Mehr als nur ein «Chäferfäscht»
Fussball-VAR in Volketswil
Für die Schiedsrichter der Super League ist der Videobeweis wie ein Airbag. Gefällt werden die Entscheidungen des VAR an der Gemeindegrenze von Volketswil.
Innovation oder Schwachsinn? Fluch oder Segen? Die Einführung des sogenannten Video Assistant Referee – oder kurz VAR – lässt keinen Fan kalt. Das Fussballmagazin «11 Freunde» titelte einst nach einem Spieltag sogar «Traurig, aber VAR.»
In der Super League ist er seit 2019 im Einsatz – und wird ebenso kontrovers diskutiert. Gefällt werden die Entscheide des VAR in einem Industriegebäude am Ortsrand von Volketswil. Eine Tankstelle mit Laden ist in Gehdistanz.
«Es ist nicht so, dass wir hier sitzen und kurz vorher noch an der Tankstelle ein Gipfeli kaufen.»
Sascha Amhof, Schiedsrichter-Chef
Sie wird einem bei einer Aussage von Sascha Amhof unweigerlich vor Augen geführt. Der Schiedsrichter-Chef des Schweizerischen Fussballverbands skizziert die akribische Vorbereitung eines VAR-Trios vor dem Match und sagt: «Es ist nicht so, dass wir hier sitzen und kurz vorher noch an der Tankstelle ein Gipfeli kaufen.»
Er kontert damit womöglich eine etwas saloppe Aussage vom Basler Trainer Alex Frei («Ich weiss nicht, ob die schnell Gipfeli holen gehen») in dieser Saison, als dieser sich so über einen Entscheid des VAR beklagte.
Grosser personeller Aufwand
Für mehr Verständnis unter allen Beteiligten soll ein Talk vor Ort in Volketswil sorgen. Neben Amhof diskutieren Trainer Ciriaco Sforza, Schiedsrichter Fedayi San und «Blick»-Fussballchef Christian Finkbeiner zum Start in die zweite Meisterschaftshälfte über den VAR. Das Quartett ist sich dabei weitgehend einig.
«Es gibt mehr korrekte Entscheide. Doch 100 Prozent werden nie möglich sein», sagt Amhof. Unterstützung kriegt er von Finkbeiner: «Der VAR macht den Fussball gerechter. Er nimmt ihm aber auch etwas die Emotionen.» Und so werden die Diskussionen wohl nie abreissen. Warum wurde dieser Fehler nicht gesehen? Oder auch: Warum dauert die Überprüfung wieder so lange? Diese und andere Fragen bleiben.
Beim Blick hinter die Kulissen wird einiges klar. Um die 14 Personen sind für einen Match der Super League im Einsatz – darunter neben dem VAR-Trio auch zahlreiche in der Technik.
«Es ist ein ständiges Überprüfen im Gange», sagt Amhof. Dabei ist gerade die mentale Belastung vor den Bildschirmen gross, weil sich der VAR keine Fehler erlauben darf. «Auf dem Platz könnte ich problemlos zwei Spiele am Stück leiten, als VAR würde ich aber an meine Grenzen kommen», offenbart Schiedsrichter San sogar.
Der 40-jährige Aargauer ist froh um diesen Airbag. Er hilft ihm dabei nicht nur bei allfälligen Fehlentscheiden. Vor der Einführung des VAR hatten Spieler und Trainer bei strittigen Szenen einen Informationsvorteil gegenüber dem Schiedsrichter gehabt.
Jede Intervention des VAR ist für uns auch eine Niederlage, weil man Unterstützung gebraucht hat.
Fedayi San, Schiedsrichter
Und dennoch sagt San deutlich: «Jede Intervention des VAR ist für uns auch eine Niederlage, weil man Unterstützung gebraucht hat.»
Losgelöst vom Gespräch sind aber auch die eingespielten Bilder eindrücklich. So wie das Schiedsrichter-Trio und der Video-Ref in einem Match sich per Mikrofon ständig austauschen.

San spricht bei diesem Stimmengewirr von einem «Chäferfäscht», an das man sich gewöhnt. Wichtig sei es, die verschiedenen Einflüsse für sich filtern zu können, sagt San. Und widerlegt wird im grossen Ganzen auch das in der Öffentlichkeit gerne gezeigte Bild des Schiedsrichters als Einzelkämpfer. «Das war er noch nie. Und ist er durch den VAR noch viel weniger», sagt Amhof.
US-Sport als Vorbild
Dass das Zusammenspiel funktioniert, zeigen gerade die Spiele vom Wochenende. In St. Gallen und Luzern (mit San als Schiedsrichter) kommt es nach Interventionen des VAR jeweils zu einem Penalty. Und in Zürich wird die Tätlichkeit eines YB-Akteurs nach der Konsultation der Bilder so noch mit einer roten Karte geahndet.
Bei den Fans im Stadion und vor den TV-Geräten sorgten diese Entscheide natürlich für Emotionen.
Umso wichtiger ist es für Ex-Spieler und Trainer Sforza, dass der VAR für alle verständlicher wird. «Was macht der VAR?», ist also die Frage. Dafür sei mehr Offenheit und Kommunikation nötig. «Mehr Transparenz würde helfen», ist für ihn klar.

In dieselbe Richtung zielt auch Finkbeiner, der sich Szenarien wie im US-Sport wünscht – mit aufschlüsselnden Bildern direkt im Stadion. Und dass die Zuschauer bei gewissen Situationen sogar mithören dürfen. Oder auch, dass der Schiedsrichter nach Matchende bei strittigen Szenen wie die Spieler den Journalisten Rede und Antwort stehen würde.
Zu diesen möglichen Entwicklungen passen die Pressekonferenzen mit Schiedsrichtern an der WM in Katar. «Das wäre vor dem VAR unvorstellbar gewesen», sagt Amhof und betont: «Wir arbeiten jeden Tag, um die Grauzone weiter zusammenzudrücken.»
Wann greift der VAR ein?
Bei einem Tor (falls dem Tor ein Foul, Handspiel, Abseits oder eine andere Regelwidrigkeit voran ging).
Bei einem Penalty (falls ein elfmeterwürdiges Vergehen nicht oder falsch geahndet wurde).
Bei einer Roten Karte (falls ein Vergehen nicht oder falsch geahndete wurde).
Bei der Verwechslung eines Spielers (bei Roter, Gelb-Roter oder Gelber Karte). (zo)
