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«Ich wollte die Leser mit der unverblümten Realität konfrontieren»

Bruno Fuchs portraitiert in seinem Buch elf Menschen aus der Schweiz, die von Armut betroffen sind.

Bilder von Karin Sigg

«Ich wollte die Leser mit der unverblümten Realität konfrontieren»

Armut in der Schweiz

Bruno Fuchs aus Wangen-Brüttisellen hat ein Buch geschrieben mit Porträts über Menschen, die in der Schweiz in Armut leben. Für die Betroffenen war die Zusammenarbeit mit dem Autor eine emotionale Achterbahnfahrt.

Karin Sigg

Es ist ziemlich harte Kost – wer sich in die Schicksale der elf von Bruno Fuchs porträtierten Menschen vertieft, braucht einen Moment, um das Gelesene zu verarbeiten. «Ich habe vieles in der erzählten Brutalität stehengelassen», erklärt Fuchs auf Anfrage, «ich wollte die Leser mit der ungeschönten Realität konfrontieren.»

Der Autor konzentriert sich in seinem Buch bewusst darauf, die Protagonisten sprechen zu lassen: «Mir ist es ein Bedürfnis, dass die Leser die Menschen hinter der Geschichte spüren und damit einen intensiveren Einblick in die bewegenden Schicksale erleben.» Dazwischen werden die Geschichten immer wieder von Fakten zur Armut in der Schweiz ergänzt.

Der diplomierte Publizist, Lehrer und Journalist spielte schon seit längerem mit dem Gedanken, die Thematik aufzugreifen und die Bevölkerung wachzurütteln: «Die Schere von Reichtum und Armut geht bei uns weit auseinander», resümiert er, «unsere Gesellschaft ist auf Wachstum ausgelegt.» Dabei gibt es seiner Meinung nach eine Kehrseite der Medaille, wie Zahlen des Bundesamt für Statistik belegen. Im Jahr 2020 waren gemäss der Erhebung des Bundes 8,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung von Armut betroffen.

Schwierige Suche

Laut Bruno Fuchs verlief die Suche nach einem geeigneten Verlag für die Herausgabe und den Vertrieb des Buches relativ problemlos: «Ich schickte mein Exposé an ein halbes Dutzend Verlage und kurze Zeit später hatte ich bereits einen positiven Bescheid.»

Doch die Euphorie darüber, wich bald der Ernüchterung. Denn die Suche nach geeigneten Gesprächspartnern gestaltete sich schwierig. Auch angefragte Hilfswerke hätten ihn nicht unterstützen können oder wollen.

Es war emotional und es gab auch Tränen.

Bruno Fuchs

Buchautor

Also streute er die Idee im gesamten Bekanntenkreis. So habe er seine elf Protagonisten gefunden. «Fünf leben im Kanton Zürich, die übrigen in der Umgebung von Bern oder im Kanton Graubünden», erklärt Fuchs. Im Engadin half ihm das Sozialamt bei der Vermittlung.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit

Besonders berührt hat den Autor bei seiner Arbeit das Vertrauen der Porträtierten in ihn: «Nach 15 Minuten des zurückhaltenden Kennenlernens haben die meisten Personen sehr offen über ihr Leben erzählt.» Manche hätte es aber starke Überwindung gekostet, die dunkelsten Kapitel aus ihrem Leben wieder aufzurollen und auf diese Weise nochmals zu durchleben. «Es war emotional und es gab auch Tränen», erzählt Bruno Fuchs, «für einige der Protagonisten wirkte es aber befreiend, ihr Herz auszuschütten.»

Wenn die Porträtierten Details aus ihren Lebensgeschichten bewusst ausklammerten, habe er dies respektiert. Das gehöre zum Persönlichkeitsschutz, genauso wie die Anonymisierung der befragten Personen. «Obschon einige von ihnen mit der Zeit so vertrauensvoll wurden, dass sie auch ihren richtigen Namen drucken lassen wollten.» Dies sei für eine Vereinheitlichung innerhalb des Buches jedoch nicht gemacht worden.

Fasziniert erzählt der Autor, wie herzlich und gastfreundlich er von vielen dieser Menschen empfangen worden sei. «Auffallend ist auch die ungebrochene Lebenslust und die Fähigkeit, trotz harter Schicksalsschläge noch das Positive zu sehen und Träume zu haben.» (Karin Sigg)

Drei Betroffene erzählen aus ihrem Leben

«Ich musste mich entscheiden: Kaufe ich Brot oder Milch?» – «Reiche Schweiz – Arme Menschen» zeigt unverblümt, wie Menschen an der Armutsgrenze ihr Leben in der reichen Schweiz meistern. Der Autor hat sechs Frauen und fünf Männer verschiedener Altersgruppen getroffen, die aus unterschiedlichen Gründen in die Armut rutschten. Da ist die Ehefrau und Mutter, die sich hauptberuflich um Kind und Haushalt kümmerte und nach der Scheidung von ihrem Mann allein mit dem gemeinsamen Sohn und ohne Job dastand: «Es war das Jahr 2009, als ich mich auf dem Sozialamt meldete. Ich machte den schlimmsten Tag in meinem Leben durch.» Die Angst und die Scham davor, alles offen darzulegen und als VersagerIn abgestempelt zu werden, ist bei fast allen Protagonisten spürbar: «Ich fragte mich manchmal, was ich falsch gemacht hatte, ob ich schuld war an der Misere, dass ich heute jeden Rappen drehen muss, bevor ich ihn ausgebe.»

Das Buch zeigt aber auch, dass Armut fast jeden treffen kann, wie beispielsweise den Autoelektriker, der sich selbstständig machte und über die Jahre 300'000 Franken in seine Firma investierte: «Es war ihm nie möglich, Geld für die Pension auf die Seite zu legen, geschweige denn, eine Rente anzulegen.» Der heute über 80-Jährige büsse bitter, dass es ihm nicht möglich gewesen sei, seine Zukunft finanziell abzusichern.

Besonders hart wirkt die von Gewalt geprägt Geschichte des ehemaligen Verdingkindes jenischer Herkunft. «Dieser bemerkenswerte Mann setzte sich später für die Rechte von Menschen ein, die ähnliche Schicksale erleiden mussten wie er», anerkennt Fuchs. Zu dieser Herzlichkeit passe auch das Schild, das an der Tür seines Zuhauses hänge: «Grüss Gott, tritt ein und bring das Glück herein.»

Bruno Fuchs’ Buch «Reiche Schweiz – arme Menschen» umfasst 176 Seiten und ist beim «elfundzehn Verlag» erhältlich.

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