Tattoo-Meister dank einer Sau
Samoa. Von Palmen gesäumte Sandstrände an türkisfarbenen Lagunen. Tauchen mit Wasserschildkröten, tanzende Mädchen mit Blumenhalsketten. Die Pazifikinsel zaubert romantische Südsee-Träume in den Kopf. Tattoo-Künstler Joe Kilchör aus Unter-Ottikon hat andere Erinnerungen an den Inselstaat. Nadeln etwa, Kühlerhauben und eine gemeingefährliche Sau.
1984. Kilchör war Mitte 20 und wollte auswandern. Das Ziel: Christmas Island, auch Kiritimati genannt, im Pazifik. Auf seiner Reise machte er Halt auf Hawaii. Er war drauf und dran, sein Ticket in die neue Heimat zu lösen, stand am Flughafen und schaute aufs Abflug-Board. Dort stand «Pago Pago». Er konsultierte die Karte. Pago Pago, die Hauptstadt von American Samoa, war fast doppelt so weit weg von Hawaii wie Kiritimati. «Aber das Flugticket war halb so teuer.»
Spontaner Plan B
Schon war sein Plan geändert. Er buchte, flog und landete. «Eine Katastrophenstadt», konstatiert er. «Ich traf einen Ami. Der sagte, ich solle besser nach West-Samoa.» Kilchör schiffte ein, verliess die «Katastrophenstadt» nach zwei oder drei Tagen. Auf dem Schiff traf er eine Frau, die fand, er könne sich bei ihrer Familie einnisten. «Es stellte sich heraus, dass das gar nicht ihre Familie war. Sie brachte mich in ein Dorf, wo ich auf mich allein gestellt war.»
Kilchör biss sich durch. Der gelernte Maschinenmechaniker richtete eine Werkstatt ein, in der er Autokühler reparierte. Zeitgleich begann er, sich mit der Tattoo-Kultur Westsamoas auseinanderzusetzen. «Die Einheimischen nutzen eine Art Kamm, um Muster in die Haut zu stechen.» Das sieht in der Vollendung nach einer Art Hose aus, bestehend aus Dreiecken, Rechtecken, Punkten und Linien, die bis unter die Brust gezogen wird. Das Problem: «Mit dieser Stechtechnik können sie nur Muster zeichnen. Ein Adler sähe furchtbar aus.»
Tattoo-Nadel und Nähmaschinen-Motor
Kilchör wollte abhelfen. Zumal die jungen Samoaner sich Mitte der 1980er von ihren Traditionen eher distanzierten. «Sie wollten Tattoos, aber westliche.» Moderne Tattoo-Studios gab es auf der Insel aber nicht. Kilchör bastelte also eine Nadel mit dem Motor einer Nähmaschine zusammen. Damit begann er an seinen beiden Mitarbeitern herumzuprobieren. «Ich kam vom Airbrush her und konnte zeichnen. Aber von Tattoos hatte ich keine Ahnung.» Die Mitarbeiter freuten sich über die Versuchs-Tattoos, zumal sie auf der Insel eine Exklusivität waren. «Die Tests waren eine Win-Win-Situation.»
Kurze Zeit später hörte er von einem New Yorker, der ganze Tattoo-Sets verkaufte. Er bestellte sich eins und stieg fest ins Geschäft ein, zog in die Hauptstadt und eröffnete ein Studio. Illegal. Denn eine Arbeitsbewilligung besass er nur für seine Kühler-Werkstatt.
Verheerende Sau
Nur blieb das dem Staat verborgen. Bis zum Vorfall mit der Sau, die sich spätnachts mitten auf der Strasse tummelte. Joe Kilchör war gegen drei Uhr morgens mit seinem Motorrad unterwegs und fuhr geradewegs in dieses Vieh, donnerte zu Boden und zog sich üble Verletzungen zu. Er musste ins Spital und geriet deshalb plötzlich ins Visier des Staats.
Der stellte fest, dass das Studio nicht bewilligt war. Kilchör erhielt eine Gerichtsvorladung. «Mir drohten eine Gerichtsverhandlung und eine happige Busse.» Der Fall war klar: «Ich musste fliehen.» Er packte sein Bündel, fuhr zum Flughafen, doch dort lief er auf. «Ich musste ein Formular ausfüllen, auf dem ich etliche Stempel benötigte. Das war keine gute Idee.» Die nächste Station war der Schiffshafen. Kurzerhand heuerte er als Work-Away bei einem Frachter an – unterwegs als Arbeiter ohne Lohn zum Preis von Überfahrt, Kost und Logie. Sein Plan: In Ecuador auf dem Hof eines Freundes als Landmaschinenmechaniker arbeiten. «Ich machte mit dem Kapitän aus, dass ich in Panama raus würde.» Er dachte, das sei in zwei oder drei Wochen der Fall. Doch das Schiff legte in die falsche Richtung ab.
Ein halbes Jahr auf dem Schiff
Kilchör grinst, wenn er daran denkt. «Das Schiff wäre schon irgendwann in Panama angekommen, aber erst gegen Schluss der Reise.» Ein halbes Jahr später war der Tattoo-Künstler immer noch auf dem Frachter und weit weg von Panama. Der legte gerade in Rotterdam an. «Der Captain gab mir zwei Wochen Urlaub, ich könne im englischen Hull wieder zusteigen, fand er.» Joe Kilchör tauchte ab, ging zurück in die Schweiz, nach Zollikon, wo er aufgewachsen war.
Das war 1987. 1991 eröffnete er in Rümlang sein erstes Tattoo-Studio, eines der ersten in der Zürcher Provinz. «In der Stadt gab es auch erst drei», erzählt er. In dieser Zeit baute er eine Stammkundschaft auf, zog 2000 nach Egg, wo er fünf Jahre lang blieb. Dann konnte er «endlich» Land kaufen, um selber zu bauen. In Unter-Ottikon. Im Oktober 2005 zog er dort ein und betreibt sein Studio seither im Erdgeschoss seines Wohnhauses.
In der Provinz: kein Problem
Die Aussenwacht einer Oberländer Landgemeinde als Standort für ein Tattoo-Studio ist für Joe Kilchör kein Problem. «Weil ich einen grossen Kundenstamm habe.» Zudem seien Tattoos Werbung fürs Studio. «Man will sie zeigen. Das generiert Mund-zu-Mund-Werbung. Hat man mal einen Ruf, ist es egal, wo das Studio liegt.» Um ins Tattoo-Geschäft einzusteigen würde er einen solchen Standort allerdings nicht empfehlen. «Da ist Laufkundschaft relevant.»
Joe Kilchör ist in der Deutschschweizer Tattoo-Szene eine feste Grösse, gehört seit 1995 dem ein Jahr zuvor gegründeten nationalen Berufsverband an. Bekannt ist er nicht zuletzt für seine Vielfalt. «Einige Künstler sind auf Muster spezialisiert, andere arbeiten nur mit Graustufen. Ich mache alles, weil ich die Abwechslung mag.» Sein Radius sprengt das Zürcher Oberland bei Weitem. «Früher hatte ich sogar Walliser Kunden. Da es heute viel mehr Studios gibt, kommen sie nicht mehr von ganz so weit her.» Aber Berner, Aargauer, St. Galler: Sie sind immer noch regelmässige Gäste in Unter-Ottikon.
Samoa bleibt unvergessen
Joe Kilchör ist heute 57-jährig. Wegen einer saomanischen Sau lief sein Leben anders als geplant. Das Tier hat er nicht vergessen. Nach Samoa ist er aber nicht zurückgekehrt. Und doch sind die drei spektakulären Jahre auf der Pazifikinsel omnipräsent in seinem Leben. In seinem Regal zeugen Bücher über die saomanische Tattookunst davon. «Ich beherrsche diese Technik nicht, aber sie gefällt mir», sagt er. Immerhin sind derzeit neuseeländische Tattoo-Muster im Trend. «Und die sind den saomanischen ganz ähnlich».
Was ist ein gutes Tattoo?
Joe Kilchör: Es muss schön gezeichnet sein und auf die entsprechende Körperstelle passen.Was heisst das?
Nicht schön ist etwa ein Motiv auf einem Oberarm, das nach hinten schaut. Das Tattoo sollte einen anschauen. Auch unschön ist zum Beispiel eine Zeichnung quer über die Wade. Schön hingegen ist eine senkrechte, dem Knochen entlang.
Was, wenn jemand ein Tattoo an einer falschen Stelle will?
Das kommt oft vor. Ich bin nicht nur Künstler, sondern auch Berater. Üblicherweise finden wir gemeinsam eine bessere Stelle fürs Motiv oder ein besseres Motiv für die Stelle.
Gibt es Stellen, an denen Sie gar nicht stechen?
Ich empfehle generell keine Tattoos an Körperstellen, die man nicht verdecken kann. Ich steche prinzipiell keine Hände, Köpfe und Hälse.
Weshalb?
Ich finde, dass ein Gesicht durch ein Tattoo entstellt wird. Das kann ich nicht verantworten. Bei Händen und Hals sehe ich zum Einen das Problem, dass man sich selber schwächt, wenn man etwa auf Job-Suche ist. Zum anderen ist es aber auch mühsam, dort zu stechen. Die Haut ist bei den Fingern sehr dünn und damit die Gefahr gross, dass die Farbe verläuft. Beim Hals ist das Problem, dass man ihn ständig bewegt. Das verlängert den Heilprozess und führt oftmals zu nachträglichen Verunstaltungen des Motivs. Dann muss ich nachstechen – und das natürlich gratis. So lange ich nicht darauf angewiesen bin, mache ich es auch nicht.
Wie siehts mit Intim-Tattoos aus?
Die mache ich auch nicht ohne triftigen Grund.
Was wäre ein triftiger Grund?
Manchmal kommen Leute, die sich bei irgendwelchen Spielen im Bett mit Spielzeug verletzt haben. Das Tattoo soll die Narben verdecken. Das mache ich. Ich habe auch schon für Frauen Brustwarzen tätowiert, nachdem sie ihre Brüste amputieren lassen mussten. Solche Rekonstruktionen bringt man recht gut hin.
Wer will eher intime Tattoos, Männer oder Frauen?
Deutlich mehr Männer. Sie verletzen sich scheinbar auch eher.
Wie schmerzhaft ist ein Tattoo?
Ich persönlich finde, dass es ziemlich schmerzhaft ist. Aber das Empfinden ist unterschiedlich. Es gibt Leute, die behaupten, es schmerze nicht. Andere jaulen beim ersten Stich schon auf.
Gibt es Stereotypen, wer mehr oder weniger schmerzempfindlich ist?
Man sagt immer, Frauen würden mehr ertragen. Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Ich glaube aber, dass Südländer schmerzempfindlicher sind als Menschen aus nördlichen Regionen. Das ist aber auch nur ein Erfahrungswert, keine Studie. Die ersten fünf bis zehn Minuten schmerzt es bei mir jeweils, dann gewöhne ich mich dran. Die ersten drei Stunden finde ich gut erträglich. Danach steigt das Schmerzempfinden.
Wie lange dauert das Stechen eines Tattoos?
Das hängt natürlich von der Grösse ab. Meine Stechsessions dauern maximal fünf Stunden am Stück. Selber mache ich nach jeder abgelaufenen Stunde eine kurze Pause. Länger kann ich selber nicht stechen, zudem finde ich es auch nicht zumutbar für den Kunden.