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Politik

Für jeden Toten ein Kreuz

Seit vielen Jahren erinnern in der Adventszeit Holzkreuze im Grundtal an die Menschen, die hier bei Verkehrsunfällen ihr Leben lassen mussten. Aufgestellt werden sie von einem ehemaligen Walder.

Stille Mahnmale am Strassenrand: Schlichte Holzkreuze stehen in der Adventszeit an den Unfallstellen im Grundtal. (Bild: Seraina Boner)

Für jeden Toten ein Kreuz

Erst letzte Woche ist ein Lenker mit seinem Wagen im Grundtal von der Strasse abgekommen und in der Jona gelandet. Verletzt wurde er dabei zum Glück nicht. Andere Unfälle gingen in der Vergangenheit weniger glimpflich aus. Wer in diesen Tagen durchs Grundtal fährt, kann die Kreuze an der Strasse zwischen Rüti und Wald nicht übersehen. Wie Mahnmale stehen sie wieder da, eines nach dem anderen.

Hinter jedem steht die tragische Geschichte eines Lebens, das auf der kurzen, aber kurvenreichen Strecke sein Ende fand. Um die Autofahrer zu ermahnen, vorsichtig zu fahren, und den Verstorbenen ein ehrendes Andenken zu bewahren, hat Christian Michelsen sie Ende November zusammen mit seiner jüngsten Tochter an Ort und Stelle gesetzt, so wie er das seit vielen Jahren in der Adventszeit macht. 

Am Anfang mehr Widerstand

An drei Händen muss der bald 70-Jährige die Unfälle, die in den letzten 30 Jahren im Grundtal tödlich verliefen, inzwischen abzählen. Nicht weniger als 15 schlichte Kreuze hat der Sänger und Antiquitätenhändler, der mit seiner Familie lange in einer alten Fabrik im Jonatal lebte und vor drei Jahren ins Bündnerland gezogen ist, über all die Jahre beim Schreiner anfertigen lassen. Für jeden Toten eines.

«Am Anfang stiessen die Kreuze eher auf Widerstand»

Christian Michelsen

Für immer wird er sich auch an den kleinen Jungen erinnern, der 1986 auf dem Kindergartenweg sein Leben verlor – und den er am Unfallort noch selber mit einem Laken zudeckte. Anstatt in der Folge Briefe an die Behörden zu schreiben, liess er immer dann ein neues Kreuz schreinern, wenn wieder jemand gestorben war. «Am Anfang stiessen die Kreuze eher auf Widerstand», erinnert sich Michelsen. Immer mal wieder wurden sie von Vandalen ausgerissen, die diese Art von Trauerarbeit am Strassenrand nicht goutierten.

Letzter tödlicher Unfall im Sommer

Aber in all den Jahren erhielt Michelsen immer wieder auch Reaktionen von Angehörigen, die ihm dankbar waren. «Auch heuer hat mir die Gotte eines Verunfallten zum Dank einen Blumenstrauss geschickt», sagt er. Solche Zeichen der Wertschätzung freuen ihn.

Das neuste Kreuz hat Michelsen im vergangenen August bestellt und in diesem Jahr zum ersten Mal aufgestellt. An einem Sonntag war ein 45-jähriger Motorradfahrer in einer Linkskurve mit einem Linienbus der VZO  kollidiert und noch auf der Unfallstelle gestorben. Bis zum Dreikönigstag wird er die Kreuze noch stehen – und auf die Verkehrsteilnehmer wirken lassen.

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