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«Ich glaube, dass heute schneller der Notruf 144 gewählt wird»

Entstanden aus der Fusion zweier Organisationen, nahm vor zehn Jahren der Rettungsdienst Regio 144 AG in Rüti den Betrieb auf. Wie sich der Job des Sanitäters, die Patienten und die Schwelle zur Wahl des Notrufs 144 verändert haben, erzählen zwei Mitarbeitende, die vom Anfang an dabei waren: Geschäftsführer und Rettungssanitäter Martin Kuhn und Rettungssanitäterin Marlies Tschanen.

Die Interviewpartner Marlies Tschanen und Martin Kuhn: seit der Gründung der Regio 144 AG vor zehn Jahren dabei. (Bild: Fabio Meier), Ein Team der Regio 144 bei der Erstversorgung einer Frau, die auf dem Garagenvorplatz verunfallt ist. (Bild: Regio 144)

«Ich glaube, dass heute schneller der Notruf 144 gewählt wird»

Zu einem Geburtstag gibt es natürlich zuerst einmal eine Gratulation. Doch darf man einem Unternehmen überhaupt gratulieren, das Jahr für Jahr mehr Umsatz macht, weil es immer mehr Kranke und Verletzte transportiert?
Martin Kuhn: Zu einem Zehn-Jahr-Jubiläum darf man sicher gratulieren. Denn: Wir helfen ja den Menschen in einer schwierigen Situation. Und das zeichnet uns aus, nicht der Umsatz.

Die Regio 144 AG ist ein Fusionsprodukt zwischen den Rettungsdiensten des GZO-Spitals Wetzikon und des Spitals Linth in Uznach. Merkt man das heute noch?
Kuhn: Nur noch am Rande. Insgesamt habe ich den Eindruck, wir sind eine einzige Firma – und so werden wir auch wahrgenommen von den Patienten.

Und die Probleme, die es bei jeder Fusion gibt und die dann zum Teil jahrelang anhalten: konnte man die bewältigen?
Kuhn: Es gibt zwei Bereiche, die man da anschauen muss. Das eine sind die Strukturen, in die unser Unternehmen eingebettet ist. Hier bestehen heute noch grosse Herausforderungen; zum Beispiel, indem die Einsätze für unseren Rettungsdienst von  zwei verschiedenen Notrufzentralen – in Zürich und in St. Gallen – disponiert werden. Der andere Bereich sind die Menschen,…
Marlies Tschanen: …und da sind wir ein Team, eine Firma. Das war anfangs nicht so, da waren es zwei Kulturen, die aufeinandergeprallt sind.

Zudem hatten Sie es am Anfang ja nicht einfach, vor allem wegen Vorwürfen in Bezug auf die Hilfsfristen.
Kuhn: Das ist heute kein Problem mehr. Die offiziellen, hoch gesteckten Vorgaben, wie schnell wir beim Patienten sein müssen, werden durch uns erfüll. Und, ganz wichtig: Wir haben Massnahmen ergriffen, setzen unsere Fahrzeuge und das Personal nun anders ein und konnten dadurch noch einmal eine klare Verbesserung erzielen.

Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert?
Tschanen: Nebst dem Team die Infrastruktur: Am Anfang gab es die schlicht nicht. Man holte beispielsweise das Verbrauchsmaterial – Wäsche, Medikamente, Sauerstoff  – von verschiedensten Orten und hatte nicht, wie heute, alles zentral im Stützpunkt.
Kuhn: Und zu Beginn hatten wir weisse und gelbe Rettungswagen. Jetzt haben wir einen einheitlichen Auftritt; auch in dieser Hinsicht sind wir zusammengewachsen.

Was unterscheidet die Regio 144 von einem anderen Rettungsdienst?
Tschanen: Wir sind privatrechtlich organisiert. Doch was uns auszeichnet ist, dass der Kunde König ist. Wir versuchen, den Patientinnen und Patienten soviel wie möglich zu bieten. Wenn wir jemanden ins Spital bringen müssen, schauen wir zum Beispiel, dass auch die Katze versorgt ist; dass das Kind, das von der Schule heimkommt, zu einer Nachbarin zum Mittagessen kann; dass man bei einem Zweiradunfall auch das Velo des Verletzten mitnimmt.
Kuhn: Aus Unternehmenssicht unterscheidet uns von anderen, dass wir kleiner sind, dass wir eigenständig sind. Unsere Entscheidungswege sind deshalb viel kürzer: Wir können ganz vieles extrem schnell selber beschliessen und auch individuelle Lösungen treffen – nicht so, wie in Rettungsdiensten, die grösser sind oder die einem Spital angeschlossen sind. Das ist ein Riesenvorteil.

Gehen wir vom Unternehmerischen zur Technik. Bringt all das moderne Equipment in Ihren Rettungsfahrzeugen dem Patienten effektiv einen Nutzen?
Kuhn: Ja. Aber ich finde, dass der  Patient mehr von Fortschritten in der Ausbildung des Rettungspersonals und entsprechenden Investitionen profitiert, als wenn man immer wieder an der Technik «echli umeschrüblet». Es sind die Mitarbeitenden und ihre Ausbildung und Erfahrung, die in der Notfallmedizin etwas bringen. Und da haben wir in den letzten Jahren einen grossen Schritt gemacht.

Was hat zu dieser Verbesserung beigetragen?
Tschanen: Wir haben ein Weiterbildungsprogramm – das gab es anfangs nicht. Es ist vorgeschrieben, dass ein Rettungssanitäter eine bestimmte Anzahl von Weiterbildungsstunden absolviert und regelmässig Refresher von Spezialausbildungen macht, zum Beispiel  im strukturierten Management von schweren Herznotfällen.

Muss heute ein Rettungssanitäter mehr können, als vor zehn Jahren?
Tschanen: Ganz klar: ja!

Dass die Sanitäter der «Regio» ihren Job überdurchschnittlich gut machen, zeigten die Resultate einer Patientenumfrage, die im selben Stil schon andernorts in der Schweiz gemacht wurde. Gibt es eine Erklärung für die Topnoten?
Kuhn: Wenn die Firma ein gewisses Image hat, dann ist es einfacher, gute Mitarbeiter zu finden.
Tschanen: Es macht Spass, hier zu arbeiten. Und was mir besonders gut gefällt: Ich, als Mitarbeiterin, werde wirklich geschätzt – von meinen Teammitgliedern, von meinem Chef, von den Patienten. Und das macht es aus, das ist schön.

Eine wichtige personelle Stütze bei besonders anspruchsvollen Fällen sind die Notärzte. Was bringen diese noch zusätzlich in einem Einsatz?
Tschanen: Das grössere medizinische Wissen, als es ein Rettungssanitäter hat. Und dieses Wissen bringen sie in den Einsatz ein, worauf man dann als Team versucht, das Beste für den Patienten herauszuholen.

Stichwort Patienten: wie haben sich die verändert in den letzten Jahren?
Tschanen: Ich glaube, dass heutzutage schneller zum Telefon gegriffen und der Notruf 144 gewählt wird. Das, obwohl man vielleicht nur eine kleine Handverletzung hat und auch den Nachbarn hätte fragen können, ob er einen rasch ins Spital fährt. Und die psychiatrischen Notfälle, die haben auch zugenommen.
Kuhn: Eine Steigerung gibt es auch bei der Zahl der älteren Patienten. Das entspricht aber der Entwicklung in der Bevölkerung. Unsere Einsätze sind deshalb mehr oder weniger ein Abbild der Bevölkerung.

Und wenn man diese Bevölkerung betrachtet, kann man sagen, die Menschen werden immer kränker – oder immer empfindlicher?
Kuhn: Ich glaube nicht. Dass wir jedes Jahr mehr Einsätze haben, das ist zum einen Teil darauf zurückzuführen, dass eben immer mehr Menschen in unserem Zuständigkeitsgebiet wohnen. Zum anderen Teil ist es so, dass wir immer noch in einer Phase sind, wo wir die Notrufnummer 144 propagieren. Und wenn man etwas propagiert, bekannter macht, dann wird es – und soll es auch! – mehr gebraucht werden. Als Begleiterscheinung gibt es dann ab und zu Fälle, wo wir finden, ein Notruf wäre nicht nötig gewesen. Aber der Patient hat für sich entschieden: «Ich rufe jetzt die Nummer 144 an» – und dann ist es für uns ein Notfall wie jeder andere.

Die «Regio» ist eine der wenigen Einrichtungen im Schweizer Gesundheitswesen, die Gewinn macht. Verraten Sie uns Ihr Geheimrezept!
Kuhn: Ein Geheimrezept gibt es nicht. Es war vor zehn Jahren ein guter Entscheid, zu fusionieren. Denn als Folge davon haben wir nun eine Grösse, die es uns ermöglicht, eine schwarze Null zu schreiben oder sogar einen kleinen Gewinn zu machen. Und es ist ein glücklicher Umstand, dass die  Strukturen, die wir vorhalten müssen, um das grosse Zuständigkeitsgebiet abdecken zu können, sich gerade gut ergänzen mit der Anzahl Einsätze. Es gibt Rettungsdienste, die sind gleich gross wie die «Regio», haben aber weniger Einsätze – und dann funktioniert die Rechnung nicht mehr.

Also keinerlei Sorgen, wenn Sie in die Zukunft blicken.
Kuhn: Finanziell stehen wir sicher auf festen Beinen. Sorgen im klassischen Sinne haben wir auch nicht, aber es gibt Herausforderungen. Ich persönlich wäre zum Beispiel überrascht, wenn in zehn Jahren die Regio 144 immer noch genau gleich aussähe, wie jetzt. Ich gehe davon aus, dass es Veränderungen in der Rettungsdienst-Landschaft geben wird, auch im Zürcher Oberland; weitere Fusionen sind durchaus möglich. Es finden derzeit aber weder offene noch verdeckte Gespräche zu diesem Thema statt.

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf den Geburtstag zurück: wie feiern Sie den?

Kuhn: Zum einen möchten wir der Bevölkerung etwas zurückgeben, indem wir zehn Gruppen aus dem Nonprofitbereich zu einem kostenlosen Reanimationskurs einladen. Zum anderen gibt es einen Anlass für unsere «Auftraggeber», also Vertreter von Behörden und Spitälern…
Tschanen: …und zehn kleine Events wie Wandern, Kanufahren oder Käsen, organisiert von Mitarbeitern für Mitarbeiter. Zehn Events, weil wir als Unternehmen, in welchem rund um die Uhr gearbeitet wird, allen die Möglichkeit zum Mitmachen geben möchten. Denn ein Rettungsdienst kann ja nicht einfach den Betrieb einstellen, um  ein einziges, grosses Personalfest für alle zu machen…

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