Das Leben als Lakota-Sioux
Das raue Leben und das philosophische Gedankengut der amerikanischen Ureinwohner fasziniert Menschen der westlichen Welt bis heute. Die Vorstellung eines selbständigen, wilden und unerschrockenen Lebens weckt den Traum von Freiheit. Dass die Realität für viele Lakota-Sioux heute anders aussieht, weiss der Winterthurer Charly Juchler.
Seit seinen Kindheitstagen begeistert die Kultur des indigenen Volks den 53-Jährigen. Mit 19 Jahren reiste er zum ersten Mal in die USA in ein Reservat. Der dortige Anblick von Alkoholismus, Armut und Arbeitslosigkeit liess ihn desillusioniert und entsetzt über das Elend wieder abreisen. Von der erhofften Spiritualität und Philosophie fand er keine Spur. Als er zwei Jahre später in Begleitung einer Hilfsorganisation erneut dorthin reiste, traf er auf bedeutende Persönlichkeiten der Lakotas und schloss Freundschaften, die sein Leben veränderten.
Alle Wesen gleichberechtigt
Vor 20 Jahren entschied er sich dazu, seinen Wohnsitz ganz von Winterthur in den US-Bundesstaat South Dakota zu verlegen, wo er ungefähr neun Monate im Jahr verbringt. Eine Familie des Lakota-Sioux-Stamms adoptierte Charly Juchler. Die Aufnahme geschah jedoch nicht durch das Ausfüllen von etlichen Dokumenten, sondern durch das traditionelle Hunka-Ritual. Dabei erhielt er einen neuen Namen und eine neue Heimat.
Für die Lebensweise der Lakota-Sioux konnte sich Charly Juchler schon seit jeher begeistern. «Sie lebten – ohne nun in Romantik zu verfallen – im Einklang mit der Natur. Sie handelten mit den natürlichen Ressourcen ihrer Umwelt und hatten dadurch die Freiheit, ganz sich selbst zu sein», sagt Charly Juchler.
Ein weiterer Aspekt stellt ihr Respekt allem Leben gegenüber dar. «Da wir Menschen die jüngsten Lebewesen dieses Planeten sind, besitzen wir dementsprechend auch den niedrigsten Grad an Weisheit.» Charly Juchler erzählt, dass die Lakotas deshalb Pflanzen, Tiere und Steine als gleichberechtigte Wesen betrachten, die alle voneinander lernen können. Gerade ihre Erkenntnisse über Heilpflanzen würden auch in der heutigen medizinischen Forschung eine tragende Rolle spielen.
Grösste Jugendselbstmordrate
Das spirituelle Denken und Handeln werde heute nur noch von etwa einem Fünftel des indigenen Volks aktiv gelebt. «Die restlichen Prozent leiden an Identitätslosigkeit. Sie haben die Wurzeln der Kultur ihrer Vorfahren verloren, Amerikaner sind sie aber auch nicht», beschreibt der 53-Jährige die Umstände. Das Gebiet verzeichne die grösste Jugendselbstmordrate von ganz Amerika.
Die Ursprünge des Problems sieht er darin, dass viel Gedankengut der prärieindianischen Kultur verloren ging, weil das Ausüben von spirituellen Praxen lange Zeit verboten war. Erst der amerikanische Präsident Jimmy Carter erlaubte sie Ende der 1970er Jahre gesetzlich wieder. Einen anderer Grund sieht er darin, dass der Jugend niemand als Vorbild dient. Solche seien erst im Entstehen.
Brücken bauen
Charly Juchler bezeichnet sich selbst als Brückenbauer. Mit seiner selbst gegründeten Firma Chante Eta’n veranstaltet er in der Schweiz Ausstellungen und Konzerte mit Kunst des Stamms der Lakota-Sioux und bietet ausserdem Kultur- und Landschaftsreisen dorthin an. Die Reisen führen durch die Black Hills, zwei Reservate und die Badlands im amerikanischen Bundesstaat South Dakota.
Bei den Inhalten der Reise ist ihm Authenzität ein grosses Anliegen. Er will den Teilnehmern das wahre Leben in den Reservaten präsentieren. «Die Menschen sollen sich mit Offenheit und Respekt begegnen. Das Lakota-Leben beinhaltet nicht nur das Tragen von Federn oder das Singen ritischer Gesänge», so der Lakota.
Während der Reisen seien auch gute Freundschaften zwischen Lakotas und Europäern entstanden, die den Kontakt über die sozialen Netzwerke erhalten. «Nur durch den Austausch können sich die Kulturen näherkommen.»