Burg oder Schloss? Was wirklich auf Usters Hügel thront
(Von Michael Köhler)
Um die Frage zu klären, ob es in Uster eine Burg oder ein Schloss gibt, muss man zuerst wissen, was überhaupt die Unterschiede zwischen einer Burg und einem Schloss sind: Zunächst sind Burg wie Schloss Wohnanlagen des Adels. Burgen wurden im Mittelalter in verschiedensten Grössen als Wohnbauten entworfen, die als Verteidigungs- und Schutzanlagen dienten. Sie bestanden in der Regel aus einem massiven Wohnturm, einem Nebengebäude mir Ställen, Scheunen und Werkstätten und einer Schutzmauer um alles herum. Wurden sie nicht erhöht errichtet, meist auf steilen Vorsprüngen oder Hügelkuppen, waren sie in der Ebene durch Gräben geschützt, die häufig geflutet werden konnten.
Eine gute und berechtigte Frage wie sich herausgestellt hat. Die Antworten in der Videoumfrage von Züriost sind so vielfältig wie die Ustermer selbst. (Video: Simon Grässle)
Damals verstand man die Begriffe «Burg» und «Schloss» ohne weiteres als gleichbedeutend, denn der Begriff «Schloss» geht auf das tatsächliche Schloss zurück, mit dem man das Tor zur Burg verschloss. Mit der Entwicklung der Waffentechnik geriet die Wehrhaftigkeit der Burgen immer mehr in den Hintergrund. Man schenkte nun der Aussenwirkung mehr Aufmerksamkeit; Pomp und Luxus hielten Einzug. Im Lauf der Zeit trennten sich die Bedeutungen der Begriffe und man assoziierte mit der Burg die mittelalterliche Trutzburg der Lehnsherrschaften des Feudalismus. Als Schloss verstand man mehr den pompösen Repräsentationsbau der Zeit ab dem 17./18. Jahrhundert.
Bis auf die Grundmauern niedergebrannt
Was heisst das jetzt im Bezug auf Uster? Die Anlage in Uster wurde wohl im frühen 13. Jahrhundert als einfache Wohnturmanlage mit hölzernem Aufbau errichtet. Vermutlich war diese Ursprungsburg mit einer Palisade umgeben sowie einem tiefen Halsgraben, der die Kuppe des heutigen Burghügels tief einschnitt. Eine Brücke führte darüber. Diese Burg brannte 1492 nieder.
Erst 1529 wurde an gleicher Stelle wieder eine Burg errichtet. Wahrscheinlich bereits mit dem charakteristischen Treppengiebel. Erst von diesem steinernen Burgbau gibt es seit dem späten 17. Jahrhundert bildliche Darstellungen. Ab 1562 verfiel sie zusehends und stand bis Mitte des 18. Jahrhunderts während fast 100 Jahren leer, wurde aber im Gegensatz zu manch anderer Burg ihrer Zeit nicht abgebrochen. 1753 gehörte das verfallende Anwesen dem Hauptmann Wilhelm Schäfer v. Zürich, der es notdürftig instand stellen liess. Bewohnbar war die Burg aber nicht, weswegen er zwei kleine Wohntrakte an das alte Gemäuer anbaute.
Holzschnitt aus dem 17. Jahrhundert, Blick von der Südseite her: Um den frei stehenden Burgturm verläuft eine Maur und ein Burggraben mit einer Brücke. Links der Vorgängerbau der heutigen Wirtschaft Burg. Dieser Bau wurde 1901 abgerissen.
Umbau zum Bezirksgebäude
Bis in diese Zeit ist das Bauwerk eine typische Burg, ausgestattet mit Schutzmauer, Graben und Ökonomiegebäuden, darunter dem Vorgängerbau des heutigen Restaurants Burg. Eine erste Aufwertung und Repräsentanz erfuhr sie mit dem umfassenden Umbau zum Bezirksgebäude durch Caspar Heer in den Jahren 1853 bis 1854. Der bislang fast freistehende Turm wurde ringsum mit einem zweistöckigen Gebäude ummantelt, das die Bezirksbehörden aufnahm. Der Turm diente als Gefängnis. Das vollkommen neue Aussehen mag dazu beigetragen haben, dass immer mehr Ustermer die Burg nunmehr als Schloss ansahen.
Dagegen spricht, dass gerade der Turm in einer Art umgebaut wurde, wie es der damaligen Vorstellung einer mittelalterlichen Burg entsprach – trutzig, eckig, abwehrend. Eigentlich unnötig, denn der alte noch stehende Turm stammte ja noch in weiten Teilen aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit. Das neue Bauwerk sollte nach dem Wunsch der Bauherren offensichtlich weiterhin als Burg angesehen werden, trotz der baulichen Aufwertung zum Bezirkshaus. Das unterstreicht auch der Name Burgstrasse, den der alte Flurweg nach Nossikon 1863 erhielt. Dennoch geriet diese Anschauung zum Ende des Jahrhunderts unter Druck, denn weite Teile der Bevölkerung schienen das Bezirksgebäude gewohnheitsmässig als Schloss zu bezeichnen. Dem entsprechend erhielt der steile Zufahrtsweg von der Zentralstelle her 1881 auch den Namen Schlossweg.
Hin- und her auch bei den Strassennamen
1916 kommt die Burg, oder, je nach Betrachtung, das Schloss in den Besitz des Industriellen Jakob Heusser-Staub. Er lässt sie 1917 umbauen – bis heute zum letzten Mal. Sein Architekt Johannes Meier bricht das pseudo-mittelalterliche Turm-Belvedere ab und rekonstruiert den alten Treppengiebel. Mit den neu hinzugekommenen Drillingsöffnungen und den beiden Betonbalkonen bleibt der Giebel aber in seiner Zeit verhaftet. Neben dem Turm erhält das ganze Ensemble, bestehend aus neuem Ökonomiegebäude, Auffahrt und Zugang zum Hauptgebäude, ein neues repräsentatives Äusseres in spätem Jugendstil. Dies verleiht der alten Burg zumindest von Süden ein Aussehen, das einem kleinen bescheidenen Schlösschen nahe kommt. Man schien sich auf die Bezeichnung Schloss geeinigt zu haben, denn auch die Burgstrasse hiess seit 1908 nur noch Nossikon-Strasse.
Und dennoch blieb der Begriff «Burg» immer noch präsent: 1930 wurde aus der Nossikon-Strasse wieder die alte Burgstrasse und noch 1980 und 1982 kommen der Burgrebenweg und der Burgsteig hinzu. Was ist also nun die Antwort auf die Anfangs gestellte Frage? Von heute aus betrachtet gibt es für beide Begriffe historische Zeugnisse. Für mich persönlich steht aufgrund der Architektur des Gebäudes auf dem Ustermer Burghügel immer noch eine Burg. Es bleibt jedoch jedem selbst überlassen zu entscheiden, ob die Umbauten von 1854 und 1917 ausreichen, aus einer einst stolzen Burganlage ein Schloss zu machen.
Burg oder Schloss?: Meinungen der Ustermer im Video.
Restaurant Burg und die Schlossberg-Musikanten – Uster ist sich uneins
«Uster Tourismus» preist Wanderungen auf die «Burg Uster» an, auf der Website der Stadt Uster steht unter Sehenswürdigkeiten «Schloss Uster». Auch sonst sind in Uster beide Bezeichnungen verbreitet: Es gibt das Restaurant Burg und die Schlossberg-Musikanten, die Schloss-Schule und den Burghügel, den Schloss- aber auch den Burgweg. Selbst bei den Suchmaschinen ist man sich nicht einig. Während Google-Maps ein «Schloss Uster» anzeigt, steht bei mapsearch.ch «Burg». Auf den offiziellen Karten des Bundes ist ebenfalls nur die Bezeichnung «Burg» zu finden, auf Wikipedia hingegen nur einen Artikel zum «Schloss Uster».