Tuning-Szene im Visier der Polizei
Der Fahrer des gepflegten Audi RS 5 staunt: Am Ortseingang von Hinwil ragt plötzlich eine rote Kelle mit der Aufschrift «Polizei» aus dem Fenster der absolut unauffälligen Familienkuschte hinter ihm.
Drei locker gekleidete junge Männer steigen aus, zücken Polizeiausweise und erklären dem Audi-Lenker, weshalb er gestoppt wurde: mehrere extreme Beschleunigungsmanöver mitten in Wetzikon mit unüberhörbar geöffneten Auspuffklappen, darauffolgend abrupte Bremsmanöver und am Schluss dann noch mit quietschenden Reifen eine Kurve genommen.
Im schlechtesten Fall sofortige Stilllegung
Der Mann hat Glück: Er fasst «nur» eine Verzeigung und die Auflage, am Auto etwas in Ordnung bringen zu lassen und den Wagen dann in nächster Zeit bei einem Polizeiposten «vorführen», kann aber weiterfahren. Nicht so, wie die Halter eines VW Golf R und eines Honda Civic Type R: Sie mussten den zivilen Polizisten in den Verkehrsstützpunkt Hinwil im Betzholzkreisel folgen. Und dort wurden ihre Gefährte nach einer technischen Prüfung gleich stillgelegt.
«Männlich, 18 bis 25 Jahre alt, mit Fahrzeug
der höheren Preisklasse»
Kantonspolizist Reto Mülli zur Poser-Definition
Die drei Fahrer sind der Kantonspolizei im Rahmen einer konzertierten, in den vergangenen zwei Wochen durchgeführten Aktion ins Netz gegangen. Ziel dieser Aktion: «Poser aus dem Verkehr ziehen», wie Reto Mülli, Dienstchef des Verkehrsstützpunktes Hinwil, erklärt. Ein Poser, das ist gemäss Polizei-Definition jemand, «der mit seinem Auto gezielt während der Fahrt und am liebsten innerorts und vor Publikum Lärm verursacht».
Der typische Poser lässt sich laut Mülli wie folgt beschreiben: «männlich, 18 bis 25 Jahre alt, meist mit einem Fahrzeug der höheren Preisklasse unterwegs, wobei fast all diese Fahrzeuge geleast sind». «Höhere Preisklasse» kann durchaus mal für einen Wert von 160’000 Franken stehen. Bei den Marken liegen die Präferenzen bei BMW, VW Golf und Mercedes.
Den Auspuff leerräumen
Doch was tun die Poser, damit ihr Fahrzeug «besser» tönt? Gemäss den Erfahrungen der Kantonspolizei werden am häufigsten im Auspuff die schalldämpfenden Elemente und/oder der Katalysator entfernt. «Der Auspuff ist dann eigentlich nur noch eine Attrappe», sagt Mediensprecher Alexander Renner. Die Folgen: viel Lärm und ungefilterte Abgase.
Oft werden auch Manipulationen an der Motorsteuerung vorgenommen. Das führt – vereinfacht ausgedrückt – zu Benzinentzündungen im Auspuff, einem sogenannten Schub-Knallen. Dieses von Posern geliebte Knallen kann bei gewissen Installationen auch über eine Smartphone-App oder einen getarnten Schalter aktiviert werden.
«Es braucht ein fachlich geschultes Auge,
um technische Änderungen zu erkennen.»
Reto Mülli
Tarnung und Technik: diese beiden Stichworte machen klar, «dass es ein fachlich geschultes Auge braucht, um solche Änderungen zu erkennen», sagt Reto Mülli. Er hat in seinem Team ein halbes Dutzend solcher Spezialisten, die in Sachen Tuning-Know-how absolut mit ihrer «Kundschaft» mithalten können.
Den Spezialisten hilft aber nicht nur umfassendes Technikwissen – zum Teil von ihrer früheren Ausbildung als Automechaniker her – und ein auf überlaute Auspuffgeräusche sensibilisiertes Gehör, sondern auch ihre Nase. So können erfahrene Verkehrspolizisten bei offenen Seitenfenstern aus ihrem Einsatzfahrzeug heraus riechen, wenn ein illegal abgeänderter Wagen vorbeifährt: Die Abgase, die beispielsweise aus einem manipulierten Katalysator strömen, haben einen eigenen Geruch.
Problem: individuelle Lärmwerte
Hören, riechen oder sehen die Polizisten ein mögliches Poser-Fahrzeug und erhärtet sich nach einer ersten Kontrolle der Verdacht, wird es im Stützpunkt im Betzholz genau untersucht: Gibt es verdächtige neue Schweissnähte? Ist der nachträglich eingebaute Sport-Auspuff typengeprüft und im Originalzustand? Hat es im Handschuhfach einen versteckten Schalter?
Zudem wird der Lärm des Wagens gemessen. Also das, was laut Mülli «in den letzten zwei Jahren zu massiv mehr Klagen aus der Bevölkerung geführt hat». Speziell dabei: Jedes Auto hat einen anderen, vom Hersteller festgelegten maximalen Dezibel-Wert. Das heisst, was bei einem hochmotorisierten Sportwagen noch OK ist, ist bei einem Kleinwagen viel zu laut – eine Regelung, für die Lärmgeplagte wenig Verständnis haben, wie Mülli aus diversen Beschwerden von Oberländerinnen und Oberländern weiss.
Am Schluss wird es teuer
Illegal abgeänderte oder zu laute Autos gelten als nicht mehr sicher und werden deshalb sofort stillgelegt. Es gibt dann ein Strafverfahren wegen «Lenkens eines nicht betriebssicheren Fahrzeuges» und «mutwilligen Verursachens von Lärm», die Veränderungen müssen zurückgebaut und der Wagen neu vorgeführt werden. Das kostet natürlich alles – nur schon für Busse und Gebühren kann es da durchaus eine Rechnung von 2000 Franken geben.
Über 50 Verzeigungen ausgestellt
Die an der Aktion im Oberland beteiligten Polizisten staunten, wie viele Poser es mittlerweile gibt – selbst an den für Show-Fahrten nicht attraktiven Regentagen waren die Autofreaks unterwegs. Letztlich wurden 29 Fahrzeuge aus dem Verkehr gezogen und 52 Verzeigungen zuhanden des Statthalteramts erstellt.
Für die Kantonspolizei «zeigen diese Zahlen, dass solche Aktionen notwendig sind». Denn mit jedem stillgelegten Fahrzeug werde der Lärm im Strassenverkehr etwas reduziert. So hätten Messungen gezeigt, dass ein einziger Wagen mit Schub-Knallen «so viel Lärm produziert wie 80 normale Autos zusammen».
Die gezielte Aktion gegen Poser ist nun vorbei. Doch die Polizei mahnt: Es finden weiterhin «im täglichen Dienstbetrieb Fahrzeugkontrollen mit Fokus auf illegales Tuning statt».
Tuning-Hotspot Oberland
Im Zürcher Oberland sind besonders viele abgeänderte Autos unterwegs – auch aus anderen Teilen der Schweiz und sogar aus dem deutschen Grenzgebiet. So war ein Fahrer, dessen massiv umgebautes Auto im Rahmen der Polizeiaktion stillgelegt wurde, aus der Westschweiz angereist: Er wollte in einer Wetziker Garage die seiner Meinung nach nicht optimale Leistung seines Gefährts überprüfen lassen. Die immer grössere Verbreitung solcher Tuningfirmen in der Region sieht die Kantonspolizei als Hauptgrund für die hohe Poser-Dichte. Diese Firmen sind laut Reto Mülli, Dienstchef des Verkehrsstützpunktes Hinwil, rechtlich jedoch nicht greifbar, denn sie liessen ihre Kunden unterschreiben, dass sie das Auto nach dem Tuning nicht im öffentlichen Raum bewegen dürfen. (ehi)
