viele weitere Infos zum Thema finden sich auf der Website der Kampagne «Sicher Motorradfahren». (zo)
