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Politik

Aus dem Notfallmodus wird langsam Routine

Eltern unterrichten und machen sich Sorgen, Schulen sehen die Chancengleichheit in Gefahr, und die Kinder spielen Fussball –​​​​​​​ zumindest manchmal. So läuft das Homeschooling in Woche zwei nach der Schliessung der Schulen.

Wenn Eltern zu Lehrern werden: Schule während der Corona-Krise.

Symbolfoto: Seraina Boner

Aus dem Notfallmodus wird langsam Routine

Tabea Till-Anderfuhren ist jetzt auch Lehrerin. Eigentlich arbeitet die Fehraltorferin Teilzeit für die Spitex, selbstständig als musikalische Betreuerin und ist alleinerziehende Mutter von vier kleinen Kindern. Doch seit dem 16. März ist alles anders.

«Anfangs war ich komplett überfordert», sagt Till-Anderfuhren und lacht. Beinahe im Minutentakt seien Mails mit Informationen eingegangen, von der Schule, den Lehrpersonen, der Krippe, dem Hort. Dann kamen die Aufgaben für die Kinder, prall gefüllte Dossiers mit Material für einen vierwöchigen Heimunterricht, Infos über Online-Lernplattformen, Vorschläge gegen Langeweile für Chindsgi-Kinder, Bastelbögen, Lesetipps, Elternchats.

«Alle geben sich wahnsinnig viel Mühe», konstatiert Till-Anderfuhren, «doch anfangs scheint man vergessen zu haben, dass es Alleinerziehende gibt, und Haushalte mit mehr als einem Kind.» Auf ihre Rückmeldung diese Woche hätten sich aber alle involvierten Lehrpersonen verständnisvoll gezeigt.  «Die  Botschaft war, dass ich mit den Kindern nur das Machbare erledigen soll. »

«Wenn ein Jahrgang nachkommt, aber niemand die Schule verlässt, bekommen wir ein Problem.»

Carmen Evangelisti (FDP), Präsidentin Schulpflege Fehraltorf.

Nun gilt es für Till-Anderfuhren so oft als möglich, die Kleinste dazu zu bringen, ein Weile still zu sein, und zu verhindern, dass sich die Sechsjährige und die zwei älteren Brüder nicht in die Haare geraten wegen allfälliger Geräuschemissionen oder weil alle gleichzeitig den Laptop der Mutter brauchen.

Schuljahr verlängern? Ein Problem!

«Die neue Situation ist für alle Beteiligten nicht einfach», sagt Carmen Evangelisti (FDP), die Präsidentin der Schulpflege Fehraltorf. Sie rät den Eltern, sich bei Problemen direkt mit der Klassenlehrperson in Verbindung zu setzen.

Grundsätzlich sei die Einführung des Homeschooling «ruhig und geordnet» verlaufen, sagt Evangelisti. Mittelfristig werde es aber eine Herausforderung sein, zu gewährleisten, dass aufgrund der Lernunterschiede alle Schülerinnen und Schüler den gleichen Wissensstand behielten.

Von der Idee, deswegen alle Klassen ein Jahr wiederholen zu lassen, hält sie nichts. «Wenn ein Jahrgang nachkommt, aber niemand die Schule verlässt, bekommen wir ein Problem betreffend Schulraum und auch Lehrpersonal.»

Gemäss Eric Albert, dem Schulleiter der Sekundarschule Wila, sind die Lehrpersonen angewiesen, die Lernfortschritte ihrer Schüler weiterhin im Auge zu behalten und Feedbacks zu geben. Zeugnisrelevante Prüfungen gebe es aber keine. In welcher Form in diesem Schuljahr Zeugnisse verteilt würden, wisse er noch nicht. Dies zu klären, sei Aufgabe des kantonalen Volksschulamtes.

Tina Klein aus Nänikon muss sich um Noten und Zeugnisse keine Sorgen machen. Ihre zwei Buben sind hochbegabt und haben erst kürzlich eine Klasse übersprungen. «So gesehen, bin ich in einer privilegierten Lage», sagt die Mutter. «Die Kinder verbringen viel Zeit im Garten und spielen Fussball, wir können die Situation fast ein wenig geniessen.»

Heimunterricht findet aber auch bei Kleins statt. Halt eben in Fächern, in denen die beiden Buben ihre Mühe haben. Zum Beispiel, wie man eine Schere richtig hält. Oder wie man zum «sich am schnellsten umziehenden Sportler» wird. Diesbezüglich sei sie nun ebenfalls mit der manchmal geringen Frustrationstoleranz ihrer Kinder konfrontiert, sagt Klein. «Sie sind es sich nicht gewohnt, dass ich ihnen auf die Finger schauen muss.»

Cédric ist entspannt

Für Cédric aus Adetswil ist der Fernunterricht schon fast zur Routine geworden. Der 16-Jährige besucht normalerweise die Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon, jetzt sitzt er eben zu Hause und arbeitet die Aufgaben ab, die er von den Lehrpersonen erhält. Dazu gibt es in den meisten Fächern regelmässigen Live-Unterricht übers Internet.

« Fatal ist auch, wenn ein Kind in der Wohnung keinen Platz hat, wo es in Ruhe lernen kann.»

Bruno Loher (SP), Präsident Schulpflege Fällanden

Die Situation sei «nicht so schlimm», sagt er, der Rektor und die Lehrer hätten gut reagiert und der Kontakt über gängige Online-Plattformen funktioniere. Er sieht das Ganze gar als gute Vorbereitung für das kommende Selbstlernsemester. «Allerdings frage ich mich, ob wir das alles auch bis zu den Sommerferien durchhalten würden.»

Keine Ruhe in der Wohnung

Der Fällander Schulpräsident Bruno Loher (SP) ist zwar zufrieden, wie der Fernunterricht angelaufen ist. Doch gerade in Bezug auf die Chancengleichheit sieht er grosse Schwierigkeiten auf die Gesellschaft zukommen. «Im Moment sind die Primarschüler stark auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Doch zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Haushalten ist der Unterschied riesig. Fatal ist auch, wenn ein Kind in der Wohnung keinen Platz hat, wo es in Ruhe lernen kann.»

«Ein reduziertes Programm könnte man doch auch aus der Ferne per Skype aufrechterhalten.»

Mutter aus Uster

Lehrpersonen stünden nun vor der Herausforderung, zu realisieren, wo es Probleme gibt – und müssten dann entsprechend Unterstützung leisten, was aus der Ferne nicht einfach sei, sagt Loher. «Wenn die Schulen bis zu den Sommerferien geschlossen bleiben, sind wir gefordert. Wie erfassen wir das Lernniveau der Kinder? Wie können wir innerhalb kurzer Zeit den Bildungsstand der Schüler wieder auf das gleiche Niveau bringen? Und was ist mit dem Deutsch-Förderunterricht, der so wichtig ist für die Integration?»

Allein gelassen

Und dann ist da auch noch die Sache mit den sonderpädagogischen Massnahmen. Ein Vater aus einer Gemeinde im Zürcher Oberland, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist besorgt, dass sein Kind den Anschluss verpassen könnte. Der Zweitklässler hat ADHS und benötigt deshalb eine Klassenassistenz, zusätzlichen Unterricht bei einer Sonderpädagogin und Hausaufgabenhilfe. «Damit konnte er sich bisher in der Schule im grünen Bereich halten.» Doch das alles findet nun nicht mehr statt, und bis jetzt habe sich noch niemand mit Vorschlägen gemeldet, wie es weitergehen könnte.

«Etwas allein gelassen» fühlt sich auch eine Mutter aus Uster. Sie hat zwei Kinder, die jetzt zu Hause sind. Eines davon hat eine Lernschwäche und erhielt deshalb bis anhin während der Schulzeit speziellen Förderunterricht. «Die Heilpädagogin hat sich noch nicht einmal gemeldet, um zu fragen, wie es geht.» Die Mutter versteht nicht, wieso alles auf null runtergefahren wurde. «Ein reduziertes Programm könnte man doch auch aus der Ferne per Skype aufrechterhalten.»

Sie müsse im Homeoffice arbeiten und könne nicht auch noch Lehrerin und Therapeutin spielen, zumal die Kinder auch vor und nach dem Heimunterricht beschäftigt sein wollen. 

Die Ustermerin sorgt sich auch um die Kinder, die in einem schwierigen Umfeld lebten und etwa von häuslicher Gewalt betroffen seien. «Hier fehlt momentan jegliche soziale Kontrolle.»

Je länger, desto schlimmer

Gemäss der Ustermer Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) ist klar: «Ferntherapien müssen baldmöglichst angeboten werden.» Es könne sein, dass hier ein Kontakt noch nicht ausreichend stattfinde. Auch im «Regelunterricht» erfordere das Aufbereiten der Aufgaben und das Vorbereiten individueller Unterlagen Zeit.

«Und wenn es mal Probleme gibt, dann zeigt sich die grosse Solidarität unter Nachbarn.»

Hans Lazzarotto (SVP), Schulpräsident Fischenthal

Grundsätzlich räumt Thalmann ein, dass die Chancengleichheit mit zunehmender Dauer des Fernunterrichts gefährdet sein könnte. Besonders betroffen seien Kinder aus sozial belasteten oder bildungsfernen Familien, zu denen die Verantwortlichen der Schule deshalb den Kontakt intensiviert hätten.

Es sei wichtig, die Schülerinnen und Schüler nach ihrer Rückkehr in die Schule bei ihrem aktuellen Wissensstand abzuholen und sie individuell zu fördern. Wie es diesbezüglich weitergehe, hänge auch davon ab, wie lange der Fernunterricht nötig sei.

Isolierte Jugend 

In Fischenthal ist man gemäss Schulpräsident Hans Lazzarotto (SVP) darauf vorbereitet, dass der Fernunterricht noch einige Zeit dauern könnte. Lazzarotto sieht Fischenthal dabei als kleine Gemeinde im Vorteil. Man sei ein überschaubares, sehr kollegiales Team, habe kurze Entscheidungswege und viel weniger Schnittstellen als eine grosse Schulgemeinde. «Und wenn es mal Probleme gibt, dann zeigt sich die grosse Solidarität unter Nachbarn», sagt Larrarotto, der auch mal selber anpackt. Weil etwa einige Eltern keinen geeigneten Computer zur Verfügung gehabt hätten, habe er kurzerhand ein paar Schul-Laptops vorbei gebracht.

Lazzarotto bedauert, dass die Jungen in der Gemeinde nun quasi isoliert voneinander leben müssten. Man werde sich deshalb zu gegebener Zeit überlegen, wie man Kinder und Jugendliche wieder zusammenführen könne, ohne die Empfehlungen des BAG zu verletzen. «Vielleicht ist das in einem ersten Schritt in kleinen Gruppen beim Sport möglich.»

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