«Alp Scheidegg» komplett von Besuchern überrannt
Seit zwei Jahren wohnt Aco Lion Rastoder zusammen mit seiner Frau Sanela hoch über Wald auf der Alp Scheidegg. Die beiden haben sich Ende 2015 einen Traum erfüllt und das Gasthaus als Pächter übernommen. «Wir hoffen, immer hier bleiben und das Restaurant irgendwann unserem Sohn weitergeben zu können», hatte Rastoder kurz nach der Eröffnung gesagt. Dass seine Familie in 90 Jahren erst die dritte Pächterfamilie auf der Alp ist, erfüllte den gebürtigen Montenegriner mit Stolz.
Vor zwei Wochen hatte der 37-Jährige zum ersten Mal in seinem Leben keine Lust mehr auf seinen Beruf. «An jenem Sonntag habe ich mich gefragt, was wir hier oben eigentlich machen. Am liebsten hätte ich das Restaurant wieder zugemacht und nur den Kiosk draussen weiterbetrieben», sagt er. «Zwei Tage später war mir immer noch schlecht.» Rastoder ist wütend, er wirkt verzweifelt, ringt um Worte. Was also ist passiert?
Schlechte Kritik im Internet
Die Aussicht war überwältigend an jenem Sonntagmorgen, die Idylle perfekt. Auf 1200 Meter über dem Meer spannte sich der stahlblaue Himmel über den Hängen rund um die «Scheidegg», als Rastoder vor das Fenster trat. Er war gut gelaunt, aber jetzt kroch die Panik in ihm hoch: Am Tag zuvor war sein Gasthaus noch in dichtem Nebel versunken, jetzt lösten sich die letzten Schwaden auf. «Ich wusste sofort, dass viele Leute kommen würden, und hatte nicht damit gerechnet», sagt er. Rastoder telefonierte ein paar Aushilfen ab, ging nach draussen, bereitete die Terrasse vor und den Kiosk, und schon bald trudelten die ersten Gäste ein. «Um 14 Uhr ging dann das Chaos los», erzählt Rastoder. «Wir wurden völlig überrannt.»
«Viele Leute fanden keinen Parkplatz. Als sie zu uns kamen, waren sie bereits genervt.»
Gemäss seinen Schätzungen hatten an jenem Sonntag zwischen vier- und fünfhundert Leute die Idee gehabt, auf die Alp zu kommen. Die meisten von ihnen reisten mit dem Privatauto an, sodass die Parkplätze Fälmis und Wolfsgrueb schnell genauso überfüllt waren wie derjenige vor dem Haus. Offenbar hatte die Polizei fleissig Bussen verteilt, weil die Autos kreuz und quer parkierten und überall in der Wiese standen (siehe dazu auch Box unten). «Viele Leute hatten unten schon eine halbe Stunde auf einen Parkplatz warten müssen, weil alles verstopft war. Sie waren schon genervt, als sie bei uns ankamen. Und mussten dann noch eine Viertelstunde auf ein Getränk warten», so Rastoder. Die Gäste seien sich in der Gaststube auf den Füssen herum getrampelt und hätten sich um die Sitzplätze gestritten. Auf der Terrasse und rund um den Kiosk unter dem Stall, an dem man sich mit Getränken selbständig bedienen konnte, habe es auch nicht besser ausgesehen. Irgendwann sei auch die Küche völlig überlastet gewesen. «Es war eine riesige Hysterie. Viele Leute waren unzufrieden und genervt, einige schimpften. Die Stimmung hätte nicht schlechter sein können.» Er habe in jenem Moment am Wirten keine Freude mehr gehabt, sagt Rastoder. «Unser Haus war voll, aber alle waren unzufrieden. Was für ein Verlust für uns.»
Als ein Gast ihm mit dem Zeigefinger drohte, eine schlechte Bewertung auf Tripadvisor zu schreiben, wenn er ihm und seinen Leuten nicht sofort einen Tisch präsentierte, wurde es ihm beinahe zu viel. «So geht man doch nicht miteinander um. Wir sind doch nicht im wilden Westen», sagt Rastoder. Der Gedanke an jenen Sonntag tut ihm, der sich als «freundlichen Menschen» beschreibt, noch immer weh. Zumal ihm dieser Tag im Internet gleich drei schlechte Bewertungen einbrachte. Und die wird er so schnell nicht wieder los.
Mühe mit der Kritik
Rastoder bewirtet Gäste, seit er denken kann. Zusammen mit seiner Frau, die für die Restaurantküche verantwortlich ist, hat er auf der «Scheidegg» schon manchen strengen Tag erlebt. Denn wenn die Täler unten im Nebel liegen und das Gasthaus oben in der Sonne glänzt, dann ist es auf der «Alp Scheidegg» schnell proppenvoll. Das Gasthaus war seit jeher ein beliebtes Ausflugsrestaurant, und so sollte es auch unter den neuen Pächtern bleiben. «Wir wollten die ‹Scheidegg› sogar noch populärer machen», sagt Rastoder. Das ist dem Wirtepaar gelungen: Der Umsatz stimmt, fast 7000 Cordonbleus haben die Gastgeber im letzten Jahr auf die Teller der Gäste gezaubert, und auf Tripadvisor waren die Gäste bis zu jenem Tag voll des Lobes. Sie priesen das schöne Ambiente, die herrliche Aussicht, das feine Essen, den aufmerksamen, freundlichen Service. «Wir machen das hier wirklich sehr, sehr gerne. Wir sind 15 Stunden präsent, wir tun alles, damit es unseren Gästen gefällt. Wir schaufeln stundenlang Schnee, wir pfaden und salzen die Strasse selber und ziehen die Autos aus dem Schnee, wenn sie feststecken. Wir sorgen dafür, dass alles gepflegt und in Ordnung ist.»
«Wir sind hier nicht bei Ikea, wir sind nur eine kleine, 90-jährige Gaststube.»
Mit der Kritik umzugehen, die ihn und sein Team an jenem Tag erreichte, fällt ihm darum schwer. «Wir wollen, dass unsere Gäste zufrieden sind. Nur zu hören, dass der Service floppt, dass der Wirt inkompetent ist: Das tut weh, das ist nicht fair. Schlimm war auch das Gefühl, die einheimischen Stammgäste vernachlässigt zu haben.» Diese würden nämlich auch dann auf die Alp kommen, wenn das Wetter schlecht ist. «Von den Nörglern hingegen ist am nächsten Tag keiner mehr da.»
Rastoder räumt ein, dass man personell an jenem Tag knapp aufgestellt war. «Wir waren acht Leute und wären gerne mehr gewesen, aber am Ende hätte es wohl auch keinen Unterschied mehr gemacht. Wir sind hier nicht bei Ikea, wir sind nur eine kleine, 90-jährige Gaststube.» So spontan sei es nicht möglich gewesen, weitere Aushilfen zu bekommen. «Das ist heute sowieso nicht mehr so einfach wie früher.»
Künftig auch Essen am Kiosk
Für Rastoder ist klar, dass er so einen Tag nicht nochmals erleben will. Er hat beschlossen, die Tische in der Gaststube am Wochenende nur noch gegen eine Reservation abzugeben und am Kiosk draussen, wo sich die Gäste selber bedienen können, in Zukunft auch Pommes Frites oder Bratwürste vom Grill anzubieten. Ausserdem will er den Gästen einen Parkplatz im Wald öffnen, auf dem bisher bloss die Gleitschirmpiloten ihre Autos abstellten. «Ich hoffe, dass das hilft. Wir wollen auch in Zukunft Freude haben am Beruf. Sonst machen wir das irgendwann nicht mehr.»
Ein Sonntag, der alle überforderte
Auch anderenorts war am Sonntag vor zwei Wochen viel los. «So einen Tag erlebt man nur ein- bis zweimal pro Jahr», bestätigt Bettina Fleps vom Restaurant Bachtel Kulm in Wernetshausen. Auch bei ihr sei der Ansturm riesig gewesen. «Man kann sich so gut darauf vorbereiten, wie man will, aber die Küche wird halt nicht grösser, auch wenn man zehn Leute reinstellt», sagt sie. Man habe sechs Leute im Service gehabt und sieben in der Küche. «Ich dachte, wir seien gut aufgestellt. Gereicht hat es trotzdem nicht.» Man könne den Gästen an so einem Tag nicht gerecht werden. «Mehr als rennen können wir nun mal nicht.»
Ungeduldige Leute habe man jeden Tag zu Gast. «Aber zum Glück ist das nur ein sehr kleiner Teil, und man lernt, damit zu leben», so Fleps.
Parkverbotstafel im Tobel
«An jenem Sonntag wollten gefühlte vier Millionen Zürcher auf den Bachtel hinauf», sagt Andi Kramar von der «Bachtel-Ranch» und lacht. «Wir hatten Glück, dass wir noch im Nebel lagen und draussen darum nicht so viele Leute hatten. Sonst wären wir auch an den Anschlag gekommen.» Er rät den Ausflüglern, an solchen Tagen etwas mehr Zeit für den Restaurantbesuch einzuberechnen. «Etwas mehr Gelassenheit würde an solchen Tagen wohl allen gut tun.»
Martin Walder wiederum regelte an jenem Sonntag im Auftrag der Gemeinde Hinwil den Verkehr rund um den Bachtel. «Auf den Strassen von Wernetshausen Richtung Orn und runter bis zum Hasenstrick und Blattenbach herrschte der ganz normale Wahnsinn», sagt Walder, der seit einem Jahr Einsatzleiter des Verkehrsdienstes ist. «Weil die Leute ihre Autos einfach auf der Strasse parkierten, sich dabei keinen Deut um die Parkverbotsschilder kümmerten und sich von mir nichts sagen liessen, rief ich zum ersten Mal die Polizei.» Diese sei zweimal ausgerückt und habe Bussen verteilt. «Wir hatten auch mobile Parkverbotstafeln im Einsatz. Um zu parkieren, schmiss jemand eine solche Tafel das Tobel hinunter. Es war wie im wilden Westen.» ple