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Blaulicht

Von Nepal nach Rüti, um bei Rettungsprofis zu lernen

Das Team des Rettungsdienstes Regio 144 ist derzeit um ein ganz spezielles Mitglied reicher: einen Sanitäter aus Nepal. Der Gast lernt in Rüti, wie man eine Blaulichtorganisation professionell betreibt – und kommt dabei immer wieder ins Staunen. Etwa, wenn's ums Thema «Schlafen im Nachtdienst» geht.

Rajendra Kunwar, der nepalesische Gast-Sanitäter, beim Auffüllen von Material nach einem Einsatz mit einem Team der Regio 144. (Bilder: Mano Reichling), Vom Nepal Ambulance Service zur Regio 144: EMT Rajendra Kunwar.

Von Nepal nach Rüti, um bei Rettungsprofis zu lernen

R. Kunwar. EMT. Nepal Ambulance Service. – Das Namenstäfeli auf der Uniform liest sich reichlich sonderbar für jemanden, der in einem Rettungswagen der Zürcher Oberländer Regio 144 AG  angefahren kommt. Doch Rajendra  Kunwar, wie der junge Mann mit ganzem Namen heisst, ist auch kein Schweizer Rettungssanitäter, sondern einer aus Nepal. Der «Emergency medical technician», oder kurz eben EMT, wie Sanitäter in englischsprachigen Ländern heissen, weilt für einen Ausbildungsbesuch beim Rütner Unternehmen.

«Positiv geschockt»

Nepal, ein Staat, eingeklemmt zwischen den Grossmächten China und Indien und eines der ärmsten Länder der Welt mit entsprechend rudimentär ausgebautem Gesundheitswesen – die Schweiz, eines der reichsten Länder der Welt mit hochstehendster Rund-um-die-Uhr-Versorgung auch der kleinsten Wehwehchen: «Ich war geschockt, als ich ankam. Positiv geschockt», sagt Kunwar. Es sei hier  wie auf einem «anderen Planeten».

Ein Planet, auf dem er nun erfährt, wie man einen Rettungsdienst professionell organisieren kann, wie eine Patientenbetreuung auf hohem Level aussieht und dass ein Betrieb nicht automatisch, «nicht ‹einfach so›, rund läuft, sondern dass es dazu eine Struktur braucht, dass es für Mitarbeiter ‹Ämtli› gibt, die dann auch erledigt sein müssen,  dass verbrauchtes Material zu retablieren ist, dass alles sauber sein muss», wie Irene Müller sagt. Müller ist Rettungssanitäterin bei der «Regio» und Koordinatorin des Projektes «Regio 144 hilft Nepal» (siehe untenstehende Box). Im Rahmen dieses Projektes wurde Kunwar ein Besuch in der Schweiz ermöglicht. Unter anderem, damit der 33-Jährige 1:1 sieht, dass das, was «Regio»-Vertreter bei ihren Besuchen beim Nepal Ambulance Service (NAS) vermitteln, durchaus einen Sinn ergibt.

«Regio 144 hilft Nepal»: Know-how-Transfer vom Zürcher Oberland nach Asien

Die Regio 144 AG aus Rüti bringt seit rund drei Jahren ihr Fachwissen in ein Entwicklungszusammenarbeitsprojekt in Asien ein. Im Rahmen der Partnerschaft «Regio 144 hilft Nepal» wird der Nepal Ambulance Service (NAS) unterstützt. Obwohl es sich beim NAS laut der «Regio» um den ersten professionellen Rettungsdienst des Himalayastaates handelt, ist ein Know-how-Transfer bitter nötig. Bei ihren regelmässigen Besuchen vor Ort schulen Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter sowie Notärzte aus dem Zürcher Oberland die Nepalesen, helfen bei Optimierung der betrieblichen Organisation und sorgen für einen gewissen finanziellen Support.

Für Informationen und Spenden: www.regio144hilftnepal.ch

 

Mit Rettungsteams unterwegs

Rajendra Kunwar erhält aber nicht nur  einen Einblick ins Organisatorische, sondern er ist während seines nächste Woche zu Ende gehenden, einmonatigen Aufenthalts auch regelmässig mit Rettungsteams unterwegs. Bei diesen Einsätzen stehen dann Medizin, Technik und Taktik im Vordergrund.  Und der Umgang mit verletzten und erkrankten Menschen sowie Spitalpersonal. Alles Leute, «die positiv überrascht» waren, als er in Begleitung eines «Regio»-Teams erschien, und die ihm freundlich begegnet seien.

Ganz andere Dimensionen

Nicht nur seine Freunde zuhause im Himalayastaat, denen er auf ihren Wunsch hin Fotos schickte und die dann antworteten, «das sieht ja aus wie auf einer Postkarte», waren überrascht von der Schweiz. Auch Kunwar selbst staunte immer wieder. Unvergesslich bleibt ihm etwa, was er als Teilnehmer an der grossen Notfallübung Mitte November auf dem Zürcher Flughafen beobachtete: Für die etwa 50 «Verletzten» seien gegen 400 Sanitäter, Feuerwehrleute, Polizisten und andere Spezialisten aufgefahren – gleichviele, wie sich im Frühling 2015 nach einem verheerenden Erdbeben mit tausenden Verletzten am Flughafen der nepalesischen Hauptstadt um die Betroffenen gekümmert hatten. Diese Dimensionen an beiden Orten selber mitzuerleben, «das war vollkommen wahnsinnig!».

Im Nachtdienst schlafen in der Ambulanz

Anders ist auch sonst einiges.  Beispielsweise im Nachtdienst. Für diese Schichten steht jedem  diensthabenden «Regio»-Mitarbeiter ein eigenes Schlafzimmer mit Toilette zur Verfügung – in Nepal hingegen «schlafen mein Driver und ich in der Ambulanz». Oder beim Material: Im NAS werden Sauerstoffmasken und andere Utensilien aufgrund von Materialknappheit nach dem Einsatz gewaschen und wiederverwendet – in der Schweiz ist (auch) das Einwegmaterial.

Unterschiede gibt es sogar bei den Patienten. In Nepal sind Geburten in der Ambulanz nichts Spezielles – «das habe ich schon 15 Mal erlebt» –, in der Schweiz absolut aussergewöhnlich. Dies, weil die Frauen hierzulande in Spitälern oder Geburtshäusern unter Begleitung von Fachpersonal gebären, in Asien hingegen meist zuhause. Und erst, wenn es dann Probleme gibt, ruft man eine Ambulanz.

Gerade wenn sie von Kunwar von solchen Verhältnissen hören, profitieren auch die privilegierten Schweizer Rettungssanitäter vom Besuch. «Sie erleben dann ein bisschen Nepal hier in Rüti und was es heisst, in einem ganz anderen Land mit viel weniger Mitteln zu arbeiten», wie es Irene Müller formuliert.

Eines seiner Ziele: Notrufnummer bekannter machen

Zurück in der Heimat wird Rajendra  Kunwar das, was er bei der Regio 144 gelernt hat, seinen 30 EMT-Kolleginnen und -Kollegen weitergeben. Und er will versuchen, auch auf nationaler Ebene Verbesserungen zu erreiche. Etwa, dass die landesweite Sanitätsnotrufnummer 102 so bekannt werde wie die 144 in der Schweiz. Und auch das Ansehen der EMTs sowohl bei Ärzten wie in der Bevölkerung möchte er steigern. Im Bewusstsein, dass das alles «eine grosse Aufgabe ist».

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