Politik

Sexszenen von Behinderten und Kot zum Abendmahl

Sinnlose Gewalt, Sex und Erniedrigung. Das Theaterstück «120 Tage von Sodom» – eine Zusammenarbeit zwischen Schauspielhaus und Theater Hora – sorgte für Aufsehen. Sara Hess aus Rüti stand als Schauspielerin auf der Bühne.

Sara Hess (ganz links) aus Rüti ist seit zehn Jahren Mitglied des Theaters Hora. Für das Stück «120 Tage von Sodom» ging sie an ihre Grenzen. (Bild: Toni Suter)

Sexszenen von Behinderten und Kot zum Abendmahl

Die Reaktionen reichen von «skandalös und abartig» bis zu «so muss Theater heute sein». Behinderte Schauspieler bekommen Kot zum letzten Abendmahl gereicht, jemand zeigt, wie eine Vergewaltigung funktioniert, und ein junges behindertes Paar spielt eine Sexszene – mit sichtbarem Penis. Am Schauspielhaus in Zürich fand letzten Sonntag die vorerst letzte Zürcher Vorstellung eines Stücks statt, das zu reden gibt.

In «120 Tage von Sodom» inszeniert Regisseur Milo Rau die menschliche Abartigkeit auf neue Art. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Film des italienischen Regisseurs Paolo Pasolini und dem Roman des Marquis de Sade. Pasolinis Film wurde in vielen Ländern wegen seiner offenen Darstellung von Vergewaltigung, Folter und Mord verboten. Rau inszenierte assoziativ und transferiert die Themen frei in die heutige Zeit.

Triebe und Macht

Raus Theaterstück entstand in einer Co-Produktion mit dem Theater Hora, dessen Ensemble nur Menschen mit geistiger Behinderung angehören. Die Hora-Schauspieler übernehmen im Stück den Part der entführten Jugendlichen, die vom untergehenden faschistischen Regime festgehalten werden, um an ihnen hemmungslos Triebe und Macht auszuleben. Das Regime wird von Schauspielern des Schauspielhauses dargestellt.

«Trailer» zu Milo Raus Inszenierung von «120 Tage von Sodom» (Quelle: Youtube)

Rau thematisiert die Handicaps der Mitspieler auf der Bühne und bringt sie indirekt in einen Zusammenhang mit der Stückthematik. Für einen Teil des Publikums war dies zu viel der Provokation. Am Mittwoch vor einer Woche verlassen einige Zuschauer den Saal während der Vorstellung, andere gaben nachher Standing Ovations.

Rau überschreitet bewusst Grenzen und tritt allen Mitspielern zu nahe. Michael Neuenschwander vom Schauspielhaus-Ensemble erzählt unter Tränen von der Abtreibung seines behinderten Kindes. Ob es ihm wirklich passiert ist, weiss das Publikum nicht, aber es wirkt glaubhaft genug.

Mit oder ohne Kleider

Immer wieder spricht das Stück auch die Situation von Behinderten in der Gesellschaft an. Beispielsweise die Präimplantationsdiagnostik. «Neun von zehn Müttern treiben ihr Kind mit Downsyndrom mittlerweile ab», sagt Matthias Neukirch, der den Präsidenten spielt. «Die Gesellschaft will diese Menschen ausrotten, und doch sitzt hier die geistige Elite und sieht zu, wie die Behinderten auf der Bühne tanzen.»

Mit direkten Texten und einer avantgardistischen Kameraführung schafft Rau eine grosse Intimität. Er filmt Gesichter extrem nah und projiziert sie direkt auf eine Leinwand über der Bühne. Vor jeder der Filmaufnahmen schlug Sara Hess die Klappe zu. Sie ist seit mehr als zehn Jahren Mitglied des Hora-Ensembles und wohnt in Rüti. Hess bezeichnet sich selber als jemand, der eine Lernschwäche hat. «Milo Rau ist ein herzlicher und sympathischer Mensch», sagt Hess. Aber als Regisseur gehe er manchmal wie mit einem Mähdrescher vor.

Sara Hess hat entschieden, bei «120 Tage von Sodom» keine kompletten Nacktszenen zu spielen. Am Anfang des Stücks streckt sie jedoch gemeinsam mit den anderen Schauspielern ihren Anus in die Kamera, während jemand die verschiedenen Hinterteile kommentiert, bewertet und nach Behaarung ordnet. «Das ging noch für mich, war aber definitiv an der Grenze», sagt Hess. Die Hora-Schauspieler, mit Downsyndrom, hätten teilweise weniger Probleme gehabt, sich nackt auf der Bühne zu zeigen, so Hess. In der Sexszene der beiden Hora-Schaupieler Gianni Blumer und Fabienne Villiger zeigt sich Blumer komplett nackt, während seine Gespielin ihre Unterhose anbehält. «Jeder muss selber wissen, wie weit er gehen will», sagt Hess.

Am Schluss schlachten die Machthaber alle jugendlichen Gefangenen brutal ab. Einer Frau wird die Zunge abgeschnitten, einem Mann der Penis, Sara Hess verliert ein Auge. Der Hinrichtungsprozess dauert unerträglich lange. Dazu erklingt klassische Musik. Die Aussage ist klar: sinnlose Gewalt. Einfach, weil man es kann. «Wenn ich sagte, es hat mir gefallen, wäre das übertrieben», so die Rückmeldung von Hess’ Mutter. Sie sei froh gewesen, dass sie das Stück nicht allein habe ansehen müssen.

Blossstellung oder Kunst?

Die Provokation beschränkt sich aber nicht nur auf das Publikum. «Es gab einen Satz, der mich gestört hat», sagt Sara Hess. Das habe sie aber erst später gemerkt. Er lautete: «Jugendliche mit Sprachstörungen – eigentlich schöne Tiere.» Den hätte sie lieber nicht drin gehabt.

Nach dem Stück schwebt beim Publikum die Frage im Raum, ob man mit den Schauspielern zu weit gegangen sei. Ob diese ihre Taten auf der Bühne überhaupt reflektieren könnten. Ob man sie nicht blossstelle oder gar ausnutze im Namen der Kunst. Conny Marinucci vom Betriebsbüro des Theaters Hora beantwortet diese Fragen klar mit «Nein». Alle Schauspieler, auch diejenigen des Schauspielhauses seien persönlich gecoacht und unterstützt worden, damit sie sich auf keine Szene hätten einlassen müssen, die ihnen widerstrebt habe. Die Hora-Schauspieler wurden bei ihren Entscheidungen individuell unterstützt.

Kritik gab es natürlich auch. «Einige haben den künstlerischen Aspekt in der Inszenierung nicht gesehen.» Die Unsicherheit, das Spielen mit den Grenzen und die Gefühle, die im Publikum ausgelöst werden, sind gewollt. Das Publikum soll zum Nachdenken angeregt werden. Eine konkrete Veränderung in der Gesellschaft fordert das Stück laut Marinucci aber nicht.

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