Heute vor zehn Jahren: das Drama von Ottikon
«Es flogen Autos durch die Luft, und ‹dänn häts tätscht›», sagen die wenigen, welche den Horror überlebt haben. Den Horror, der sich bei strahlendem Sonnenschein am Dienstag, 11. Juli 2006, 16.35 Uhr auf der damals nicht richtungsgetrennten Forchautostrasse bei Ottikon (Gossau) zugetragen hatte. Eine Kollision zwischen sechs Personenwagen, in denen insgesamt zehn Menschen unterwegs waren. Sechs von ihnen im Alter zwischen 18 und 68 Jahren werden getötet, einer verletzt.
Ein Bild der Zerstörung
Was die Rettungskräfte auf der Unfallstelle antreffen, ist grauenhaft: Angesichts der extremen Verletzungen der Opfer und der irreal wirkenden Deformationen der Fahrzeuge, die sich ergeben, wenn Autos in Autobahntempo ungebremst aufeinanderprallen, sprechen mehrere Fachleute spontan «von einem Bild wie bei einem Flugzeugabsturz». Und niemand hat auch nur einen Anhaltspunkt, wie es zu dem fatalen Ereignis kommen konnte.
Auch Verursacher unter Toten
Die grosse Frage nach der Ursache beschäftigt über ein halbes Dutzend Experten. Nach einem halben Jahr steht für sie fest, wer der Verursacher ist: ein 37-Jähriger, der nach Hinwil unterwegs war. Er war kurz unaufmerksam, was zu einer Streifkollision mit einem in gleicher Richtung fahrenden Auto führte, worauf die beiden Wagen in vier Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn prallten.
Dass man den Ablauf des Dramas überhaupt rekonstruieren kann, ist auch auf den erstmaligen Einsatz eines 3-D-Laserscanners zurückzuführen. Mit dem damals für die Schweiz brandneuen Hightech-Gerät wurden die Unfallstelle und alle Fahrzeugwracks dreidimensional «vermessen». Diese Daten spielen dann eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung.
Heute überall Mittelplanken
Die Verkehrsteilnehmer, die heute auf der A 52 unterwegs sind, profitieren – so unpassend das Wort tönen mag – von den Folgen der Kollision. Denn diese war für den Kanton Auslöser, die Forchautostrasse früher als geplant durchgehend mit Mittelleitschranken zu versehen. Eine Massnahme, die verheerende Kollisionen wie diejenige im Juli 2006 weitgehend unmöglich macht.
Letztlich erwächst aus dem Unfall auch noch auf ganz andere Art etwas Positives: Das Ereignis dient als Schulungsfall, unter anderem in der Ausbildung von Staatsanwälten. Anhand der Kollision wird ihnen gezeigt, wie wichtig eine umfassende Spurenerhebung ist. Denn wie damals auf der A 52, ermöglichen bis heute oftmals einzig die Spuren die Klärung scheinbar unklärbarer Fälle – und tragen so gerade auch für die Hinterbliebenen wesentlich zum «Verstehen» eines unbegreiflichen Dramas bei.
Mehr zum Thema lesen Sie im ZO/AvU vom Montag, 11. Juli 2016.
