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Politik

Letzter Abspann im Kino Rio

Das Rio in Wetzikon hatte am Wochenende seine letzten Filmvorführungen. Mit ausschliesslich Schweizer Produktionen ging die Ära des Kinos nach 58 Jahren zu Ende. Zuschauer und Betreiber erinnerten sich an die zurückliegenden Jahrzehnte.

Mit einer Schweizer Filmrevue ging das Kino Rio in Wetzikon zu Ende.

Letzter Abspann im Kino Rio

Das vergangene Wochenende war für das Kino Rio in Wetzikon ein einziger langer Leichenschmaus. Man kam, um Abschied zu nehmen. Darunter auch solche Zuschauer, die lange nicht da gewesen waren – zu lange. Denn wie sie selber einräumen mussten, hatten sie vielleicht auch ein bisschen zum Ende des Kinos beigetragen.

Zu den Besuchern gehörte auch die 14-jährige Doreen. Zusammen mit ihrer besten Freundin Jasmine sowie mit Mutter, Opa, Bruder und Tante fand sie den Weg in das kleine Kino. Sie wollten sich verabschieden und nutzten die letzten drei Tage, in denen ausschliesslich Schweizer Filme gezeigt wurden. Auf dem Programm standen «Der Verdingbub», «Mein Name ist Eugen», «Die Standesbeamtin» und viele mehr.

Kinobetreiber prüft Alternativen

Vor der grossen Plakatwand kamen die Besucher miteinander ins Gespräch: Familien, Kinder, junge Paare, Senioren. Es wurden Tipps ausgetauscht, welchen Film man unbedingt gesehen haben müsste und welcher Film eher enttäuschend war. Kinobetreiber Pascal Nussbaum half derweil einer älteren Dame beim Einparken. Sie war mit ihrem Enkel und dessen Freund gekommen, um sich «Mein Name ist Eugen» anzusehen.

Nussbaum hatte kaum Zeit, um melancholisch zu werden. Verkaufte er nicht gerade Tickets, wurde er von allen Seiten angesprochen. Dabei ging es um die gute alte Zeit und darum, was die Zukunft bringt. Wie es konkret weitergeht, steht für Nussbaum noch in den Sternen. Er wird weiterhin sein anderes Kino in Uzwil betreiben, aber ein zweites Standbein käme für ihn infrage. «Hinwil wäre für mich optimal», sagte er.

Seitdem bekannt ist, dass das Rio seine Pforten schliesst, sind ihm schon viele Räume angeboten worden. «Aber die logistische Situation eines Kinos ist besonders. Also suche ich weiter.»

Seniorenabteilung erinnert sich zurück

Dann wendete sich Nussbaum wieder den Brüdern Raul und Alex zu, die sich am Samstag einen lustigen Kinoabend mit ihrer Mutter machen. «Der Papa ist im Ausgang, da fand ich, wir könnten auch vor die Tür», sagte diese lachend. Auch sie gab zu, in den letzten Jahren nicht übermässig oft ins Kino gegangen zu sein. Irgendetwas sei halt immer los gewesen. Ausserdem galt das Rio – eingebettet zwischen zwei Rotlichtetablissements mit viel greller Leuchtreklame – auch nicht gerade als ein Familientreffpunkt.

Ursula und Meinrad Jäger gehörten eher der Seniorenabteilung an. Sie erzählten, dass sie das Kino noch von früher kannten, als man das Kino noch nicht jederzeit per DVD oder «Video on Demand» ins eigene Wohnzimmer holen konnte. Das Gleiche gilt auch für Ruidi Ernesto und seine Frau Nongnut. Er erinnerte sich genau, wie das Rio 1958 eröffnet worden war. 17 Jahre war er damals jung. «Oft waren wir nicht im Kino. Das war schliesslich teuer. Aber am Samstag ist man schon gegangen», sagte er.

Störende Armlehnen

Schliesslich bot das Kino auch die Gelegenheit, mit der Liebsten in der Dunkelheit einen Film zu gucken. 1958 war das Jahr, in dem Streifen wie «Es geschah am helllichten Tag» oder auch «Die Katze auf dem heissen Blechdach» liefen. Junge Frauen konnten sich angstvoll an eine starke Schulter schmiegen. Einziges Hemmnis: Damals gab es noch keine barrierefreien «Liebessitze»: Die Armlehne war immer im Weg.

Ein besonderes Abschiedswochenende erlebte auch Luca Suter. Seit er sechs Jahre alt war, ging er ins Rio, um zu helfen, etwa bei der Popcorn-Ausgabe oder an der Ticketkasse. Kein Wunder: Pascal Nussbaum ist sein Götti-Onkel. «Ich habe immer mitgeholfen. Ab dem 14. Lebensjahr wurde ich auch dafür bezahlt. Davor bestand die Belohnung darin, dass ich die Filme gratis gucken konnte», sagte Suter.

Jetzt wird sich Suter eine Alternative suchen müssen, wo er neben dem Gymnasium ein paar Franken dazuverdienen kann. Vielleicht will er sich im Palace in Blickweite vorstellen.

Kein neues Erotikangebot

Als die letzten Szenen der «Standesbeamtin» über die Leinwand flimmerten, begannen im Hintergrund schon die Abbauarbeiten. Zwei Tage nur hat Pascal Nussbaum Zeit, das gesamte Mobiliar und die Einrichtung zu demontieren. Um die Bestuhlung muss er sich dabei nicht kümmern. Fast alle Stühle sind schon verkauft. Heute Nachmittag können die Käufer kommen, um ihr neues Möbelstück selber abzuschrauben. «Wer den Stuhl zu Hause aufbauen will, muss ja wissen, was wohin kommt», so Nussbaum.

Was aus dem grossen Saal in der Alten Notariatsstrasse werden soll, konnte er selber auch nicht sagen. Ein weiteres Erotikangebot braucht Wetzikon aber wohl nicht. Die Parkplätze der benachbarten Clubs waren ebenfalls schon verwaist. (Birgit Schlieper )

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