Wetzikons erste Volksinitiative fordert Fernwärme-Anschluss
Es erscheint paradox: Wetzikon hat ein Kraftwerk direkt vor der Haustür, aber kann es nicht nutzen. Die Stadt könnte seinen Energiebedarf problemlos mit der Abwärme der Kezo in Hinwil decken. Die technischen Hürden sind ebenfalls überschaubar. Warmwasser würde aufgeheizt und via Rohrsystem in die Wetziker Haushalte geleitet.
Dennoch ist die über vier Jahrzehnte alte Idee weit von einer Realisierung entfernt. Zuletzt versuchten die Grünen Wetzikon, den gordischen Knoten zu durchschlagen. Und scheiterten mit ihrer Initiative an der Gemeindeversammlung im Frühling 2014.
Zu viele Leitungen im Boden
Der Wetziker Gemeinderat empfahl damals die Ablehnung und argumentierte mit den Kosten. Nicht mit jenen, die beim Bau der Warmwasserleitungen anfallen. Für ein solches Projekt liesse sich ein privater Anbieter als Partner finden, der die Anlage baut und betreibt, so der Gemeinderat damals. Nein: Das Problem sind die Gasleitungen im Wetziker Boden, die gut im Schuss sind. Sie würden durch die Fernwärme konkurrenziert. Die Stadtwerke blieben auf ihnen sitzen. Abschreibungsbedarf: 16 Millionen Franken.
Rund vier Jahre später versuchen sich die Grünen erneut an dem Thema. Der Anlass dafür ist aussergewöhnlich. Benjamin Walder, Kanti-Schüler und Wetziker, hat seine Matura-Arbeit dem Thema gewidmet. Ziel war es, ein Thema aufzugreifen und daraus eine politische Vorlage zu machen. Es hätte auch Fluglärm, Licht-Verschmutzung oder Wachstum sein können. Aber bei einer Umfrage, die Walder im Internet durchführte, stimmten 270 von 460 Teilnehmenden für das Thema Fernwärme, das somit gesetzt war. Dass es ökologische Themen waren, ist kein Zufall. Walder ist seit zwei Jahren Mitglied der Grünen.
130 Seiten mehr als verlangt
30 bis 60 Seiten sollten eine Maturaarbeit umfassen, Walder hat deren 160 geschrieben. Der krönende Abschluss: Der 19-Jährige sammelte via einer Online-Plattform mittels Crowdfunding Geld, um die erste Volksinitiative in der Geschichte Wetzikons zu lancieren. 1500 Franken hatte Walder angestrebt – 3500 Franken kamen zusammen. Geld, das für Plakate und Werbung ausgegeben werden soll in der anstehenden Unterschriftensammlung. 500 Unterschriften sind nötig, damit die Initiative zustande kommt.
Doch weshalb sollte die Vorlage erfolgreich sein, nachdem die Initiative 2014 bachab geschickt wurde? «Die Gesetzesgrundlage hat sich geändert», sagt Benjamin Walder. Mittlerweile gebe es eine Verordnung des Bundes. Sie verpflichte die Kehrichtverbrennungsanlagen, mindestens 55 Prozent der Energie zu nutzen. Davon sei die Kezo weit entfernt, und deshalb stehe sie unter Druck, etwas zu unternehmen. Deshalb sei auch klar, dass Wetzikon die Kosten nicht alleine tragen müsse. Auch der Kanton und der Kezo-Zweckverband stünden in der Pflicht. Der genaue Kostenteiler sei nicht bekannt und werde wahrscheinlich letztlich durch ein Gericht festgelegt werden müssen.
Kanton winkt ab
Allerdings sind diese Angaben nicht unbestritten. Die kantonale Baudirektion schreibt, die Kezo erreiche den neu geforderten 55-Prozent-Wert durchaus. Mit dem geplanten Neubau um 2025 werde er weiter steigen. «Insofern besteht also kein Druck.» Und der Hoffnung, dass der Kanton einen Teil der Leitungen bauen werde, erteilt die Baudirektion eine Absage. «Der Kanton Zürich baut oder finanziert keine Infrastrukturanlagen für die Energieversorgung.»
Walders Initiative enthält indes keine konkrete Forderung nach dem Bau einer Fernwärme-Leitung. Die Stadt würde bei einer Annahme lediglich dazu verpflichtet, sich «im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Versorgung mit Fernwärme auf dem Gemeindegebiet» einzusetzen. Diese Möglichkeiten dürften sich auf das Stimmrecht der Stadt innerhalb des Kezo-Zweckverbands beschränken.
Defensiv formuliert
Die Vorlage ist somit deutlich sanfter als die Initiative von 2014, die ein konkretes Projekt gefordert hatte. Der damalige Initiant Stephan A. Mathez sitzt heute für die Grünen im Parlament. Die Partei trägt Walders Initiative offiziell mit. Mathez stellt nicht in Abrede, dass die Vorlage defensiv formuliert ist. Das sei aber gut so. «Es geht uns darum, das Thema erneut zu lancieren. Wir wollen keine konkreten Beträge in die Gemeindeordnung schreiben. Das Projekt soll 100 Prozent gebührenfinanziert sein, ohne Subventionen.»
Doch was ist mit dem Problem der Gasleitungen, die die Stadt abschreiben müsse? Das sei eine Grundsatzfrage, sagt Mathez. «Wenn man auf neue Technologien setzt, kommt man um Abschreibungen nicht herum.» Man habe die Einführung des Autos vor über hundert Jahren auch nicht verhindert, weil die Kutschen noch nicht vollständig abgeschrieben waren. «Jede Firma muss tagtäglich solche Entscheidungen treffen.»
Ein Wahlkampf-Geschenk
Mathez glaubt auch nicht, dass die Abschreibung 16 Millionen betragen werde, denn die Fernwärme werde das Gas etappenweise über viele Jahre ablösen. Die Initiative gebe den Stadtwerken bewusst Spielraum. «Sie sollen die Einführung optimal in ihre eigenen Prozesse integrieren können.»
Die Abstimmung würde laut Walder bis 2021 zur Abstimmung kommen, bis zu einer Realisierung dauert es weitere Jahre. Kurzfristig nützt die Volksinitiative vor allem den Grünen, die mit einem griffigen Thema ins Wahljahr 2018 starten können. «Es ist eine Win-Win-Situation», sagt Walder: Er habe eine interessante Arbeit schreiben können; die Partei habe ein Wahlkampfthema erhalten. Walder kandidiert selbst für einen Platz im Wetziker Parlament; seine Mutter Christine Walter ist bereits Gemeinderätin.
Es gehe aber nicht primär um Wahlkampf, betont Walder, sondern um die Sache. «Im Unterschied zum Gas ist die Fernwärmenergie gratis. Und es gibt keinen günstigeren Weg, um CO2 einzusparen. Je länger ich mich mit der Fernwärme auseinandersetze, desto überzeugter bin ich davon.»
Wie Fernwärme funktioniert, zeigt dieses Werbe-Video (Quelle: Youtube):