Abo

Gesellschaft

Podiumsgespräch in der katholischen Kirche

Bischof Bonnemain spricht in Tann aus der Nähe statt von der Kanzel

Bischof Bonnemain traf an der ersten Podiumsdiskussion im Oberland auf überraschend offene Fragen und klare Erwartungen. Der Abend zeigte, wie vielfältig die Anliegen der Gläubigen heute sind.

Der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain weilte am Mittwoch für ein Podiumsgespräch zum Thema «Die Position der Katholischen Kirche in der modernen Welt» in Dürnten.

Foto: Simon Grässle

Bischof Bonnemain spricht in Tann aus der Nähe statt von der Kanzel

Bischof Bonnemain traf an einer Podiumsdiskussion in Dürnten auf überraschend offene Fragen und klare Erwartungen. Der Abend zeigte, wie vielfältig die Anliegen der Gläubigen heute sind.

Bischof Joseph Maria Bonnemain reiste am Mittwochabend von Chur für eine Diskussionsrunde ins Oberland – zum ersten Mal seit seiner Amtsübernahme im März 2021. Damit erhielten die Besucher die seltene Gelegenheit, den hohen Geistlichen der Katholischen Kirche mit ihren Fragen zu löchern.

Der Saal der Dreifaltigkeitspfarrei in Tann war gut gefüllt. Männer und Frauen, von den Zwanzigern bis zu den Siebzigern, nahmen Platz an den langen Tischreihen vor der kleinen Bühne. Sie alle waren gekommen, um mit «ihrem» Bischof zu sprechen. «Wie viele Jahre mag es her sein, dass ein Bischof unseren Boden betreten hat?» Mit dieser einleitenden Frage unterstrich der «Hausherr», Pfarrer César Mawanzi, den Seltenheitswert dieses Moments. Nebenbei gesagt: Er wusste es nicht.

An der kurzen Seite des Saals hatte die dreiköpfige Delegation der Gastgeber Platz genommen, darunter auch René Zihlmann, ehemaliger Präsident der Zentralkommission der Katholischen Körperschaft im Kanton Zürich (heute Synodalrat). Er moderierte die Gespräche. An seiner Seite sass Bischof Bonnemain.

Die Herren waren direkt vor der Bühne statt darauf platziert worden – vermutlich, damit sie mit den Gästen auf Augenhöhe sprechen konnten. Genau so erlebten die Gläubigen an diesem Abend dann ihren Bischof. Er hatte ein offenes Ohr für ihre Fragen und Anliegen. Er sprach mit ihnen, nicht von der Kanzel herab.

Erstaunlicherweise wandten sich gleich mehrere junge Männer mit demselben Anliegen an den Bischof: Die Gottesdienste sollen einheitlicher und strikt nach römischem Recht abgehalten werden. «Ich besuche die katholische Kirche in Tann nicht mehr gern, weil die Abendmesse für meinen Geschmack nicht ehrfürchtig genug gefeiert wird», lautete etwa die Aussage von einem der smart gekleideten Gäste. Diese Meinung teilten nicht alle, wie sich bei späteren Gesprächen unter älteren Kirchenmitgliedern herausstellte.

Glaube hat viele Gesichter

In seiner geduldigen und herzlichen Art relativierte Bischof Bonnemain diese Forderungen mit dem Hauptaugenmerk auf der Authentizität des persönlichen Glaubens. «Wer die persönliche Beziehung zu Gott lebt, steckt andere damit an.» Er halte nichts von Strafen und Verboten, sondern setze auf Dialog, Verständnis und Beziehung. «Alles im Leben ist Pädagogik.»

Claudio Tressari war einer dieser Wortmelder. Im Anschluss an das Podium erklärte das Mitglied der Kirchenpflege Wald, dass vielen jüngeren Katholiken konservative Werte wieder wichtig seien. Das betreffe einerseits das strikt einheitliche Abhalten von Gottesdiensten. Andererseits auch die Weihe von Frauen. «Die Kirche hat sich dogmatisch dagegen entschieden, und plötzlich wollen das alle ändern», empört er sich, «jeder möchte es so machen, wie es für ihn gerade passt.»

Ein älterer Mann mit weissem Haar hält einer Person ein Mikrofon vor den Mund.
Der Abend bot Gelegenheit, viele Fragen zu stellen.

Stellvertretend für viele plädierte an diesem Abend nämlich auch eine ältere Frau, die schon an Frauengottesdiensten mitgewirkt hatte, dafür: «Auch Frauen sollen in die Bischofskonferenz und in die Liturgie kommen.»

Der Bischof erklärte, dass man hier am Ball bleibe. «Sogar im Vatikan bekleiden mittlerweile zwei Frauen hohe Ämter.» Papst Franziskus habe sie dazu ernannt. «Ein bekannter Kirchenrechtler wehrt sich allerdings dagegen – ich hoffe, dass Papst Leo XIV. sich dadurch nicht abbringen lässt.»

Wie weiter nach den Missbrauchsfällen?

Erwartungsgemäss war auch die Frage nach dem Vertrauensaufbau nach den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche ein Thema. Bischof Bonnemain zählte diverse Massnahmen auf, die aktuell auf verschiedenen Ebenen umgesetzt werden.

Auch ein tiefgründiges Assessment, das mit Spezialisten aus Forensik und Justiz entwickelt werde, solle Ähnliches für die Zukunft verhindern. Die Prävention solle so hoch wie möglich sein. «Eine 100-prozentige Sicherheit wird es leider nie geben», ist sich der Bischof bewusst.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.