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Gesellschaft

Auf der Hulftegg richtet sich alles nach dem Wetterbericht

Es dürfte das meistbesuchte Berggasthaus in der Region sein. Kein Wunder, ist die «Hulftegg» doch bequem und schnell auf der Passstrasse anfahrbar.

Beliebter Stopp für Fahrer von Motorrädern und Töffli: das Gasthaus Hulftegg.

Foto: Christian Brändli

Auf der Hulftegg richtet sich alles nach dem Wetterbericht

Ab auf die Hütte

Wo andere Bergbeizen auf Wanderer setzen, machen auf der Hulftegg motorisierte Gäste den Grossteil aus. So setzt Andreas Kalberer auf schnelle Verpflegung.

«Hier oben muss man doch einfach einen Halt einlegen.» Matthias Rüttimann ist zusammen mit seinem Kollegen auf einer längeren Töfftour. Auf dem Rückweg vom Glarnerland nach Schaffhausen haben sie ihre Maschinen vor dem Gasthaus Hulftegg abgestellt und dort ihren Hunger und Durst gestillt. «Ich habe diesen Ort vor rund drei Jahren für mich entdeckt», schiebt Rüttimann nach.

Zwei Männer sitzen im Restaurant an einem Tisch und schauen in die Kamera.
Matthias Rüttimann (links) und Ronny Suter legen auf ihrer längeren Motorradtour einen Halt auf der Hulftegg ein.

Einen Tisch von den beiden entfernt sitzt die fünfköpfige Familie Lehmann aus dem sankt-gallischen Niederbüren. Eben wird eine Ladung Coupes aufgefahren. Sie sind ebenfalls auf dem Rückweg nach Hause. Der Ausflug hat sie an den Greifensee geführt.

Und nun sind sie auf der Hulftegg angelangt. Im Unterschied zu den Motorradfahrern ging das allerdings deutlich gemächlicher. Schliesslich sind sie mit einem Oldtimer unterwegs, einem VW Käfer mit Jahrgang 1973.

Das Wetter an diesem Samstag ist genug schön, dass sie das Verdeck ihres Cabrios öffnen konnten. «Das hier ist für Oldtimerfahrer ein legendärer Höhepunkt», unterstreicht Magdalena Lehmann. Sie ist auf Ausflügen schon mehrfach auf den 954 Meter hohen Pass hochgefahren, um dort einen Kaffee- oder Zvieri-Halt einzulegen.

Immer mehr Töfffahrer

Für Andreas Kalberer gehören diese sieben Gäste zu zwei typischen Besuchergruppen. «Seit die Strasse über die Hulftegg neu gemacht worden ist, hat die Zahl der Töfffahrer stark zugenommen», meint der 58-Jährige, der auf Anfang 2017 die «Hulftegg» übernommen hat. Sagts – und ein paar Meter neben der Terrasse heulen soeben wieder ein paar Motoren auf.

Gasthaus Hulftegg mit dem Besitzer und Wirt Andreas Kalberer.
Vor sieben Jahren hat Andreas Kalberer das Gasthaus Hulftegg gekauft.

«Wenn ich am Arbeiten bin, stört mich dieser Lärm gar nicht», sagt Kalberer und bleibt auch im hektischen Betrieb in der rund 150 Sitzplätze bietenden Gartenwirtschaft die Ruhe selbst. Dort zwischendurch eine Bestellung aufnehmen, abtischen oder eine kurze Anweisung ans Personal: Er behält den Überblick und koordiniert. Erst wenn viel läuft, ist ihm wohl. «Morgens, wenn nicht viele Gäste da sind, ist es mir oft langweilig.»

Insbesondere an den Wochenenden kehren zusätzlich Familien sowie Städter ein. «Das merkt man schon allein bei den Bestellungen: Dann sind vegane Speisen viel stärker gefragt – und auch Sonderwünsche wegen Unverträglichkeiten nehmen zu.» Zu den Rennern gehören auf der «Hulftegg» vor allem einfache Menüs, die schnell serviert werden können: kalte Teller, Schnitzel, Cordon bleu, Käseschnitte oder auch Eglifilet-Knusperli. 

Unter der Woche sind es dann oft Ältere, die auf dem Pass zwischen den Kantonen Zürich und St. Gallen einen Halt einlegen. «Bis zur Corona-Pandemie hatten wir viele Carreisen. Seither aber ist deren Zahl völlig eingebrochen.» Kalberer hat sich entsprechend darauf eingestellt und die Ordnung auf dem grossen Parkplatz umgestellt. Wo früher Cars hielten, stehen nun an schönen Tagen Dutzende von Motorrädern.

Kreuzungspunkt für Wanderer

Neben den motorisierten Gästen kehren im Gasthaus auch Velofahrer und Wanderer ein. Schliesslich liegt es am Kreuzungspunkt zweier schöner Höhenstrecken. Mit dem Postautoangebot an den Wochenenden und den «Zeitreise»-Fahrten des DVZO mit Oldtimer-Postautos hat deren Zahl zugenommen. Und wenn noch die neue Wanderverbindung von Steg her zur Drechslerei Kleintal und weiter zum Hörnli hergerichtet wird, rechnet sich Kalberer weitere Gäste aus.

Der Höhenwirt wird dann dafür besorgt sein, dass es nicht wie in früheren Zeiten wieder zu Schlägereien zwischen Zürchern und St. Gallern oben auf der Hulftegg kommen wird. Der Pass hatte im 18. und 19. Jahrhundert eine gewisse Bedeutung für den Viehhandel und den Baumwolltransport. Die Strasse wurde erst 1867 eingeweiht. In jener Zeit wurde zuoberst auch ein Kurhaus errichtet, an dessen Stelle heute das Ausflugsrestaurant steht.

Stark schwankende Tageseinnahmen

Aber egal, ob es sich um Gäste handelt, die rasant oder langsam auf die Passhöhe kommen: Dass sie überhaupt kommen, ist von Sonne und Regen abhängig. «Meine Arbeitsplanung richtet sich nach dem Wetterbericht», hält Kalberer fest. «Wir sind ein klassischer Schönwetterbetrieb.» Er hat nur wenige Festangestellte. Die meisten Leute arbeiten bei ihm auf Abruf.

Die Tageseinnahmen schwanken bei ihm zwischen null Franken, wenn es Bindfäden regnet, und 15'000 Franken, wenn ein stahlblauer Himmel über der Hulftegg hängt. Wetterunabhängig sind einzig das sonntägliche Zmorge-Buffet sowie die angemeldeten Gruppen, die auch in Restaurant und Saal mit rund 200 Plätzen verköstigt werden können.

Auf Umwegen auf die Hulftegg

Die Wege, wie Andreas Kalberer mit seiner Familie auf die Hulftegg gekommen ist, sind verschlungen. Er studierte an der HSG Betriebswirtschaft und betätigte sich dann als Unternehmensberater. «Doch das wurde mir schnell zu langweilig.» Da ist es wieder: der innere Antrieb und die äusserliche Tiefenentspanntheit.

Nach einem fehlgeschlagenen Anlauf baute er in Vietnam kurz nach Öffnung des Lands eine Textilfirma auf, die zweitweise 250 Leute beschäftigte. 2008 wechselte er dann mit seiner Frau, die aus Vietnam stammt, nach Kalifornien, um für seine Textilfirma den amerikanischen Markt zu betreuen.

Die fünfköpfige Familie Kalberer in Winterumgebung.
Im Winter ist es auf der Hulftegg etwas ruhiger: die Familie von Mo Chan und Andreas Kalberer

Nochmals fünf Jahre später kehrte er in die Schweiz zurück, nicht zuletzt wegen der Kinder und der guten Schulen, die es hierzulande gibt. Die ersten Gehversuche in der Gastronomie absolvierten er und seine Frau Mo Chan im bündnerischen Berggasthaus Dultschinas in Sarn-Heinzenberg, welches Kalberers Eltern gehört.

Und dann entdeckten sie per Zufall, dass die «Hulftegg» zu kaufen war. Sie schlugen zu. Und Kalberer übernahm das Konzept seines Vorgängers. Mittlerweile brütet er über Ideen für einen Neubau auf der Hulftegg. Die beiden Holzbaufirmen, mit denen er im Gespräch ist, haben schon aussergewöhnliche Bauten realisiert. «Diese Vollholzarchitektur würde garantiert für Aufsehen sorgen», ist er überzeugt. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, gilt es doch die finanziellen und baurechtlichen Hürden zu nehmen.

Ein Glockenspiel und viel Witz

Doch es könnte vorher schon einen anderen Neubau auf der Hulftegg geben. So soll das einstige Libinger Glockenspiel zurück in die Region geholt werden und auf der Hulftegg seinen neuen Platz finden. «Das dürfte noch ein, zwei Jahre gehen», meint Kalberer. Das grösste Glockenspiel Europas zog einst unzählige Touristen an. Ende der 1970er Jahre endete die Geschichte abrupt, und das dem Urwalddoktor Albert Schweitzer gewidmete Glockenspiel, auch Carillon genannt, begann eine Odyssee quer durch Europa.

So könnte bald neben Motoren auch Glockenklang auf dem Pass zu hören sein. Schon jetzt wird es hin und wieder auch ein Lachen sein. Der fröhliche Kalberer sorgt selbst für den Unterhalt des Witzwegs, der sich entlang dem Parkplatz zieht. Einmal jährlich wechselt er alles aus. Damit die Besucher auch weiterhin gut unterhalten werden.   

Sommerserie «Ab auf die Hütte»

Im Sommer zieht es viele Menschen in die Höhe. Eine beliebte Destination sind die zahlreichen Hütten und Alpen im Oberland und im Tösstal. Was sind das für Menschen? Und wer sorgt dafür, dass der Betrieb immer reibungslos läuft? In einer mehrteiligen Serie zeigen wir Ihnen verschiedene Hütten in der Region – und die Menschen, die sie ausmachen.

Teil 1 – Poo-Alp ob Wald
Teil 2 – Hochwacht in Egg
Teil 3 – Farneralp ob Wald
Teil 4 – Hulftegg bei Steg

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