Gesellschaft

Rote Zungen so gross wie Bethlehemsterne

Sie sind die grösste Live-Band der Welt, und sie werden das auch bleiben: Die Rolling Stones machen sich auf den Weg nach Zürich.

Rote Zungen über Hamburgs Stadtpark. (Bild: David Kilchör)

Rote Zungen so gross wie Bethlehemsterne

Wie sieht der wahre Rolling-Stones-Fan aus? Urs Hofstetter, Redaktor von Radio Argovia, hat eine These: männlich, schwarzes Shirt mit Lippe und Zunge, schütterner Haaransatz, Bierwampe. Von dieser Sorte sieht man reihenweise auf den Pfaden des Hamburger Stadtparks. Der wurde seit bald 30 Jahren nicht mehr für grössere Konzerte genutzt und wird heute von Horden von Rockfans heimgesucht.

Es ist Tourbeginn. In weniger als zwei Monaten werden die Stones 13 europäische Städte abklappern, darunter Zürich am 20. September. Hamburg ist der Ausgangspunkt. Fast zehn Jahre ist das letzte Konzert in Hamburg her. Zwischen den Zungen-Shirts entdeckt man immer wieder solche mit Sprüchen wie: «Who the Fuck is Mick Jagger?» oder «I love the Beatles» – wobei ersteres ein alter Keith-Richards-Gag ist. Eigentlich gehört Hamburg den Beatles, die hier anno 1960 nicht nur ihren Pilzkopflook erfanden, sondern auch ihre Karriere lancierten. Doch wenn Hamburg die Beatles-Stadt sein sollte, müssten die Beatles existieren. Tun sie aber nicht.

Plötzlich Fan

Dieses Problem haben die Stones nicht. Eher im Gegenteil. Sie wollen nicht sterben. Urs Hofstetter erzählt, er habe die Band 1995 erstmals gesehen. Eher unfreiwillig. Diverse Leute hätten ihm gesagt, vielleicht sei das die letzte Tour. Immerhin waren die Herren damals schon über 50. Und als Erstgeneration der Rockmusik musste man vermuten, dass der Rolling-Stones-Lebensstil nicht wahnsinnig nachhaltig sein dürfte. Urs Hofstetter jedenfalls fand: Na gut, dann schau ich mir die mal an. Der Effekt: Er ist jetzt auch ein Fan.

Heute ist man am selben Punkt wie vor 22 Jahren. Einfach 22 Jahre später. Die Stones sind über 70. Und an jeder Ecke hört man es munkeln: «Dieses Mal wird wohl das letzte Mal sein. Die sind ja schon über 70.» Kehrausstimmung im Hamburger Stadtpark, sozusagen. Die Merchandise-Stände werden überrannt. Obwohl die Shirts mit den Zungen drauf seit Jahrzehnten mehr oder weniger identisch aussehen. Vom letzten Mal will jeder ein Shirt.

Vom Mond aus

Die Stones in Hamburg, das ist gigantisch. Teil der Stones-Installation ist ein Bühnenbild, das aus vier etwa 30 Meter hohen Türmen besteht, die zusammen eine riesige Leinwand bilden. Das sieht man vermutlich sogar vom Mond aus. 19 Trucks fahren die vielen Tonnen von Material durch Europa. Und drei Tage lang dauert der Aufbau. Das für 2,5 Stunden Show.

Stones-Produktionsmanager Dale Skjerseth, eine Art Bauherr für die Stonesbühne, sagt: «Die Stones haben die Messlatte für Shows immer hoch gesetzt. Sie haben Grösse und Qualität von Rockkonzerten definiert.» Da erwarte das Publikum Grosses. Ja, auf jeder Tour noch Grösseres als auf der vorherigen. 19 Trucks entsprechen lediglich den Erwartungen.

Für 800 Euro an vorderster Front

Das kostet. Und diese Kosten muss der Veranstalter auf die Gäste abwälzen. Im VIP-Zelt erzählt ein Amerikaner, er werde den Stones zu allen 13 Europakonzerten folgen. Zwei Monate herumreisen. Der Senior behauptet, er habe 100’000 Dollars dafür locker machen müssen. «Die Reisen, die Hotels, die Shows. Das geht ins Geld.» Für 800 Euro darf er heute Abend an vorderster Front an der Bühne tanzen und vor der Show so viel Riesling-Sylvaner trinken wie er will. Bei den Stones ist der VIP-Kleber keine Frage von Status, sondern nur von der Brieftasche.

Draussen dröhnt Musik. Die isländische Band Kaleo läutet den Abend mit hartem Südstaatenbluesrock ein. Das VIP-Zelt ist zum Bersten voll. Niemand interessiert sich für die Vorband, so lange die Drinks aufs Haus gehen. Irgendwann kommt die Promoterin und löst die Runde auf. Zeit für die Stones. Auf knallgelbem Hintergrund leuchten rote Zungen wie Bethlehemsterne von den 30-Meter-Leinwänden über die Menschenmenge. Das Rock’n’Roll-Heil gibts hier auf der Bühne. In einigen Minuten.

Charlie Watts trommelt sich ins Intro

Plötzlich: futuristische Klänge, silberschwarze Formen rauschen über die Riesen-Screens. Und dann trommelt sich Charlie Watts ins Intro zu «Sympathy for the Devil». Die Menge springt auf. Eine Art Urschrei erschüttert Hamburg. Die Rolling Stones machen hier gerade das Konzert des Jahrzehnts.

Das Phänomen Roling Stones ist schwer erklärbar. Die Songs sind teils so simpel, dass sie sogar Baschi schreiben könnte. die Instrumentalisten sind keine Virtuosen. Aber man spürt den Altrockern an, dass sie sich intuitiv aufeinander abstimmen. Das Resultat heisst Groove. Und Groove geht in die Hüften. Kein Bein steht still.

Jaggers Hüftschwung

Dazu kommt Mick Jaggers Sex-Appeal. Selbst mit 74 ist sein Hüftschwung noch ansehlich. Er bewegt sich androgyn, zwischen tuntig und verführerisch. Sein Gesicht ist zerfurcht, aber sein Tanz jung. Und auch sein Stimmorgan schaunt kaum gealtert zu sein. Die Rotzröhre, frech und provokant, aufdringlich und unausweichbar.

Die Stones spielen Hits. «Honky Tonk Women», «Paint it Black», «I can’t get no Satisfaction» und so. Und sie überraschen die Fans mit kaum je Gehörtem. «Dancing with Mr. D» etwa hat die Band seit 1973 nie mehr live gespielt. Ein grossartiger Uptempo-Blueskracher. Unglaublich, dass der mal so 45 Jahre lang im Nirvana weilte. Sie spielen auch zwei Songs vom aktuellen Blues-Album «Blue and Lonesome». Und selbst die skeptischen Fans nicken mit dem Kopf. Dieses Material funktioniert – auch ohne Hitstatus.

Ab und zu ein Scherz

Die Rolling Stones geniessen die Show. Der einzige, der nie eine Miene verzieht, ist Frontmann Jagger. Mit seinem Schmollmund röhrt er sich durchs Repertoire und lässt sich ab und an zu einem Scherz hinreissen, über den er selber aber nicht lachen würde. «Freunde aus Liverpool sagten uns, diese Stadt hier sei gut, um eine Karriere zu lancieren», sagt er fast beiläufig. «Schauen wir mal.»

Die anderen haben nicht viel zu sagen. Keith Richards kündigt die beiden Songs an, die er selber singt. Wortkarg und leicht verpeilt, mit tiefrauer Gutenachtstimme. Er, Ronnie Woods und Charlie Watts grinsen ab und zu vor sich hin. Genussmomente, wenn der Stones-Zug rollt und der Sound fett in die Menge donnert. Geschätzte 120’000 Menschen zu beschallen macht auch nach 55 Jahren noch Spass.

Ist dies das Ende?

Als die Stones die Bühne verlassen, geht ein Feuerwerk hinter den Leinwandtürmen los. Man fragt sich einen kurzen Moment lang, was man hier gerade erlebt hat. Die Stones. Die Rockband aller Rockbands. Ist dies das Ende? So richtig alt sieht nur Keith Richards aus. Und das ja schon seit etwa drei Dekaden.

Auch Productionmanager Skjerseth kennt die Frage. «Ist dies das Ende? Nein. Weshalb sollte plötzlich Schluss sein mit den Stones? Sie sind die grösste Live-Band der Welt und werden das auch bleiben.»

Rolling Stones am 20. September im Letzigrund Stadion. Die Veranstalter legen Wert auf den Hinweis, dass keine Taschen grösser als im A5-Format aufs Gelände mitgebracht werden dürfen.

 

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