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Gesellschaft

«Als wir den Schädel auspackten, war das wie Weihnachten»

Ein Dino kommt in Kürze in Zürich unter den Hammer. Doch vor der Kohle kam erst einmal der Schweiss.

Trinity wird am 18. April in Zürich versteigert. Es handelt sich um das erste Tyrannosaurus-Rex-Skelett, das in Europa unter den Hammer kommt.

Foto: Talina Steinmetz

«Als wir den Schädel auspackten, war das wie Weihnachten»

T-Rex in der Tonhalle

In Zürich wird ein echtes T-Rex-Skelett versteigert. Aufgebaut wurde es von Mitarbeitenden des Sauriermuseums Aathal. Eine Premiere auf mehreren Ebenen.

Die Tonhalle in Zürich ist eindrücklich. Die hohen Decken, der helle Boden und die schnörkeligen Deckenlampen verleihen dem Raum Eleganz. Von der Galerie aus hat man einen wunderbaren Ausblick auf den Zürichsee und die dahinter liegenden Berge.

Doch so spektakulär die Halle und so schön die Aussicht auch ist – beim Anblick des Objekts, das in der Tonhalle aufgebaut ist, rücken diese Details sofort in den Hintergrund. Mitten im Raum steht, gestützt von Eisenstangen, ein vollständiges Skelett eines Tyrannosaurus Rex.

Reichlich Kleingeld nötig

Das Skelett trägt den Namen Trinity. Sie – alle Anwesenden sprechen in der weiblichen Form vom Dinosaurier – ist 11,6 Meter lang, 3,9 Meter hoch und 67 Millionen Jahre alt.

Zahlen, die imponieren – noch mehr, wenn man direkt vor Trinity steht. Im Rahmen einer Versteigerung soll sie ein neues Zuhause erhalten; am 18. April kommt sie unter den Hammer. Alle, die das nötige Kleingeld haben, dürfen mitbieten. Davon muss aber reichlich vorhanden sein: Das Mindestgebot liegt bei 5 Millionen Franken. 

Trinity ist das erste vollständige T-Rex-Skelett, das in Europa versteigert wird. Dabei hat das Zürcher Oberland seine Hände im Spiel: Experten des Sauriermuseums Aathal wurden für den Aufbau von Trinity engagiert. Dieser hat am Sonntagabend begonnen und steht am späteren Montagnachmittag kurz vor Abschluss.

Ein Mann und eine Frau arbeiten an einem Skelett.
Mitarbeitende des Sauriermuseums Aathal waren den ganzen Montag mit dem Aufbau des Skeletts beschäftigt.

Diverse Personen, Frauen und Männer jeden Alters, wuseln um den T-Rex herum. Ein Grossteil von ihnen trägt ein Shirt mit dem Logo des Sauriermuseums. Letzte Wirbel werden angebracht, die Arbeitenden stehen auf Leitern und reichen sich gegenseitig das Werkzeug.

Andere beobachten das Geschehen, unterhalten sich über Trinity und machen begeistert Fotos von ihr. Die Freude, ein solches Skelett aufbauen zu dürfen, ist durchs Band spürbar. 

Knochen leiden unter Transport

So auch bei Nils Knötschke. Der 45-Jährige ist gelernter geologischer Präparator und regelmässig für das Sauriermuseum Aathal im Einsatz. Dort baut er Skelette auf, repariert oder präpariert diese. Knötschke hat auch selber schon Dinosaurierknochen ausgegraben, unter anderem in China und in der Mongolei.

Bis zum Sonntagabend war der Schädel von Trinity noch für eine Reparatur im Sauriermuseum Aathal, Knötschke musste einige der Originalzähne stabilisieren und reparieren. «Die empfindlichen, viele Millionen Jahre alten Knochen leiden manchmal unter dem Transport», begründet er.

Der Unterkiefer eines T-Rex.
Trinity hatte Probleme mit den Zähnen. Diese wurden im Sauriermuseum Aathal behoben.

Für den neuen Zahn wurde ein Gipsabdruck eines anderen gemacht, der von den Massen her etwa passte. Dann wurde der neue Zahn nachmodelliert und schliesslich ins Gebiss eingesetzt.

Nachdem die Arbeiten abgeschlossen waren, wurden alle Teile nach Zürich in die Tonhalle transportiert, wo dann mit dem Aufbau begonnen wurde.

Eine Europa-Premiere

Trinity stammt aus amerikanischem Privatbesitz und steht jetzt, wie schon andere Dinosaurierskelette vor ihr, zum Verkauf, wie Präparator Nils Knötschke weiss. «Die Versteigerung in Zürich ist eine mit Spannung erwartete Europa-Premiere.»

Schnittstelle zwischen den USA und dem Auktionshaus Koller, dem die Versteigerung unterliegt, ist Christian Link. Er arbeitet für das Auktionshaus, führt zeitgleich aber seine eigene Firma Wunderkammer, wo er sich unter anderem mit prähistorischen Tieren beschäftigt.

«Ähnlich wie bei einem Ikea-Möbel.»

Mitarbeiter des Sauriermuseums zum Aufbau des Skeletts

Dann kam das Sauriermuseum ins Spiel. «Um ein solches Skelett aufzubauen, sind Personen mit Erfahrung nötig», sagt Nils Knötschke.

Personen, die sorgfältig mit dem Skelett umgehen und die Knochen im äussersten Notfall auch genau reparieren könnten. «Bei einem Mindestpreis von 5 Millionen ist das von grosser Wichtigkeit», merkt der Präparator an.  

Das Skelett wird nach Anleitung aufgebaut, die Knochen sind mit kleinen Nummern versehen. So ist klar, welcher an welchen anschliesst. «Ähnlich wie bei einem Ikea-Möbel», sagt einer der Mitarbeitenden und lacht.

Drei Tiere zu einem gemacht

Etwas mehr als die Hälfte aller Knochen von Trinity ist echt. So beispielsweise Grossteile des Schädels, viele Rückenwirbel, das Becken sowie die Oberschenkelknochen und vereinzelte Zähne. Sie stammen von drei verschiedenen Tieren und wurden zu einem zusammengefügt. Deshalb auch der Name des Tiers: Trinity heisst auf Deutsch so viel wie «Dreieinigkeit».

Die Funde stammen aus Regionen in den US-Bundesstaaten Wyoming und Montana. Die fehlenden Knochen wurden nachmodelliert, zum Beispiel die Arme des T-Rex. 

Als Vorlage dienten die Originalknochen von anderen T-Rex, die nachgemacht und an Trinity angepasst wurden. Das fragilste und wertvollste Teil des Sauriers ist sein Schädel, wie Präparator Nils Knötschke weiss. «Oftmals werden Dinosaurier ohne ihren zerbrechlichen Kopf gefunden. Der Kopf von Trinity ist aber fast vollständig, was eine echte Seltenheit ist.»

Trinity ist das erste Original-T-Rex-Skelett, an dem Knötschke arbeiten durfte. 

 Ein besonderer Moment, auch wenn er schon über 20 Jahre in dieser Branche arbeitet. «Als wir den Schädel auspackten, war das wie Weihnachten.»

Kritischer Blick auf die Auktion

Dennoch wird die Freude am Geschehen etwas getrübt. Dass Versteigerungen von Millionen Jahre alten Skeletten nicht nur der Wissenschaft vorbehalten sind, stösst immer wieder auf Kritik.

Auch Trinity könnte am 18. April in Privatbesitz übergehen – und theoretisch in einem sehr grossen Keller, Garten oder Wohnzimmer verstaut werden. 

«Meiner Meinung nach gehören solche Funde immer in ein Museum.»

Nils Knötschke, Präparator im Sauriermuseum Aathal

«Meiner Meinung nach gehören solche Funde immer in ein Museum», sagt Nils Knötschke bestimmt. Den meisten Investoren und Käufern ist das glücklicherweise jedoch bewusst, wie der Präparator aus eigener Erfahrung weiss.

Er weist auf den T-Rex Tristan Otto hin, der im Naturkundemuseum Berlin zu bestaunen ist. «Das Skelett ist in Privatbesitz, wurde dem Museum aber zur Verfügung gestellt. Ein ähnliches Schicksal erhoffe ich mir auch für Trinity.»

Das Sauriermuseum Aathal wird bei der Versteigerung nicht mitbieten; dafür fehlt das Geld. Auch sei der Platz im Museum grundsätzlich begrenzt. Aber: «Wird Trinity gekauft und uns dann angeboten, sie auszustellen, würden wir sicherlich sofort anbauen», sagt Nils Knötschke lachend.

Applaus für den letzten Wirbel

In Zürich färbt sich der Himmel mittlerweile golden, die Sonne versinkt hinter den Bergen. Doch dieses Naturschauspiel bleibt von den Menschen in der Tonhalle weitgehend unbemerkt; der fleischfressende Riese zieht alle in seinen Bann. Plötzlich ertönt lauter Applaus vom Ende des Schwanzes des Skeletts. Der letzte Wirbel wurde soeben eingesetzt.

Trinity ist jetzt komplett, von ihren scharfen Zähnen bis zur Schwanzspitze. Die Mitarbeitenden klatschen sich ab, umarmen sich und steigen auf die herumstehenden Leitern, um Fotos von «ihrem» Werk zu machen. Ihre Arbeit ist vorerst getan; sie werden erst wieder für den Abbau gebraucht.

Wem Trinity dann gehört und was mit ihr geschieht, steht noch in den Sternen. Doch eines ist klar: Auch wenn Trinity das Leben schon längst entwichen ist, hat sie dennoch ihren Weg ins Jetzt gefunden. Wenn auch «nur» als eindrücklicher Zeuge einer längst vergangenen Zeit.

Trinity kann ab Mittwoch, 29. März, in der Tonhalle besichtigt werden. Tickets sind unter https://www.kollerauktionen.ch/de/trinity-slot.htm erhältlich. Die Versteigerung findet am 18. April statt.

Obwohl der T-Rex Trinity mittlerweile in Zürich steht, hat das Thema Tyrannosaurus Rex im Aatal seine Bedeutung nicht verloren. Seit dem 25. März läuft eine Sonderausstellung im Sauriermuseum, die sich nur mit dem Tyrannosaurus Rex beschäftigt. In den nächsten Tagen erfahren Sie auf züriost.ch mehr zur Ausstellung und darüber, weshalb der Film «Jurassic Park» unrecht hatte, was das Verhalten eines T-Rex angeht.   

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