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Mieter können bleiben

Alternative zur Leerkündigung: Ein Wetziker Projekt macht Hoffnung

Wetzikon ist die Stadt im Kanton Zürich mit den meisten Leerkündigungen – doch es gibt auch alternative Projekte, bei denen Mietende bleiben können. In der Ankengasse geht der Eigentümer neue Wege.

So soll das Areal an der Ankengasse in Wetzikon nach der Sanierung aussehen.

Visualisierung: Roos Architekten

Alternative zur Leerkündigung: Ein Wetziker Projekt macht Hoffnung

Wetzikon ist die Stadt im Kanton Zürich mit den meisten Leerkündigungen – doch es gibt auch alternative Projekte, bei denen Mietende bleiben können. Bei der Ankengasse geht der Eigentümer neue Wege.

Mehrere Wohnblöcke am Rand von Wetzikon: Die mehrstöckigen Häuser mit den kleinen Balkonen sind sichtlich in die Jahre bekommen. Im Areal liegt vereinzelt Krempel herum: ein Einkaufswagen hier, mehrere Autoreifen und eine Kofferraumabdeckung dort. Alte Schuhe, die den Weg in die benachbarte Abfalltonne nicht geschafft haben.

Aufgelockert wird der Komplex zumindest durch einige Grünflachen und einen Grillplatz, der im Sommer vermutlich reger genutzt wird als an diesem Morgen im März. Dass das Gelände sanierungsbedürftig ist, zeigt sich auch beim Blick in die Treppenhäuser: An den Türrahmen blättert die grüne Farbe ab, die hellgelben Wände sind schmutzig.

Das hat offenbar auch der Hauseigentümer erkannt, denn alle Gebäude sind schon länger abgesteckt – ein Hinweis darauf, dass hier Bauarbeiten geplant sind.

Leerkündigungen sind in Wetzikon Standard

Ein Vorhaben von dieser Grösse lässt einem schnell den Begriff Leerkündigung durch den Kopf schiessen. Er steht längst für ein Schreckensszenario, das vor allem in der Zürcher Agglomeration vielen Langzeitmietenden die Schweissperlen ins Gesicht treibt.

Allein im Zeitraum zwischen 2015 und 2020 mussten in Wetzikon 508 Menschen aus diesem Grund ihr Zuhause verlassen, wie eine Studie des Bundesamts für Wohnungswesen (BWO) und der ETH Zürich zum Thema Bautätigkeit und Verdrängung zeigt.

Doch für die Wetziker Ankengasse ist anderes geplant: Die Anlagestiftung Turidomus, der die Gebäude mit den Hausnummern 5, 7, 9, 11, 13 und 15 mit insgesamt 60 Wohnungen gehören, hat ein umfassendes Sanierungskonzept entwickelt. Dies ermöglicht den meisten Mietenden, in ihrem Zuhause zu bleiben.

«Aktuell sind 25 von 60 Wohnungen befristet vermietet. Die Leerwohnungen ermöglichen es uns, für die unbefristeten Mietverhältnisse Rochaden innerhalb der Siedlung anzubieten», erklärt Alexander Büchel, der zuständige Eigentümervertreter bei der Pensimo Management AG.

Einfach ausgedrückt: Langzeitmieter haben die Möglichkeit, während der Sanierung in die dann leer stehenden Wohnungen der ehemaligen befristeten Mieter zu zügeln. Im Anschluss können sie wieder in ihre alte Wohnung zurück – oder auf Wunsch und nach Verfügbarkeit auch eine grössere oder kleinere Wohnung beziehen.

«Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, das Areal mit hochpreisigen Wohnungen zu konzipieren.

Alexander Büchel

Eigentümervertreter der Siedlung

Zusätzlich wird durch die geplante Aufstockung der Gebäude neuer Wohnraum geschaffen, insgesamt 18 Wohnungen entstehen auf diesem Weg. Alle Häuser werden im Zuge der Sanierung asbestbereinigt, energetisch modernisiert und aufgewertet.

Bei der Planung hat man auch das Areal rund um die Häuser mitgedacht: Hier werden Parkierungsflächen zurückgebaut, Flächen begrünt und Gemeinschafts- und Bastelräume für ein nachbarschaftliches Miteinander geschaffen. «Uns war es wichtig, die Substanz der Gebäude – im Sinne der Nachhaltigkeit – zu erhalten und nicht alles mit der Abrissbirne plattzumachen», erklärt Büchel.

Dadurch werde die Sanierung zwar deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als bei klassischen Leerkündigungen, doch das nehme man in Kauf. «Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, das Areal mit hochpreisigen Wohnungen zu konzipieren. Wir zielen auf eine breite Durchmischung und nicht ausschliesslich auf Double-Income-no-Kids-Paare.»

Die Erschwinglichkeit des Wohnraums sei Teil der übergeordneten Strategie. Der voraussichtliche Baubeginn ist im Sommer 2026, fertig soll alles im Jahr 2028 sein.

Die Mietzinserhöhung bleibt nicht aus

Natürlich hat das alles seinen Preis: Über 20 Millionen Franken sind für das Projekt veranlagt. Wenig überraschend also, dass der Mietzins nach der Sanierung steigen wird. «Auch hier wollten wir eine faire Lösung finden», so Alexander Büchel.

Konkret bedeutet dies Folgendes: Je nach Grösse der Wohnung und Vertragsdauer steigt auch der Mietzins, im Mittel wahrscheinlich zwischen 20 und 30 Prozent.

Dennoch bleiben die Wohnungen auch nach der Sanierung im preisgünstigen Bereich, wenn man sie mit den marktüblichen Preisen für Wetzikon vergleicht: Die Stückpreise der neu sanierten Wohnungen sind aufgrund der kompakten Grundrisse im Bereich des günstigsten Drittels einzuordnen. Dies zeigen interne Dokumente der Pensimo Management AG, die dieser Redaktion vorliegen.

Modellentwurf des Areals an der Ankengasse, der die Gebäude nach der Sanierung zeigt.
So soll das Areal nach der Sanierung aussehen.

Fix sind diese Preise noch nicht, die definitiven Kosten werden erst nach Abschluss der Gesamtsanierung bekannt gegeben.

Auch der Mieterverband Zürich bewertet das Vorgehen von Turidomus positiv. «Mit Etappierung und frühzeitigem Freihalten frei werdender Wohnungen sind die Rahmenbedingungen vorhanden, dass ein erheblicher Teil der Mieterschaft trotz Sanierung und Mietzinserhöhung in der Siedlung bleiben kann», ordnet Mediensprecher Walter Angst ein. «Mit den beschlossenen Massnahmen können die Bedürfnisse der Mietenden bei diesem Projekt berücksichtigt werden.»

Die Mietenden haben gemischte Gefühle

Und was sagen die Mietenden selbst? Der Versuch, vor Ort ins Gespräch zu kommen, gestaltet sich schwierig – die meisten der Anwohner sprechen kaum oder nur gebrochen Deutsch. Die, die es doch tun, sind eher skeptisch. «Ich weiss noch nicht, ob wir wirklich hierbleiben. Während der Bauarbeiten wird es sicher sehr laut sein», meint Walmira Ibishi (31), die mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Kind seit fünf Jahren an der Ankengasse wohnt.

Das Wegfallen der Parkplätze sieht sie ebenfalls kritisch. Dennoch sieht sie ein, dass der in die Jahre gekommene Wohnblock saniert werden muss. «Nur: Ob wir uns die Wohnung dann noch leisten können, weiss ich nicht.»

Anwohnerin Blerta Spahiu plant dagegen nicht, in der Siedlung zu bleiben. «Unsere Wohnung ist ohnehin zu klein.» Auf die Frage, ob sie innerhalb des Areals nicht in eine grössere Wohnung zügeln wolle, entgegnet sie: «Nein, ich glaube, das passt für uns nicht.»

Der Eigentümerschaft macht sie aber keinen Vorwurf. «Sie haben alles frühzeitig und wirklich gut kommuniziert, und die Renovation ist wirklich dringend notwendig. Teilweise hat man zu bestimmten Uhrzeiten nicht mal warmes Wasser.»

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