Gina Carla flüstert sich zum Youtube-Star
«Hey my dear», haucht Gina Carla lasziv ins Mikrofon und reibt dabei ihre Finger aneinander. «How are you doing today?» Sie habe ein Geschenk für sie, flüstert sie den Zuschauern ins Ohr. Dann öffnet sie eine raschelnde Packung mit Fasnachtschüechli, bricht ein Stück ab und isst es knuspernd. «Mmmh, this is delicious.»
Geräusche wie das Reiben von Händen, ruhige Stimmen oder sanftes Flüstern sind das Markenzeichen von sogenannten ASMR-Videos (siehe Box). Sie sollen bei den Zuhörern ein Kribbeln auslösen, das sich von der Kopfhaut Richtung Nacken bis hin zur oberen Wirbelsäule bewegt. Der Effekt wird umgangssprachlich auch als «Kopf-Orgasmus» bezeichnet.
Erinnerung an Kindheit
Seit einem Jahr publiziert Gina Carla solche Videos auf Youtube – und ist damit zu einem Star geworden. Mehr als 120’000 Leute haben ihren Kanal abonniert, das meistgeklickte Video hat über zwei Millionen Aufrufe.
Über zwei Millionen Klicks: In ihrem erfolgreichsten Video macht Gina Carla allerlei Mundgeräusche. (Video: Youtube)
Sie sei darauf gekommen, als sie selbst ein ASMR-Video auf Youtube gesehen habe, sagt die 30-Jährige. «Dann wollte ich es ausprobieren und es machte mir Spass.» Bei den Videos gehe es darum, sich zu entspannen. «Die einen schauen und hören sich gerne einen Wasserfall an, die anderen ein ASMR-Video.» Nur habe ASMR etwas Menschlicheres. «Mich erinnert es an die Kindheit, als man mir zum Beispiel etwas ins Ohr flüsterte.»
Schmatz- und Atemgeräusche
In ihren Videos streicht Gina Carla mit einem Schminkpinsel übers Mikrofon, schält Ostereier oder legt sich ein Stethoskop an die Brust. Etwas Erotik habe schliesslich noch keinem geschadet, meint sie. Bereits über 100 Filme hat sie bisher veröffentlicht. In ihrem erfolgreichsten Video «Extreme High Sensitive Mouth Sounds!» macht sie während acht Minuten Schmatz-, Ess- und Atemgeräusche. «Das Video ist so faszinierend, weil es einmalig ist», sagt Gina Carla.
«Ich kann Klänge einfangen, wie sie noch nie gehört wurden.»
Gina Carla
Verantwortlich für den Erfolg sei auch das spezielle, selbst gebaute Mikrofon. Es ist so sensibel, dass man beispielsweise das leise Knistern und Zischen eines brennenden Zündholzes hört. «Es gehört mit seinen fünf Dezibel Eigenrauschen und den grossen Membranen zu den empfindlichsten weltweit.» Dies gebe es nur einmal. «Somit kann ich Klänge einfangen, wie sie noch nie gehört wurden.»
Viel Einfühlvermögen
Pro tausend Klicks kann man auf Youtube bis zu zwei Franken verdienen. Bei zwei Millionen Klicks wären das also 4000 Franken für ein einziges Video. Zur Frage, ob sie bereits von den Videos leben kann, hält sich Gina Carla bedeckt. Sie sagt nur augenzwinkernd: «Ich kann mit oder ohne ASMR Videos leben.»
In diesem Video kann man Gina Carlas Herz beim Schlagen zuhören. (Video: Youtube)
Nebst einer Kamera und einem speziellen Mikrofon brauche es das Einfühlungsvermögen in die Youtube Zuschauer, sagt die Bäretswilerin. Wichtig sei auch der richtige Umgang mit Social Media.
Für sie als Hörgeräteakustikerin sei der ASMR-Effekt allerdings nichts Neues. «Viele Menschen, die beispielsweise einen Tinnitus haben, lassen sich über das Hörgerät Geräusche abspielen, die den Tinnitus überdecken, auch emotional.» ASMR funktioniere dafür sehr gut. Inspirieren lasse sie sich auch von ihrem Mann, der immer wieder neue Ideen habe. «Solange es Spass macht, läuft es einfach.»
Der Begriff «Autonomous Sensory Meridian Response» (ASMR) breitete sich seit dem Jahr 2010 im englischsprachigen Raum aus. Mittlerweile ist der Trend auch im deutschsprachigen Raum angekommen. Auch wenn das Phänomen des Kopfkribbelns noch kaum erforscht ist, haben die Videos bereits eine grosse Fangemeinde auf Youtube. Viele Nutzer schauen sie um sich zu entspannen oder als Einschlafhilfe. zo