Auf der Judomatte in Uster spielen Beeinträchtigungen keine Rolle
Willkommen beim A-Judo: einem speziellen Stil für Menschen mit Beeinträchtigung. Worum es dabei genau geht, zeigt ein Besich beim Judoclub vor Ort.
Raik (14) und Colin (14) liegen wie verknotet am Boden. Sie haben sich gegenseitig fest im Griff – viel Spass dabei. «Judo gefällt mir ausserordentlich gut. Dieser Sport ist ein grosses Hobby von mir», sagt Raik, nachdem er wieder mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Judo stärke den Körper. Zudem sei Judo gut für die Selbstverteidigung. «Der Klub ist super. Wir sind hier richtige Freunde geworden», schwärmt Colin.
A-Judo statt.
Die Kampfszene spielt sich im Judoclub Uster ab. Dort findet jeweils am Donnerstag da sogenannte A-Judo statt. A steht für angepasstes Judo. Heisst: Diese Art richtet sich an Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Trisomie 21, Autismus, sozial-emotionale Beeinträchtigungen oder Lernbehinderungen sind typische Symptome, welche die Athletinnen und Athleten mitbringen.
Hier wird Inklusion vorgelebt
«Der Judo Club Uster fördert eine inklusive Gesellschaft! Judo, der ‹sanfte Weg› ist so vielfältig und zugleich modifizierbar, dass praktisch jede ihr persönliches Judo machen kann. Menschen mit körperlichen oder geistigen Handicaps werden damit genau da abgeholt, wo ihre Möglichkeiten liegen», heisst es dazu auf der Website des Klubs.
Und weiter ist zu lesen: «Alle Mitglieder nehmen aktiv am Vereinsleben teil, und ihre Vorführungen sind regelmässig Höhepunkt bei besonderen Anlässen.» So treten A-Judo-Teams, die zu Special Olympics Switzerland gehören, an nationalen und internationalen Turnieren an.
Seit 30 Jahren wird in Uster A-Judo angeboten. Vom 20-köpfigen Trainerstab des Judo Clubs Uster engagieren sich fünf Trainerinnen und Trainer im A-Judo. Gemäss Trainerin Cilia, kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorwiegend von den Heilpädagogischen Schulen in Uster, Wetzikon und im Umkreis von 30 Kilometer von Uster. Die Älteren haben eine verkürzte EBA-Lehre gemacht und arbeiten auf dem zweiten Arbeitsmarkt.
Cilia (58) trainiert schon seit über 40 Jahren Judo. Sie besitzt den schwarzen Gürtel im 5. Dan. Beruflich ist die gebürtige Niederländerin als Sozialpädagogin tätig. «In den Niederlanden ist Judo ein wichtiger Teil in der Sozialpädagogik. Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, dass dieser Sport bei Menschen mit Beeinträchtigungen zu positiven Entwicklungen beiträgt.» So sei Judo dank genauer Abläufe klar strukturiert, weshalb es für Menschen mit Beeinträchtigung geeignet ist. «Im A-Judo praktizieren wir die gleichen Judo-Techniken, wie sie im herkömmlichen Judo vorkommen. Wir verzichten aber auf gewisse Techniken, die eine sehr hohe Reaktionsgeschwindigkeit benötigen wie bei Hebeln oder bestimmten Würfen», erklärt die Trainerin.
Das Programm Erasmus+ der Europäischen Union fördert verschiedene Judo-Projekte in Europa, die sich auf Inklusion, Bildung und sichere Trainingsumgebungen konzentrieren. So auch das A-Judo hier in Uster. Cilia ist auch Projektpartnerin bei diversen Programmen von Erasmus+.
Weiter geht das Training. Wieder werfen sich die weiss Gekleideten gegenseitig auf die Matte – immer stehen auch Trainerin Chiara (36) und Trainer Patrick (51) mit Rat und Tat zur Seite. «Ich gehe mit einer ganz anderen Denkweise hierher zum Training. Vielleicht geht es dreimal länger, bis etwas klappt. Aber die direkte Resonanz der Athletinnen und Athleten hier ist wunderbar. Das stärkt auch mich», erklärt Patrick, der auch als Kampfrichter an Turnieren tätig ist.
«Ich bekomme mehr zurück, als ich hier im Training gebe», schwärmt Chiara. Gerade hat sie einem Teilnehmer geduldig ein paar Griffe erklärt. Auch Cilia und Patrick werden an diesem Abend noch zahlreich auf den Rücken gelegt. Eines merkt man hier: Alle sind mit viel Leidenschaft und Spass dabei – egal mit welchen Voraussetzungen sie hierhergekommen sind.