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Politik

Rad steht, Kind geht

Die Kampagne «Rad steht, Kind geht» läuft schon seit einigen Jahren. Dass Autofahrer vor dem Fussgängerstreifen anhalten und die Kinder erst dann die Strasse überqueren, ist deswegen aber noch lange nicht die Norm. Regelmässige Aktionen sollen es richten, doch deren Wirkung hat Grenzen.

Losgehen oder stehen bleiben? Zuweilen ist die Verunsicherung gross. Plakate wie hier an der Wilstrasse sollen Autofahrer sensibilisieren. (Seraina Boner)

Rad steht, Kind geht

50 Meter vor dem Fussgängerstreifen geht der Lastwagenfahrer vom Gas. Am Strassenrand wartet ein kleiner Junge mit Leuchtstreifen und riesiger Tächlichappe auf dem Kopf. Der Lastwagen rollt auf den Übergang zu, wird langsam langsamer. Der Junge bleibt stehen, den Blick konzentriert auf die Front des Lastwagens gerichtet. Erst als der Lkw schnaufend zum Stehen kommt, hebt der Kleine mit ernster Miene die Hand zum Dank und überquert mit zügigen Schritten die Strasse.

Diese Szene an der Wilstrasse in Uster würde glatt als Werbefilm durchgehen für «Rad steht, Kind geht», die gemeinsame Kampagne von TCS, Polizei und der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU). Der Gedanke dahinter: Gerade kleine Kinder können Distanzen und Geschwindigkeiten von Fahrzeugen nicht abschätzen. Deshalb lernen sie, dass sie einen Fussgängerstreifen nicht betreten dürfen, bevor die Räder eines Fahrzeugs völlig stillstehen. Und die Fahrzeuglenker sollen lernen, am Fussgängerstreifen immer ganz anzuhalten.

Rumfuchteln und losfahren

So viel zur Theorie. Nur wenige Augenblicke nach dem vorbildlichen Dreikäsehoch spurten an der Wilstrasse zwei Mädchen laut kreischend über den Fussgängerstreifen, ein Mercedes kann gerade noch bremsen.

Dann fährt ein Lieferwagen einer Sanitärfirma heran. Der Fahrer geht vom Gas, deutet dem Mädchen am Fussgängerstreifen per Handzeichen an, dass es über die Strasse gehen soll. Dieses aber wartet, weil sich die Räder ja noch drehen. Der Fahrer verlangsamt weiter und fuchtelt wild mit den Armen rum. Die Kleine wirkt eingeschüchtert, bleibt aber stehen, worauf der Lieferwagenfahrer entnervt Gas gibt und davonfährt.

Es besteht Nachholbedarf

Kirsten Buttauer weiss, dass in Sachen Verkehrserziehung noch Nachholbedarf besteht. Sie ist Vorstandsmitglied des Elternrats Eltern-Aktiv Talacker-Dorf, der zusammen mit den anderen Elternvereinigungen der Ustermer Primarschulen und der Stadtpolizei jedes Jahr nach den Frühlingsferien einen Aktionstag zur «Rad steht»-Kampagne durchführt.

Vielen Autofahrern sei nicht bewusst, dass die Kinder erst die Strasse überquerten, wenn sie ganz anhielten, sagt Buttauer. Die Situation in Uster sei aufgrund von verkehrsberuhigenden Massnahmen aber gut, und auch die Zusammenarbeit mit der Polizei sei «sehr produktiv».

Der letzte Aktionstag fand Anfang vergangener Woche statt – und war laut Buttauer «ein grosser Erfolg». «Die Autofahrer haben immer Freude, auch am Geschenk, das sie als Dank für ihre Rücksichtnahme bekommen.»

Der Schulbus fährt vorbei

Die Zwischenbilanz der Schulweg-Kampagne sei rundum positiv, verkündeten TCS und BFU im August vergangenen Jahrs. «Es wurden exzellente Ergebnisse in Bezug auf die Sensibilisierung und die Aufnahme in der Bevölkerung erzielt», heisst es da. Ein weiterer Augenschein an der Seestrasse auf der Höhe der Schule Niederuster zeigt, dass aber noch Luft nach oben ist. Die meisten Autos rollen, anstatt zu halten. Oder sie bekommen gar nicht erst die Chance zu einem freundlichen Stopp vor dem Fussgängerstreifen, weil die Kinder die Strasse schon vorher überqueren.

Auffallend viele Mütter und Grossmütter sind hier mit den Kleinen unterwegs. Ob es an der mangelnden Disziplin der Autofahrer liegt? Diese tun sich an diesem Morgen nämlich schwer damit, überhaupt vom Gas zu gehen. Bezeichnenderweise fährt sogar ein Schulbus einer Mutter, die mit ihrer Tochter am Zebrastreifen wartet, direkt vor der Nase durch.

Warten oder gehen?

Kurz vor Mittag dann an der Pfäffikerstrasse bei der Zufahrt zum Spital: Die Kinder kommen vom Schulhaus Hasenbühl und wollen nach Hause. Zusammen mit dem mittäglichen Autoverkehr ergibt das ein ziemliches Gewusel. Die Verunsicherung zeigt sich gut an einer Gruppe Erstklässler. Bis zum Mittelinseli schaffen sie es gerade noch, dann rollt langsam ein Lieferwagen an. Eines der Kinder geht auf die Strasse, wird aber von den anderen zurückgerissen. Aufgeregt bereden sie die Situation. Was tun? Sie beschliessen zu warten, bis der Wagen ganz anhält.

Dennoch: Es geht meistens gut aus. In Uster gab es 2015 neun Unfälle, in die Kinder als Fussgänger, Kickboardfahrer oder Velofahrer verwickelt waren, dabei wurden gemäss einer Statistik der Kantonspolizei drei Kinder verletzt. Ob sie sich dabei auf dem Schulweg befanden, geht aus der Statistik nicht hervor. Laut Stadtpolizist Christian Kurt ist die Verkehrssicherheit auf den Schulwegen in Uster recht hoch, «es gibt diesbezüglich keinen eigentlichen Unfallschwerpunkt».

Irgendwann dürfen sie

Kurt ist Fachspezialist Verkehr sowie BFU-Delegierter der Stadt Uster und nimmt in dieser Funktion auch an den Sitzungen des Elternrats teil. Den Kindergärtlern attestiert er am Fussgängerstreifen eine gute Disziplin. Erst später würden viele Schüler nachlässig oder erlägen der Fehleinschätzung, dass sie schon zu den Grossen gehörten – und kopierten das Verhalten der Erwachsenen.

Für Kurt ist es legitim, wenn ältere Kinder irgendwann auch bei noch anrollendem Verkehr die Strasse zu überqueren beginnen, sofern die Distanz zum Fahrzeug genügend gross ist. Dies bedinge jedoch, dass sie das Tempo einschätzen könnten. «Aber erst ab der 4. Klasse haben sie die kognitiven Fähigkeiten dazu.»

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