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Auszeichnung für eine leidenschaftliche Wirtschaftsfrau

Karin Lenzlinger setzt sich für einen starken Wirtschaftsstandort ein, unterstützt Start-ups und arbeitet daran, dass mehr Frauen Führungsrollen übernehmen. Am «SEF Women Award 2026» wurde die Wirtschaftsfrau mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet.

Auszeichnung für eine leidenschaftliche Wirtschaftsfrau

Swiss Economic Forum

Karin Lenzlinger setzt sich für einen starken Wirtschaftsstandort ein, unterstützt Start-ups und arbeitet daran, dass mehr Frauen Führungsrollen übernehmen. Am «SEF Women Award 2026» wurde die Wirtschaftsfrau mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet.

Karin Lenzlinger ist Verwaltungsratspräsidentin der Zürcher Oberland Medien AG, zu der auch dieses Medium gehört. Sie ist Präsidentin der Handelskammer Zürich und engagiert sich in verschiedenen Verwaltungs- und Stiftungsräten. An einer Galaveranstaltung im Circle beim Flughafen Zürich wurde sie vom Swiss Economic Forum für ihr langjähriges Schaffen ausgezeichnet.

Frau Lenzlinger, was bedeutet Ihnen der Ehrenpreis am «SEF Women Award 2026», mit dem Sie faktisch für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurden?

Karin Lenzlinger: Natürlich habe ich mich sehr gefreut und war sehr überrascht über die Wahl. Ich bin aber der Überzeugung, dass diese Ehrung viele andere Frauen auch verdient hätten. Der Preis löst ein schönes Gefühl aus, da er gegen Ende meiner Berufskarriere erfolgt ist. So kann man symbolisch die Bühne viel gelassener verlassen.

Planen Sie Ihren Ruhestand?

(Lacht) Mathematisch habe ich ihn bereits vor zwei Jahren erreicht. Ich habe mein Leben lang immer gerne und viel gearbeitet. Und ich habe nach wie vor viele Engagements, die ich mit Leidenschaft weiterführe. Aber ich finde, man muss irgendwann den Jüngeren Platz machen.

Überreicht wurde Ihnen der Preis an einer Gala im Circle beim Flughafen. Am Event waren Frauen deutlich in der Überzahl. Wie wichtig sind solche Anlässe fürs eigene, weibliche Netzwerk?

Netzwerke, beziehungsweise solche Anlässe, sind in Führungspositionen immer wichtig, insbesondere auch für Frauen. Sie helfen für den Austausch, geben Ideen und sorgen dafür, dass man sich etwas weniger einsam fühlt in diesen Positionen. Bei Anlässen wie diesem, mit einem so hohen Frauenanteil, macht es aber auch einfach sehr viel Spass, und man kann eine tolle Stimmung geniessen.

Grundsätzlich: Können Männer besser netzwerken als Frauen – oder haben sie einfach mehr Gelegenheit dazu?

Ich glaube nicht, dass Männer besser netzwerken können, aber Frauen machen dies vielleicht selektiver und haben häufig weniger Zeit zur Verfügung. Früher gab es zudem zahlreiche Netzwerke, die Frauen kaum zur Verfügung standen. Das ist heutzutage sicher besser.

In den 100 grössten Firmen der Schweiz liegt der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen bei 13 Prozent, in den Verwaltungsräten bei 24 Prozent. Was muss geschehen, dass es hier vorwärtsgeht?

Nach wie vor gibt es strukturelle Hürden für Frauen. Eine konnten wir nun zum Glück lösen mit der Zustimmung zur Individualbesteuerung. Was es weiterhin gibt, sind beispielsweise die zu hohen Lohnunterschiede. Schliesslich ist es auch eine Mindset-Thematik: Immer noch traut man Frauen weniger zu, und sie müssen mehr leisten, um das Gleiche zu erreichen.

Sie sind Präsidentin der Zürcher Handelskammer. Wo sehen Sie aktuell den grössten Handlungsbedarf für die Standortattraktivität des Kantons Zürich?

Die Handelskammer Zürich ist am Scharnier zwischen der Wirtschaft und ihren Unternehmen und der Politik tätig und hat deshalb vor allem diesen Blickwinkel. Wir vertreten die Haltung, dass es offene, liberale und wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen braucht, damit Unternehmen erfolgreich sind, Arbeitsplätze anbieten und gute Löhne bezahlen können.

Können Sie diese Rahmenbedingungen konkretisieren?

Im Kanton Zürich haben wir dank des Flughafens eine sehr gute Anbindung an die Welt und dank der tollen Bildungs- und Forschungsstätten sehr hoch qualifizierte Arbeitskräfte und innovative Industriecluster. Aber wir haben aktuell auch die höchste Unternehmensbesteuerung der Schweiz. Das führt dazu, dass immer mehr Unternehmen den Standort verlassen. Zudem müssen wir das Wohnungsproblem lösen, indem wir genügend bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen. Das darf aber auf keinen Fall mittels Mietzinsdeckel geschehen, worüber im Juni abgestimmt werden soll. Das würde nur dazu führen, dass Wohnungen verlottern und nicht mehr gebaut wird. Ebenfalls grossen Handlungsbedarf sehen wir im Abbau von Bürokratie.

Wir verkennen zuweilen unsere Bedeutung als eher kleiner Staat.

Wo lauern Ihrer Meinung nach die grössten Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit des Kantons?

Wir verspielen aktuell unsere alten Stärken, indem wir von links und von rechts alles regulieren wollen. Wir verkennen zudem zuweilen unsere Bedeutung als eher kleiner Staat. Viele Themen machen keinen Halt mehr an unseren Grenzen. Ich spreche hier vom Klima, der Energieverfügbarkeit, der Sicherheit angesichts der geopolitischen Lage, der Marktgrösse für unsere teuren Nischenprodukte, um nur einige zu nennen.

Eine Einschränkung auf eine völlig willkürliche Einwohnerzahl löst kein einziges Problem.

Im Juni stimmen wir über die SVP-Initiative zur 10-Millionen-Schweiz ab, 2027 oder 2028 über die Erneuerung der bilateralen Verträge mit der EU. Wie bringt sich die Zürcher Handelskammer hier in die Diskussion ein?

Wie gesagt sind dies Themen auf Bundesebene. Hier arbeiten die Handelskammern deshalb mit Economiesuisse zusammen und teilen entschieden die Haltung für eine offene, liberale Wirtschaftsordnung, die für uns eines der weltweit höchsten Wohlstandsniveaus gebracht hat. Eine Einschränkung auf eine völlig willkürliche Zahl von Einwohnerinnen und Einwohnern, wie dies die Initiative für eine 10-Millionen-Schweiz will, löst kein einziges Problem.

Viele Menschen klagen schon heute über Dichtestress.

Mit qualitativ guter Städteplanung müsste man auch bei 15 Millionen Einwohnern noch keinen Dichtestress haben. Man darf auch die demografische Entwicklung nicht ausser Acht lassen: Dank der Zuwanderung von hochqualifizierten, jungen und motivierten Menschen aus der EU stehen wir mit unseren Sozialversicherungen und der Altersvorsorge besser da und haben eine tolle Infrastruktur. Wer meint, wir hätten bei Stosszeiten nicht bereits vor 50 Jahren in Zügen und auf Strassen stehen müssen, macht sich etwas vor.

Ähnliche Kreise, die die 10-Millionen-Schweiz zur Abstimmung bringen, machen auch mobil gegen die EU-Rahmenverträge.

Wir haben nun Jahrzehnte sehr profitiert von einem zuverlässigen, geregelten Verhältnis zur EU, in die wir mehr exportieren als in alle anderen Märkte der Welt zusammen. Beide Seiten sind an guten Beziehungen interessiert und seit fast 15 Jahren der Meinung, dass der Status quo dringend aktualisiert werden muss. Die Welt hat sich stark weiterentwickelt und es fehlt ein Streitbelegungsmechanismus, was Unsicherheiten mit sich bringt. Unsicherheit ist aber Gift für Unternehmen. Zudem war die aktuelle Regelung immer als Provisorium gedacht. Da wir aber auf keinen Fall der EU beitreten wollen, aber auch keine Vorteile verlieren wollen, bleibt als beste Alternative die Erneuerung der Verträge. Damit erhalten wir zudem ein Stromabkommen, das notwendig ist für eine sichere Stromversorgung. Die etwas stärkere Einschränkung unserer Selbstbestimmung überschätzen wir kolossal.

Sie haben ganz unterschiedliche Engagements und Mandate in der Wirtschaft. Wie wählen Sie solche Mandate aus?

Ich bin eine Person mit sehr breiten Interessen und einer breiten Ausbildung, die es erlaubt, mich in neue Themen rasch eindenken zu können. Durch meine Vernetzung, aber vor allem mein Engagement in der Wirtschaft, sind zahlreiche Anfragen an mich getragen worden. Ich habe auch aktiv nach Aufgaben gesucht, bei denen ich fand, ich könne etwas beitragen, etwas lernen oder mich für etwas engagieren.

Wenn wir zurückblicken: Was braucht es, um als Unternehmerin erfolgreich zu sein?

Im Laufe meiner beruflichen Karriere haben sich für mich nützliche Eigenschaften herauskristallisiert. Ich habe einmal versucht, diese zu benennen, und bin zu folgendem Schluss gekommen: Man braucht für unternehmerischen Erfolg Neugierde, denn sie treibt an, hält aktuell, lässt Fragen stellen, Perspektiven wechseln und einem für Veränderungen offenbleiben. Dann muss man Verantwortung übernehmen können. Das macht glaubwürdig und wirkungsvoll, mutig und hilft einer gelebten Fehlerkultur. Und last but not least braucht es Respekt. Das bedeutet für mich, den Wert jedes Einzelnen anzuerkennen, seine Meinung wertzuschätzen und ihn, sie oder es mit Würde zu behandeln.

Gab es auch Misserfolge?

Oh ja. Kein Mensch ist perfekt.

Zum Beispiel?

Es kommt vor, dass man Menschen oder Situationen falsch einschätzt. Oder dass man Investitionen tätigt, die sich nicht auszahlen. Scheitern ist Teil des unternehmerischen Prozesses.

Was ist für Sie die Quintessenz des Unternehmertums?

Vielleicht Leidenschaft.

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