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«Auch Nicht-Autisten könnten eine reizärmere Umgebung schätzen»

Pop-Konserven aus Supermarkt-Lautsprechern können Autisten quälen. Deshalb schaltet man sie im Dübendorfer Spar für einige Stunden aus.

In Dübendorfer «Spar» kann man neuerdings auch einkaufen ohne einem nervigen Popsternchen zuhören zu müssen., Das Angebot soll Ende Jahr auch in Esslingen zur Verfügung stehen.

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«Auch Nicht-Autisten könnten eine reizärmere Umgebung schätzen»

Im Spar Dübendorf kann man neuerdings zu einer «Stillen Stunde» einkaufen. Diese findet jeweils dienstags und donnerstags, zwischen 13 und 15 Uhr statt. Ziel der Aktion ist es, dass Autisten ein Einkaufen unter erleichterten Bedingungen ermöglicht wird.

Autisten haben Mühe mit den vielen verschiedenen Reizen umzugehen, die beim täglichen Einkauf auf sie einprasseln. Müssen sie zum Beispiel gleichzeitig einem Verkäufer zuhören, während sie von der Musik aus der Lautsprecheranlage beschallt werden, können sie sich nicht mehr konzentrieren. Das wiederum kann in ihnen ein Gefühl von Überforderung und grosser psychischer oder physischer Anspannung erzeugen.

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18.04.2017

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Marco Camus ist der neue Leiter der Fehraltorfer Ilgenhalde. Beitrag in Merkliste speichern Aus diesem Grund hat Franchisenehmer Hansruedi Schnellmann in der Dübendorfer Filiale jetzt ein Zeitfenster für Autisten eingerichtet, das ihnen Stress ersparen soll. Konkret heisst das: Die Ladenlautsprecher bleiben still,  Musik und Werbedurchsagen gibt es erst nach 15 Uhr wieder. Das Licht ist gedimmt. Zudem sollen Warnsymbole an problematischen Punkten auf Unerwartetes vorbereiten: Damit sich die Person auf einen plötzlichen Temperaturabfall in der Gefrierabteilung einstellen kann, ist dieser Bereich mit einer gut sichtbaren Schneeflocke versehen.

Das Pilotprojekt ist in Zusammenarbeit mit der Organisation Autismus Deutsche Schweiz entstanden und läuft in vier von Schnellmanns 16 Spar-Filialen in den Kantonen Zürich und Aargau. Ende Jahr soll das Konzept dann auch auf die anderen Filialen übertragen werden. Darunter ist auch der Spar Esslingen.

Ursprung in Neuseeland

Die Idee für den Service hat Schnellmann aus einer Zeitung: «Ich habe einen Bericht über die Stille Stunde in Neuseeland gelesen und wollte das Konzept auf meine Filialen in der Schweiz übertragen.» Anschliessend habe er die Zusammenarbeit mit Autismus Deutsche Schweiz gesucht und ein entsprechendes Konzept erarbeitet.

Schnellmann betont, dass es ihm beim neuen Service nicht ums Finanzielle geht, sondern ums Prinzip. «Der Spar ist ein klassischer Nachbarschaftsmarkt», bei dem die Hilfsbereitschaft im Zentrum stehe. Gemäss Schnellmann unterstützen seine Sparfilialen seit Jahren eine Autismusorganisation in seiner Wohngemeinde Urdorf. Zudem beschäftige er in einem seiner Läden einen Lehrling, der an Autismus leide.

Auch andere Mittel gegen die Reizüberflutung

Bei der Baumer Autismus-Stiftung Wehrenbach kommt das Angebot auf den ersten Blick gut an. «Die Idee ist gut», sagt Geschäftsführer David Hemmi. Wenn zumindest einige der vielen Reize beim Einkaufen wegfallen, könnten sich die Betroffenen viel besser konzentrieren, sagt er. Die Musik auszuschalten sei allerdings nur eine von vielen Massnahmen, die die Supermärkte gegen die Reizüberflutung treffen könnten: «Man könne ihnen auch ein schlankeres Produktsortiment anbieten.» Und damit sich die Autisten nicht mit zu vielen Leuten gleichzeitig im Raum aufhalten müssten, könnte man eventuell auch ein kundenarmes Zeitfenster für sie schaffen.

«Man könne ihnen auch ein schlankeres Produktsortiment anbieten.»

David Hemmi, Stiftung Wehrenbach

Hemmi räumt aber auch ein, dass nicht alle Betroffenen am Nachmittag einkaufen könnten, weil sie arbeitstätig seien. Zudem würden einzelne Angebote bei Weitem nicht ausreichen, um die Lebensqualität der Betroffenen spürbar zu verbessern. Hemmi wünscht sich, dass andere Anbieter nachziehen und ein spezielles Angebot für Autisten standardmässig einführen. «Wenn es in der Nähe unserer Heime ein solches Angebot gäbe, würden wir es zusammen mit unseren Bewohnern sofort nutzen», sagt er. Das würde nicht nur das Betreuungspersonal entlasten, sondern auch die Autonomie der Betroffenen fördern.

Und er glaubt, dass nicht nur die Direktbetroffenen von einer neuen Einkaufskultur profitieren könnten: «Vielleicht wüssten auch Nicht-Autisten eine reizärmere Umgebung beim Einkaufen zu schätzen.»

Autismus in der Schweiz
Gemäss der Dachorganisation Autismus Schweiz haben derzeit 0,7 bis 1 Prozent aller Kinder eine Entwicklungsstörung aus dem Autismus-Spektrum. In der Schweiz kommen pro Jahr zwischen 550 und 800 Kinder mit einer autistischen Störung zur Welt. (tba)

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