Auf den Spuren der Ustermer Stadtentwicklung
Wer die Anfänge der Ustermer Stadtplanung ergründen will, muss einige Jahrzehnte zurückblicken: Am 9. Juli 1927 wurden die elf Ortsteile, die bis dahin eigenständige Zivilgemeinden gewesen waren, zur Gemeinde Uster vereinigt. Die neue Gemeinde zählte damals rund 9000 Einwohner.
Dass die Ortsteile selbständig waren, daran erinnern noch heute die Dorf-, Orts- und Quartiervereine, die zum Teil nach wie vor sehr aktiv sind. Wollte oder will der Stadtrat ein grösseres Projekt, insbesondere ein Verkehrsprojekt verwirklichen, tat und tut er gut daran, die einzelnen Quartiervereine aufzusuchen und der Bevölkerung vor Ort das Geplante vorzustellen. Fünf der elf Ortsteile sind in den Jahren mit dem Kerngebiet baulich zusammengewachsen, gehören somit nun auch räumlich «zur Stadt Uster».
Fast wie Manchester
Durch die Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert zählte Uster zu den am dichtesten industrialisierten Gegenden in Europa, vergleichbar mit Manchester in England, wenn auch nicht von der Grösse her. Uster wuchs und wuchs und zählte im Jahr 2000 bereits über 28’000 Einwohner. Heute sind es über 35’000. In den letzten 35 Jahren wuchs Uster im Schnitt also jährlich um rund 300 Einwohner. Das alles verlief in den geordneten Bahnen der Bau- und Zonenordnung.
Im frühen 19. Jahrhundert zählte Uster zu den am dichtesten industrialsierten Gegenden in Europa, vergleichbar mit Manchester in England.
2001 wurde die Stadt sogar mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet. Heimatschutzpräsident Caspar Hürlimann lobte anlässlich der Preisübergabe die Behörden, die es in den vergangenen zwei Jahrzehnten geschafft hätten, den Siedlungs- und Lebensraum aktiv aufzuwerten. So habe Uster unter anderem 120 Hektaren Bauland zu Landwirtschaftsland umgezont zugunsten einer höheren Lebensqualität.
Die Stadt sei als aktive Förderin qualitativ hochstehender Architektur in Erscheinung getreten und es sei ihr gelungen, in der zunehmend anonymen Agglomerationslandschaft eine eigene Identität zu schaffen. Wesentlich dazu beigetragen habe auch die innovative Nutzung zahlreicher stillgelegter Textilfabriken.
Stadt der Kreisel
Hinter der Stadtentwicklung der vergangenen Jahrzehnte stand neben dem Stadtrat und den Behörden vor allem der 1977 als Stadtplaner angestellte Walter Ulmann. Er war eine treibende Kraft hinter der Entwicklung. Er fand Politiker, die seine Pläne und Visionen verstanden und unterstützten und verfügte über die nötige Überzeugungskraft und den Durchhaltewillen, die Stadt zu entwickeln. Das am Schluss nicht immer alles so gekommen ist, wie geplant, musste er hinnehmen – dass nicht alle von seinen Ideen begeistert waren, ebenfalls.
Uster erhielt zwar den Wakkerpreis für die Siedlungs- und Lebensraumentwicklung. Für die Verkehrspolitik hat die Stadt hingegen nie einen Preis erhalten.
So erhielt Uster zwar den Wakkerpreis für die Siedlungs- und Lebensraumentwicklung. Für die Verkehrspolitik hat die Stadt hingegen nie einen Preis erhalten. Diese steckt seit Jahren irgendwie in der Sackgasse, so scheint es.
Der letzte grosse Wurf betraf die Spurreduzierung auf der Zürichstrasse inklusive dem Ersetzen der zahlreichen Blinklichtanlagen durch Kreisel. Dieser Prozess begann in den 90-er Jahren und wird weitherum als gelungen bezeichnet. Ein Planungskredit für die Umgestaltung der Zürichstrasse war damals zwar abgelehnt worden, Schritt für Schritt wurde die Strasse dann aber trotzdem verändert.
Auf Kriegsfuss
«Damit kann man Leben», sagt sogar Paul Stopper, der umtriebige Gemeinderat der Partei Bürgernahe Politik Uster (BPU); der Verkehrsplaner, der als Vater der Zürcher Durchmesserlinie gilt und der von seinen zahlreichen Gegnern als «sturer Bock» und «Verhinderer» bezeichnet wird.
Der Ustermer Stadtplanung hat Stopper in den letzten Jahren insofern seinen Stempel aufgedrückt, als dass er mit der gewonnenen Volksabstimmung zur Unterführung Winterthurerstrasse ein Ausrufezeichen setzen konnte. Diese propagiert er als Alternative zur Strasse «Uster West».
An der Verkehrsplanung der Stadt Uster lässt Stopper kein gutes Haar. Ein Dorn im Auge ist ihm auch der Bushof beim Bahnhof, den er als «Fehlplanung» bezeichnet.
Mit dem ehemaligen Stadtplaner Ulmann steht der BPU-Parlamentarier seit Jahren auf Kriegsfuss. Der Konflikt zwischen den beiden hat zumindest die politische Komponente der Ustermer Stadtplanung in den letzten Jahrzehnten stark geprägt.
Der S-Bahn-Boom
Das Leben in der Stadt und das Stadtbild geprägt hat demgegenüber der Bau der beiden Einkaufszentren Illuster und Uschter 77. Das «Illuster» wurde umgebaut und kommt nun etwas moderner daher, dem «Uschter 77» steht die Sanierung noch bevor.
Zu einem Bauboom und steigenden Immobilienpreisen in Uster hat die Inbetriebnahme der S-Bahn 1990 geführt. Zürich rückte näher und ist nun nur noch ein paar Fahrminuten entfernt. Mit dem Viertelstundentakt wurde die Frequenz dermassen erhöht, dass man nicht mehr unbedingt auf den Fahrplan schauen muss, wenn man nach Zürich will.
«Tote Hose»
Mit der Überbauung Kern Nord bekam Uster Gewerbeflächen und neue Wohnungen im Zentrum – und eine prägnante Skyline. Zur Attraktivität Usters trägt die Überbauung in den Augen vieler aber nicht wirklich bei. Zwischen den Hochhäusern herrsche «tote Hose», heisst es immer wieder. Belebend wirken soll diesbezüglich die angrenzende und soeben fertiggestellte Überbauung Kern Süd. Ob dies gelingt, wird sich weisen.
Eine städtebaulich interessante Entwicklung fand auch auf dem Zellwegerareal statt. Dort, wo die Zellweger AG in ihrer Blütezeit weit über 2000 Mitarbeiter beschäftigte, gibt nun die 2003 gegründete Zellweger Park AG den Ton an , die das gesamte Industrieareal in Uster von der Zellweger Luwa AG übernahm. Auf dem Zellwegerareal verwirklichte Thomas W. Bechtler zusammen mit seinem Bruder seine Vision. Die beiden öffneten das bisher der Öffentlichkeit nicht zugängliche Gelände. Wohnungen und Arbeitsplätze entstanden und auch der Kunst wird dort ein hoher Stellenwert eingeräumt.
Heute ist das Areal ein Wohngebiet, mit Park und Weiher, Kunst und Arbeitsplätzen. Auf wenig Gegenliebe stiessen bei den Bewohnern die geplanten Hochwasserschutzmassnahmen und die damit verbundene Neugestaltung des Uferbereichs des Aabachs. Mittels einer Petition mit über 3500 Unterschriften wurde mehr oder weniger erfolglos versucht die Auslichtung des Uferghölzes zu verhindern.
Die Ironie der Geschichte
Mit der Stilllegung von alten Industriebetrieben wurde aber nicht nur Wohnraum geschaffen, sondern auch Gewerbeflächen und damit verbunden Arbeitsplätze. Ein Beispiel dafür ist das Traditionsunternehmen Trümpler.
Dieses war 1829 gegründet worden. Es war die erste Spinnerei, die in Uster den Fabrikbetrieb aufnahm. Am 22. November 1832 brannten die um Ihre Existenz bangenden Heimarbeiter und Kleingewerbler die neu gebaute und mit modernsten Maschinen ausgerüstete Fabrik auf dem Trümplerareal nieder. Bekannt geworden ist der Maschinensturm als Brand von Uster.
Als Ironie der Geschichte könnte man die Tatsache Bezeichnen, dass die erste Spinnerei in Uster auch die letzte war, die ihre Produktion 1993 einstellte. Nach der Schliessung standen die Produktionstätten leer. Eine neue Nutzung musste gefunden werden.
Über diese machten sich Marco Brunner und David Trümpler Gedanken. Sie entwickelten das Areal zu einem beliebten Standort für grössere und kleinere Firmen. «Es war ein risikoreiches Unternehmen, wir haben auch ein paar Fehler gemacht, aber das ganze Projekt hat sich während der vergangenen 20 Jahre gut entwickelt», bilanziert Brunner heute.
Er hat in Uster noch weitere wegweisende Projekte verwirklicht. Als «städtebauliche Perle» gilt zum Beispiel die Überbauung Im Lot. Dort entstanden 98 Wohnungen und im 1862 erbauten Fabrikgebäude im Rahmen der dritten und letzten Bauetappe 2001 auch noch 17 Ateliers. Die jüngste Überbauung von Brunner und Trümpler ist derzeit an der Braschlergasse hinter dem Stadthaus im Bau.
Der nächste grosse Schritt
Im Westen von Uster wurde nach einem langjährigen Hin und Her auch ein neues, grosses Gebiete für Gewerbe, Industrie und den Wohnungsbau erschlossen: die Loren. Ein Areal, auf dem gemäss Eigenwerbung die «Interessen von Industrie, Gewerbe und Dienstleistern mit dem Anspruch, zeitgemässen Wohn- und Lebensraum bereitzustellen» verwirklicht wurden – unter anderem mit so genannten KMU-Boxen.
Nun steht die Stadt Uster erneut vor einer grossen planerischen Aufgabe. Es geht um das Projekt «Stadtraum Uster 2035», das das Szenario einer Stadt Uster mit über 40‘000 Einwohner zeichnet. Da bei dieser Planung vor allem auch der Verkehr und die Verkehrsflächen im Mittelpunkt stehen werden, sind heftige Auseinandersetzungen praktisch vorprogrammiert.
Ob die Stadtentwicklung bei Verkehrsfragen künftig so fruchtbar sein wird, wie in der Vergangenheit bei der Siedlungsplanung, wird sich weisen.