Wie ein Bubiker und sein Team Gewalt im Keim ersticken
«Muss denn immer zuerst etwas passieren, damit sich die Situation bessert?» «Äh, ja – leider.»
Etwa so lautete früher die Kurzfassung eines Dialogs zwischen beispielsweise einer Frau, die von ihrem Mann mit dem Tod bedroht wurde, und einem Polizisten, bei dem sie Hilfe suchte. Dann passierte am 15. August 2011 eben so «etwas»: In Pfäffikon erschoss am helllichten Tag ein Kosovare zuerst seine Frau, anschliessend die Leiterin des örtlichen Sozialamtes. Es waren zwei geplante Hinrichtungen.
Nicht nur die Tat an sich sorgte weit herum für Entsetzen, sondern auch die Tatsache, dass der Schütze seine Familie seit mehreren Jahren bekanntermassen terrorisiert hatte und gewalttätig war. Eine Situation, gegen die man von den Behörden aus aber kaum etwas unternahm und schon gar nicht im Sinne einer koordinierten Aktion.
Schweizer Pionierstellung
Das war die Geburtsstunde der Präventionsabteilung der Kantonspolizei Zürich. Hinter dieser Bezeichnung, die spontan wohl manch einer mit lehrerhafter Aufklärungsarbeit verbindet, verbirgt sich eine moderne, offensiv agierende und schweizweit als pionierhaft angesehene Organisation mit mittlerweile gegen 70 Mitarbeitenden, geführt von Reinhard Brunner. Der Bubiker, der seit seiner Kindheit im Zürcher Oberland lebt, arbeitet schon mehr als drei Jahrzehnte bei der Polizei. Einen grossen Teil seiner Karriere hat er in Kaderfunktion bei der Kripo verbracht.
Oft psychische Probleme
Gibt es typische Merkmale von potentiellen oder tatsächlichen Gewalttätern? «Wir haben viel mit psychisch auffälligen Personen zu tun», sagt Reinhard Brunner. Oft hätten diese Menschen – in über 80 Prozent der Fälle handelt es sich um Männer – auch ein Drogen- oder Alkoholproblem; letzteres stelle vor allem bei häuslicher Gewalt «einen wesentlichen Faktor» dar. Es können auch finanzielle Schwierigkeiten sein oder die Überforderungssituation in einer Familie (wenn beispielsweise zwei Erwachsene und zwei Kleinkinder auf engstem Raum zusammenleben), die Gewalt auslösen können.
Es seien in der Regel aber «viele Aspekte, die zusammenkommen und im schlimmsten Fall dann zu einer schweren Eskalation führen». Und: «Jede Gewaltkonstellation hat ihre eigenen Ursachen». (ehi)
Heute leitet der 56-Jährige ein Team, das sich mit allen Aspekten der Verbrechens- und Unfallprävention befasst. So bringen seine Leute unter anderem Primarschülern auf der Strasse die Velofahrregeln bei, warnen Oberstufenschülern im Unterricht vor den Gefahren der digitalen Welt, klären Anhänger extremistischer Gruppierungen in ihren abgeschotteten Versammlungslokalen über die Folgen der Radikalisierung auf und referieren vor Senioren, mit welchen Tricks es etwa falsche Enkel auf ihr Vermögen abgesehen haben.
«Ohne Netzwerke keine Früherkennung»
Reinhard Brunner
«Doch ein Schwerpunkt der Arbeit unserer Abteilung ist die Gewaltprävention», betont Brunner. Also das Bestreben, im Voraus schwere Delikte zu erkennen und zu verhindern.
Nach «Pfäffikon» habe man den Fall detailliert analysiert und gesehen, dass wohl alle beteiligten Institutionen «ihren Job machten» – aber eben nicht mehr als das und vor allem jeder für sich alleine. Konkret: «Man hatte sich zu wenig ausgetauscht untereinander, die interdisziplinäre Zusammenarbeit fehlte».
Diese Zusammenarbeit, das Vernetztsein, sei jedoch die einzige Chance, um drohende Gewalttaten überhaupt verhindern zu können. «Ohne Netzwerke keine Früherkennung, und ohne Früherkennung geht gar nichts», lautet die Gleichung von Brunner. So arbeitet seine Abteilung heute mit gegen vier Dutzend öffentlichen und privaten Organisationen zusammen, von der Staatsanwaltschaft über die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde bis zu Schulen und dem Arbeitsamt. Zudem pflegen die Mitarbeitenden der Abteilung sowie nebenamtliche Spezialisten aus den Reihen der Kantonspolizei, von denen einige auch im Oberland stationiert sind, permanenten Kontakt zu Jugendszenen, Ausländerorganisationen und Moscheen.
Risikobewertung und dann persönlicher Kontakt
Macht die Polizei Wahrnehmungen, dass sich irgendwo eine Gewalttat anbahnen könnte, oder erhält sie Hinweise etwa von besorgten Nachbarn, beginnen im Hintergrund Abklärungen über die Person zu laufen. «Das Dunkelfeld erhellen», nennt Brunner diesen Vorgang der Risikobewertung, zu dem auch ein strukturiertes digitales Tool eingesetzt wird.
«Endlich hört mir mal jemand zu.»
Häufige Reaktion von Gefährdern, wenn die Polizei vorbeikommt
Gewinnen die Befürchtungen Konturen, wird die Person von sogenannten Gefährderansprechern in der Regel zuerst einmal per Telefon kontaktiert. Oft gehen dann in den nächsten Tagen zwei Mitarbeitende von Brunner persönlich beim möglichen Gefährder vorbei. Denn «im direkten Kontakt erfahren wir am besten, wie jemand tickt und wie hoch sein Risiko ist».
In diesem Gespräch, im dem «das Problem offen angesprochen wird», seien ausflippende Personen extrem selten. Im Gegenteil: «Endlich hört mir mal jemand zu», wird den Polizistinnen und Polizisten regelmässig gesagt, und der Gesprächspartner reagiere «in 80 Prozent der Fälle positiv» beim Treffen.
Reden, helfen, Grenzen zeigen
Bei ihren Besuchen würden die Gefährderansprecher «im Endeffekt Sozialarbeit machen», sagt Brunner. Sie vermitteln Tipps, wie der Betroffene seine Lage verbessern kann, helfen sogar einmal bei der Jobsuche oder mit der Vermittlung einer passenden Therapie.
Und bei Risikopersonen nehme man selbstverständlich «eine Grenzziehung» vor. Man sagt ihnen also deutlich, dass keinerlei strafbare Handlungen drin liegen. Für potentielle Opfer können Schutzmassnahmen in die Wege geleitet werden.
In den sehr seltenen Fällen, in denen dem Gefährder die Einsicht fehlt und befürchtet werden muss, dass er bald einmal eine schwere Gewalttat begeht, klicken auch schon mal die Handschellen. Die Person wandert vorübergehend in Haft und wird der Staatsanwaltschaft zugeführt. Und in manchen Fällen ist eine fürsorgerische Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik nötig.
Fast immer gelingt eine Beruhigung der Lage
Die meisten Gewaltschutzfälle – im Jahr 2019 beispielsweise fanden alleine 235 Gefährderansprachen statt – sind innerhalb von einigen Monaten erledigt. Das heisst, aus der Risikosituation ist dann «eine stabile Lage» geworden. Die Kantonspolizei hat aber auch «ein paar wenige» Fälle, die sie permanent und über Jahre hinweg beobachtet.
Schwere Gewalt ist selten spontan
Massive Gewalttaten wie schwere Körperverletzung, Amokläufe oder Tötungsdelikte werden von Männern wie Frauen selten spontan verübt. «Es gibt im Vorfeld oft Andeutungen oder recht konkrete Äusserungen wie ‹so, jetzt kauf ich dann wirklich einmal eine Pistole›», sagt Reinhard Brunner. Solche Aussagen müsse die Polizei absolut «ernst nehmen» und schnellstens die Hintergründe dieser Drohung abklären und allenfalls intervenieren. «Allenfalls», weil «zum Glück viele solche Äusserungen nur Plauderei sind». (ehi)
Wie erfolgreich der umfassende und aufwändige Ansatz der Präventionsabteilung ist, um schwere Straftaten zu verhindern, das lässt sich letztlich jedoch nicht messen. Laut Reinhard Brunner hat es in den vergangenen neun Jahren ein einziges Tötungsdelikt gegeben, das einer seiner «Klienten» verübte.
Demgegenüber stünden «X Fälle, wo wir die Lage deeskalieren konnten». Gerade die Gefährderansprache sei «hoch wirksam – aber wir können natürlich nicht sagen, was passiert wäre, hätten wir es nicht gemacht. Diese Frage wird man nie beantworten können».
Opfer, aber auch Zeugen, einer Gewalttat und Menschen, die eine solche Tat befürchten, sollen sich sofort und rund um die Uhr über den Polizeinotruf 117 melden. Umfassende Informationen zum Thema gibt es unter anderem auf der Internetseite des Kantonalen Bedrohungsmanagements Zürich.
Risiko- und Schutzfaktoren: eine sehr individuelle Sache
Abzuschätzen, ob ein Mensch mit grosser Wahrscheinlichkeit zum Gewalttäter werden könnte, ist selbst für Spezialisten der Polizei extrem schwierig. Das, weil gemäss Reinhard Brunner « jeder Fall ein Einzelfall ist, der viele unterschiedliche Facetten von möglichen Risiken, aber eben auch von schützenden Elementen enthalten kann ». Und diese Risiko- und Schutzfaktoren seien nicht eins zu eins von einem auf den anderen Fall übertragbar.
Gefährliches oder gutes Hobby?
So kann beispielsweise die Mitgliedschaft eines Drohers in einem Schützenverein ein Risiko sein, weil er dort problemlos an Waffen und Munition kommt. Dieses Hobby kann aber auch ein deeskalierender Schutzfaktor sein, weil der Verein der einzige Ort ist, wo der Betroffene noch sozialen Halt findet. Deshalb muss Brunners Team u nter anderem solche Faktoren in jeder dieser ausnahmslos komplexen, heiklen Situationen individuell erheben und abwägen.
Schusswaffen werden beschlagnahmt
Klar ist hingegen heute das Vorgehen der Kantonspolizei Zürich, wenn bei einer möglichen Gewaltsituation etwa ein Gewehr beim potentiellen Täter vorhanden ist. «Waffenbesitz ist grundsätzlich immer gefährlich, wenn auch nicht in jedem Fall gleich», sagt Brunner. So stelle der Zugang zu einer Schusswaffe «im Kontext von häuslicher Gewalt mit Todesdrohungen eine enorm gefährliche Situation dar » . Hier erfolgt deshalb schnellstmöglich eine Beschlagnahmung. Doch auch « in niederschwelligen Bedrohungs-Konstellationen werden vorhandene Schusswaffen sichergestellt ». (ehi)
