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Politik

Aufwertung oder übereilte Pläne?

Attraktives Stadtzentrum Uster: Gewerbeverband fordert Klarheit

Nicht alle sind mit den Zukunftsplänen der Stadt Uster einverstanden. Für das ansässige Gewerbe bedeutet das vor allem Unklarheit und Unsicherheit.

Eine moderne Vision oder übereilte Planung? Teile der Gerichtstrasse könnten bald Autofrei sein. (Archivbild)

Foto: Christian Brändli

Attraktives Stadtzentrum Uster: Gewerbeverband fordert Klarheit

Seit Jahren äussern der Gewerbeverband und das Wirtschaftsforum Uster Bedenken an der Umsetzung des attraktiven Stadtzentrums. Sind die Einwände berechtigt?

Mehr Aufenthaltsqualität im Zentrum – das wünscht sich die Stadt Uster. Dank einem Stadtgarten, Schattenplätzen und einer Begegnungszone soll die Gegend um den Bahnhof Uster zum attraktiven Stadtzentrum werden. Weichen soll dafür der Verkehr. Und das passt nicht allen Akteuren.

Die Entwicklung des Stadtzentrums sei nicht nur für die Bevölkerung wünschenswert, sondern auch für das Gewerbe wichtig, sagt Anita Borer, die Präsidentin des Gewerbeverbands Uster (GVU). «Die Frage ist, wie man das umsetzt. Uns fehlt die Gesamtbetrachtung aller involvierten Projekte.»

Gerade der Umbau des Busbahnhofs spielt für sie eine zentrale Rolle – besonders punkto Verkehr. Generell sind aus ihrer Sicht die Auswirkungen auf die Erreichbarkeit des Zentrums noch nicht geklärt.

Was bisher geschah

Bei einer öffentlichen Befragung als Teil der Strategie Stadtraum Uster 2035 meldete die Bevölkerung grossen Bedarf an einem attraktiveren, belebten Zentrum mit Grünflächen und Verkehrsberuhigung. Das Zentrum wurde damals als wenig einladend empfunden. Mit dem 2019 verabschiedeten Stadtentwicklungskonzept (Stek) wurde deshalb ein attraktives Stadtzentrum als Schlüsselprojekt definiert.

Im Juli 2021 wurde das Projekt öffentlich vorgestellt. Bürgerinnen und Bürger, Anwohnende sowie das Gewerbe konnten sich einbringen und Ideen äussern.

Es folgte die Pilotphase «s’ Zentrum zum Sii»: Im Juni 2023 wurden für zwei Wochen Teile der Webernstrasse und der Gerichtsstrasse für den motorisierten Verkehr gesperrt und zur Fussgängerzone umfunktioniert. Die Resonanz war mit einigen Verbesserungsvorschlägen grundsätzlich positiv – dennoch gingen sieben Einsprachen ein. Unter anderem Sammeleinwendungen vom Gewerbeverband Uster (GVU) und vom Wirtschaftsforum Uster (WFU).

Im Frühjahr 2024 genehmigte die Stadt den Bericht zur Mitwirkung und startete die Detailplanung mit Workshops, zu denen auch die Öffentlichkeit und das Gewerbe eingeladen waren. Im Sommer folgte die Detailgestaltung mit dem Ziel, in die Gesamtbetrachtung auch weitere Projekte wie den Ausbau des Busbahnhofs oder die Neugestaltung des Zeughausareals zu integrieren.

Im September 2024 fand ein weiterer Workshop zum Austausch mit dem Gewerbe und Anwohnenden statt.

Die Detailpläne für das attraktive Stadtzentrum wurden vom 4. Juni bis 4. Juli 2025 öffentlich aufgelegt. Darauf reagierte der GVU am 27. Juni mit einer Stellungnahme respektive einer Einsprache.

Deswegen befürchtet der Gewerbeverband, dass mangels Verkehrskonzept ein «noch grösseres Verkehrschaos» entsteht und weitere oberirdische Parkplätze, die für den Zugang zu gewissen Geschäften wichtig sind, ohne Ersatz gestrichen werden.

Als Beispiel nennt Borer die Post, deren oberirdische Parkplätze auf der Seite der Webernstrasse wegfallen werden. Sei das Zentrum schlechter erreichbar, könnten Kunden ausbleiben und einzelne Geschäfte wirtschaftlich in Bedrängnis geraten. Insbesondere die geplante Verkehrsführung an der Tannenzaunstrasse bereitet ihr Sorgen. All dies habe einen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit des ansässigen Gewerbes.

Gerichtsstrasse und Webernstrasse vor der Post, dahinter die Migros im Illuster, Aufnahmen vom 18.7.2023.
Mit der Verbannung des Verkehrs würden die Parkplätze vor der Post an der Webernstrasse verschwinden. (Archivbild)

«Es fehlt ein Verkehrskonzept, das alle Parameter, also die Sperrung der Strassen, den Umbau des Busbahnhofs und die Auswirkungen auf die übrigen Strassen, integriert», so Borer.

Umfrage zeigt Ablehnung

Mit ihrer Kritik bezieht sie sich unter anderem auf die Umfrage, die 2023 unter den Mitgliedern vom Gewerbeverband Uster, vom Wirtschaftsforum Uster (WFU) und vom Verein Herzkern durchgeführt wurde.

Dabei kam heraus, dass 60 Prozent, also 108 der 180 Teilnehmenden, und fast 73 Prozent der direktbetroffenen Gewerbler keine Fussgängerzone in den zentralen Abschnitten der Gerichts- und der Webernstrasse in Uster wollen. Knapp 70 Prozent sahen zumindest damals keine Belebung des Zentrums durch eine Fussgängerzone.

Deshalb wehrte sich der Gewerbeverband Ende Juni mit einer schriftlichen Einsprache und forderte eine Überarbeitung des Projekts.

Ein konkretes Konzept

Konkret fordert der Verband vor allem die Berücksichtigung verkehrsbezogener Wünsche: ein klares Verkehrskonzept, ausreichende Parkierungsmöglichkeiten in Gehdistanz zu den Geschäften und ein einfaches Parkleitsystem. Besonders die Auswirkungen der neuen Fussgängerzone und der weiteren Projekte auf das Verkehrsaufkommen auf der Tannenzaunstrasse seien zu beleuchten.

Ausserdem seien der barrierefreie Zugang zu den Läden und der Postfiliale und die Sicherstellung der Zufahrten zu prüfen. Weiter fordert der GVU ein konkretes Konzept zur Förderung von Gewerbe und Gastronomie.

Denn nur wenn klar aufgezeigt werde, wie das Zentrum auch für das Gewerbe attraktiver werde, könne man damit leben, wenn der eine oder andere Parkplatz abgebaut werde – und es könne eine Win-win-Situation für alle entstehen.

Offene Fragen

«Wie soll ein Geschäftsinhaber an der Tannenzaunstrasse entscheiden, ob er die Veränderung gutheisst, wenn er nicht weiss, was das für ihn bedeutet?», fragt Borer.

Auch vonseiten der Politik befürworten nicht alle das Vorgehen der Stadt. So teilt die Fraktion FDP/Die Mitte in einer Erklärung mit, sie empfinde das Projekt als übereilt. Auch sie sieht die kritischen Einsprachen des GVU und des WFU nur als oberflächlich behandelt.

In die gleiche Richtung geht die Kritik der SVP Uster. Sie schreibt von einer «ideologisch motivierten Verkehrsverdrängung ohne ganzheitliche Planung». Die Parkplatzsituation bereitet ihr ebenfalls Sorgen.

Sie fordert in ihrer Fraktionserklärung eine «vernetzte, realitätsnahe Stadtentwicklung mit Fokus auf Erreichbarkeit, funktionierende Rahmenbedingungen und Gesamtplanung».

Gewerbe und Gastronomie profitieren

Die Stadt kann die Bedenken teils nachvollziehen. «Ich kann verstehen, dass Veränderungen Ängste wecken. Wir haben versucht, diesen Rechnung zu tragen», sagt Stefan Feldmann (SP), Abteilungsvorsteher Bau.

Er ist dennoch der Meinung, dass die Stadt das Gewerbe in die Planung involviert hat. «Wir haben an den beiden Dialogveranstal­tungen gute Gespräche geführt und neben Kritik auch Zuspruch erfahren», sagt er.

Ihm zufolge hat man auf die Rückmeldungen reagiert und Anpassungen vorgenommen und etwa auf die Sperrung der Webernstrasse zwischen Tannenzaun- und Bankstrasse verzichtet.

Visualisierungen Attraktives Stadtzentrum Uster
Die Vision der Stadt Uster: Das attraktive Stadtzentrum unterhalb des Bahnhofs soll zum Verweilen einladen.

Zudem habe die Analyse rund um die Parkplatz-Initiative gezeigt, dass in aller Regel höchstens 50 Prozent und an Spitzentagen bis zu 70 Prozent der mehr als 1000 Parkplätze im Zentrum belegt seien. Um das Parkieren weiter zu erleichtern, ist ein Parkleitsystem geplant.

Weiter ging Feldmann auf das neue Bahnhofzentrum ein. Für dessen Realisierung braucht es eine neue Beurteilung der Situation auf der Tannenzaun- und Teilen der Webernstrasse.

«Wer das Projekt grundsätzlich ablehnt, den werden wir nie genügend abholen können.» Der Abteilungsvorsteher ist überzeugt, mit dem Projekt auf die Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen zu können – zumal Beispiele andernorts zeigen, dass eine verbesserte Aufenthaltsqualität die Verweildauer der Menschen erhöht. «Und davon profitieren auch das Gewerbe und die Gastronomie.»

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