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Blaulicht

24 Stunden im Leben eines Notarztes auf einem Rettungshelikopter

Mitten in der Nacht zu einem kranken Kind in der Innerschweiz, vom Mittagessen weg zu einem Hirnschlag im Grenzgebiet zu Deutschland: so kann der Job eines Arztes auf einem Rettungshelikopter aussehen. Züirost begleitete den Ustermer Wolfgang Scarnato eine Schicht lang.

Wolfgang Scarnato in seinem fliegenden Arbeitsplatz. (Bilder: Ernst Hilfiker), Der Rettungshelikopter «Lions 1» der Alpine Air Ambulance. Auf dieser Maschine leistet der Ustermer Wolfgang Scarnato als Notarzt Dienst., Der Rettungshelikopter «Lions 1» der Alpine Air Ambulance. Auf dieser Maschine leistet der Ustermer Wolfgang Scarnato als Notarzt Dienst. , Der Rettungshelikopter «Lions 1» der Alpine Air Ambulance., Eine Patientin wird für den Transport im Heli bereit gemacht., Mit Hilfe von Polizisten wird die Patientin eingeladen., Ein Patient wird auf einer Spezialtrage in den Heli geschoben. , Der «Lions 1» auf dem kleinen Landeplatz vor einem Regionalspital., Einsatz bei einem Verkehrsunfall., Der aus dem Heli ausgeladene Patient wird auf dem Dachlandeplatz eines grossen Spitals zum Lift geschoben, der direkt zur Notfallabteilung führt.

24 Stunden im Leben eines Notarztes auf einem Rettungshelikopter

Die Schmerzschreie des Töfffahrers sind schon vom Heli aus zu hören, obwohl dieser 50 Meter von der Unfallstelle entfernt soeben in einem Zwiebelfeld gelandet ist. Während die Rotoren auslaufen, eilen Notarzt Wolfgang Scarnato und der heute mit ihm Dienst leistende Rettungssanitäter zum Verletzten. Zusammen mit dem zuerst eingetroffenen bodengebundenen Rettungsdienst übernehmen sie nun die Erstversorgung des Mannes, der direkt neben der Strassenlaterne liegt, in die er mit seinem schweren Töff geknallt ist. Es sieht nicht gut aus: lebendbedrohliche Blutungen, ein offener Bruch, diverse andere gravierende Verletzungen.

Abflug vom Einsatzort. (Videos: Ernst Hilfiker)

 

Scarnato übernimmt den Lead. Ruhig, aber bestimmt sagt er, was zu tun ist: Schmerzbekämpfung, Narkose, Intubation, künstliche Beatmung,  Blutstillung; alles läuft parallel. Nach 30 Minuten ist der Schwerverletzte soweit stabilisiert, dass er in den Heli geladen werden und von der Unfallstelle in der äussersten Ecke der Nordschweiz ins bereits vorinformierte Universitätsspital Zürich geflogen werden kann.

Fasziniert von Notfallmedizin

Wolfgang Scarnato ist ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Alpine Air Ambulance (AAA). In dieser Eigenschaft ist er nicht nur Chef über 20 Notärzte und verantwortlich für die medizinische Qualität, sondern eben auch regelmässig selbst auf dem Heli und gelegentlich auf dem Ambulanzjet der AAA tätig. Seit Beginn seines Medizinstudiums vor 30 Jahren ist der Anästhesist in der sogenannt präklinischen Notfallmedizin aktiv, weil ihn die Abwechslung fasziniert: «Kein Einsatz ist wie der andere». Und als Arzt bereits ausserhalb des Spitals aktiv zu werden, das sei «sehr sinnvoll, weil man den Leuten dadurch unmittelbar helfen und weitere Schädigungen verhindern kann».

Scarnato, der in Uster lebt und auch als Notarzt bei der Regio 144 AG in Rüti und mit einem 50-Prozent-Pensum in der Zürcher Klinik Hirslanden arbeitet, ist seit 5 Jahren bei der AAA. Er hat die markante Entwicklung des jungen Unternehmens 1:1 miterlebt: von der Firma, die ihren gelb-blauen Rettungsheli anfänglich mit dem TCS betrieb, kaum je aufgeboten und von verschiedenen Institutionen und Teilen der Öffentlichkeit angefeindet wurde, zum Unternehmen, das heute in acht Kantonen als Luftrettungsmittel eingesetzt und sehr geschätzt wird.

Einsatz statt Essen

Etwa fünf 24-Stunden-Schichten pro Monat arbeitet Scarnato auf dem Heli. Der heutige Dienst, der schon am Vorabend begann, hatte gegen 22.30 Uhr den ersten Einsatz gebracht: die Verlegung eines Kindes vom Kantonsspital Zug ins Kinderspital Zürich.

Danach war mehrere Stunden lang Ruhe auf der Basis auf dem Flugplatz im aargauischen Birrfeld. Der Morgen begann dann mit dem Abarbeiten von «Ämtli» wie Heli und Ausrüstung checken, es folgte eine längere Sitzung – und jetzt das Mittagessen. Nur: Noch bevor das Menü im Flugplatzrestaurant ausgewählt ist, piepst der Pager, und auf dem Handy gehen  parallel dazu ein SMS und ein Mail mit einem neuen Aufgebot ein. Eine Frau in einer kleinen Gemeinde im Grenzgebiet zu Deutschland zeigt Zeichen einer schweren neurologischen Störung, es wird ein  Hirnschlag befürchtet.

Fussballfeld als Landeplatz

Der Heli landet, von der Polizei eingewiesen, auf einem Fussballplatz. Scarnato und der Rettungssanitäter übernehmen die vom Rettungsdienst bereits erstversorgte 82-Jährige, und nach einem nicht einmal eine Viertelstunde dauernden Transport ist die Frau in einer Zürcher Spezialklinik. Im Gegensatz zum schwer verletzten

Der Heli im Landeanflug auf den Fussballplatz, wo die vom bodengebundenen Rettungsdienst bereits erstversorgte Patientin wartet.

 

Töfffahrer, wo Scarnato auch während des Fluges unter anderem permanent die Atmung kontrollieren und mit einem aggressiven Medikamente den schwachen Kreislauf stützen musste, hat er bei der Seniorin mehr Zeit, um auf andere Art zu helfen: im lauten Heli, wo Gespräche ohne Headset unmöglich sind, legt er der ängstlich schauenden Frau mehrfach sanft die Hand auf die Schulter und gibt ihr mit Augenbewegungen zu verstehen, dass alles gut kommt.

Tragische Momente

Nicht mehr gut kommt es beim nächsten Einsatz, zu dem der Helikopter abhebt, kaum ist die betagte Frau im Spital übergeben. Es geht erneut in den Kanton Schaffhausen, wo bei einer Tankstelle eine Frau zusammengebrochen ist und nun reanimiert wird. Erfolglos.

Auch das gehört zu Wolfgang Scarnatos Job: zuweilen einfach nicht mehr helfen zu können. Oder auf andere Art plötzlich mit grosser Tragik konfrontiert zu werden. Etwa, wenn er beispielsweise von schier unglaublich traurigen Begleitumständen eines Unfalls erfährt. Er spricht dann von «der Geschichte hinter dem Notfall».

Auf dem Velo zum Heli

Als «Lions 1», wie der Heli aufgrund seines Funknamens von den meisten genannt wird, auf der Basis zurück ist, kann das Team um 14.30 Uhr den zweiten Anlauf zum Mittagessen nehmen. Zwei Stunden später folgt eine Kaffeerunde – und mittendrin der nächste Alarm: Die Einsatzzentrale meldet eine Explosion in einer Feuerwerksfabrik im Kanton Luzern. Auch in diesem Fall ist die Crew, die zum Zeitgewinn mit dem Velo vom Büro zum 150 Meter entfernt bereitstehenden Heli hetzt, innert drei Minuten in der Luft.

Kurz darauf tönt’s im Funk «Einsatzabbruch». Doch schon wenige Minuten später kommt ein neues Aufgebot für einen Mann, der nach einem Bienenstich Atembeschwerden hat.

Der Einsatzort ist wegen einer extrem schlechten Adressangabe durch die Einsatzzentrale kaum zu finden. Stress kommt auf im Team, dennoch arbeiten alle gezielt, keiner flucht. Dieser «gute Spirit» gefällt Scarnato, dieses Arbeiten mit «all den sehr motivierten Leuten». Der Heli landet schliesslich präzise in einem recht engen Quartiersträsschen. Scarnato und der Rettungssanitäter steigen aus, laufen zum Patienten, betreuen ihn. Kurz darauf liegt der Mann im Heli, wenig später in einem Spitalbett.

Arbeitsende: unplanbar

Gegen 18 Uhr  ist das Team zurück auf der Basis und freut sich auf den Feierabend. Vergeblich: 25 Minuten vor Schichtwechsel braucht es «Lions 1» dann eben beim schweren Töffunfall. Es ist ein intensiver Einsatz, alle sind

 

Unter dem Funkrufnamen «Lions 1» betreibt die Alpine Air Ambulance einen Eurocopter EC 135 als Rettungsheli.

 

danach – nicht nur wegen der hochsommerlichen Temperaturen – schweissgebadet. Wie nach jeder Mission füllt Scarnato noch im Zürcher Unispital, wo der Schwerverletzte hingebracht wurde, ein zweiseitiges, detailliertes Behandlungsprotokoll aus.

Doch der Feierabend ist damit noch nicht verdient. Ein erneuter Folgeeinsatz kommt rein, der Heli startet, wird dann aber wieder abbestellt.

Um 21.30 Uhr zieht Wolfgang Scarnato seine Uniform aus. Seit über 26 Stunden, unterbrochen von ein paar Stunden Nachtruhe, ist der 50-Jährige nun auf den Beinen. Überzeit zu machen, das Dienstende nie im voraus genau zu kennen, «das ist normal», sagt er gelassen. Und auch das halbe Dutzend Einsätze – vom Kind über die Seniorin bis zum schwer verletzten Töfffahrer –, das «war das ganz typische Spektrum».

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