«21 Bernhardiner waren eine riesige logistische Aufgabe»
Markus Welter führte beim Schweizer Kinofilm «Mein Freund Barry» Regie. Was die vielen Bernhardiner beim Dreh in den Bergen alles anstellten und wie ein Wolf für den Film ins Wallis reiste, erzählt der Pfaffhauser im Interview.
Herr Welter, sind Sie ein Hundemensch?
Markus Welter: Ja, absolut. Zum Drehstart hatte ich zwei Hunde, heute leider nur noch einen. Mein Labrador ist nach den Dreharbeiten gestorben. Er war so alt, dass wir ihn einschläfern mussten. Geblieben ist mein kleiner Pudel, der mich bis heute täglich begleitet.
Ihre Hunde waren am Set dabei?
Nein, das wäre zu viel gewesen. Eigene Hunde bringen eher Unruhe als Ruhe. Am Set waren ohnehin genügend Tiere. Meine Hunde sind zu Hause auf dem Sofa geblieben, während ich allein in die Berge gegangen bin.
Wie gross war die Crew der Bernhardiner, die im Film «Mein Freund Barry» zum Einsatz kamen?
Insgesamt 21 Bernhardiner, was eine riesige logistische Aufgabe war. In der zweiten Hälfte des Films waren die Haupthunde doppelt besetzt. Jeder hatte andere Stärken: Der eine rennt perfekt, der andere bellt auf Kommando. Nicht jeder Hund kann alles. Wir nahmen auch zwei Welpen aus einer Zucht mit zehn Wochen zur Tiertrainerin Alexandra Lovisi. Als sie ans Set kamen, waren sie acht oder neun Monate alt – also Teenager. Körperlich bereits riesig, voller Kraft und Energie, aber noch sehr verspielt.
Die verspielten Hunde liessen sich nicht immer bändigen, nehme ich an.
Ja, ein Beispiel: frischer Schnee, perfektes Licht, Kamera und Trainer exakt positioniert. Die ganze Crew läuft eine halbe Stunde ums Schneefeld, damit niemand Spuren hinterlässt. Und genau dann bringt der Caterer warme Hotdogs. Der Hund riecht das, rennt einmal quer durchs Feld – und das Bild ist zerstört.
Sie haben die Szene aber noch gerettet?
Ja, wir sind 50 Meter nach vorne gelaufen.
Ich habe bei diesem Film alle drei Regeln missachtet.
Markus Welter
Regisseur
Und die Bernhardiner reagierten alle auf den Namen Barry?
Es gab nur einen Hund, der effektiv Barry hiess. Heli und Nila waren die zwei Haupthunde, die aber von Anfang an auf den Hundenamen Barry trainiert waren. Und schliesslich reagieren Hunde vor allem auf die Stimme der Besitzer und von Trainerin Alexandra Lovisi.



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Wie wichtig war die Beziehung zwischen Hauptdarsteller und Hund?
Extrem wichtig. Paco von Wyss hat von Anfang an viel Zeit mit den Trainerinnen und den Hunden verbracht. In den Monaten vor dem Dreh ist er regelmässig mit ihnen spazieren gegangen. So entstand Vertrauen. Der Hund hat später nicht nur auf die Trainer gehört, sondern auch auf ihn.
Diese Tiere kamen auch in ‹Game of Thrones› oder in ‹Gladiator› zum Einsatz.
Wie war die Arbeit mit den Bernhardinerhunden für Sie als Regisseur?
Steven Spielberg hat nach der Verfilmung des «Weissen Hais» gesagt, man sollte niemals mit Tieren drehen und niemals auf Wasser oder Schnee. Und generell sagt man: Niemals mit Kindern drehen. Ich habe bei diesem Film alle drei Regeln missachtet.
Dennoch haben Sie den Dreh gewagt.
Genau, mit all seinen Schwierigkeiten.
Zum Beispiel?
Zwei Jahre vor Drehbeginn habe ich die Locations im Herbst und im Winter besichtigt. Storyboards, Floor-Pläne, alles wird geplant. Und dann kommt der Hund – und nichts ist mehr wie gedacht. Wenn man ihm sagt: «Komm mal durch die Tür rein», dann kommt der Hund durchs Fenster. Das muss man sehr sportlich nehmen. Es war deshalb wichtig, nicht zu versteift an den Vorstellungen festzuhalten. Das ist nicht gut für den Film, nicht gut für den Hund und nicht gut für einen selber. Zudem mussten wir im Wallis feststellen, dass ein Bernhardiner nicht in einen Sessellift passt. Mit der Gondel kamen wir nur bis etwa 2000 Meter an den Gipfel ran, die letzten 400 Meter gingen die Hundeführer zu Fuss. Konditionell ist das kein Problem, logistisch aber anspruchsvoll. Die Crew befolgte einen strengen Verhaltenskodex. Es war wichtig, dass man vor Kindern nicht raucht und keine Essensreste liegen lässt. Wir hatten neben den Hunden auch Pferde, Hühner, Esel, Schweine, Geissen und Schafe. Bei all den Tieren muss jeder schauen, dass er nichts rumliegen lässt. Lässt man ein Sandwich auf einer Kiste stehen, ist es nachher nicht mehr dort.
Im Film taucht auch ein Wolf auf. Der war aber nicht echt, nehme ich an.
Doch. Ein echter, trainierter Wolf aus einer spezialisierten Tiertrainerzucht in der Nähe von Hannover. Diese Tiere kamen auch in «Game of Thrones» oder in «Gladiator» zum Einsatz. Für unsere Szene sind die Spezialisten mit dem Wolf ins Wallis gereist.
Ausgerechnet …
Haben wir auch gedacht. Überall hängen Schilder «Erschiesst den Wolf». Passiert ist aber nichts. Wir waren selbstverständlich offiziell angemeldet, und die Walliser Filmkommission hat uns sehr unterstützt.
Der Film spielt um 1800. Wie viel ist echte Kulisse, wie viel Illusion?
Es gab damals natürlich keine Skilifte, keine Stromleitungen, keine Flugzeugstreifen. All das wurde digital entfernt. Die Original-Location vom Hospice du Grand-Saint-Bernard darzustellen, war aufwendig. Wer schon mal dort war, weiss, dass da heute gegenüber dem Hospiz ein Hotel ist und nebendran ein Souvenirshop steht. Teile des Films, wie die Szene in der Eishöhle, drehten wir im Filmstudio in Köln. Genauso wie die Aufnahmen in der Küche mit offenem Feuer. In den historischen Gebäuden durften wir kein Feuer machen. Wir bauten die Küche im Studio nach. Auch die Schneebedingungen waren nicht immer wie gewünscht. Als wir uns von minus 16 Grad auf dem Simplon in den Tessiner Ort Minusio verlagert haben, waren dort plötzlich plus 5, manchmal sogar 12 Grad. Dort brauchten wir Kunstschnee.
Wie wird Schnee im Film nachgestellt?
Heutzutage wird Schnee aus Cellulose- oder WC-Papier-ähnlichem Material hergestellt. Den kann man hinterher einfach abblasen und wieder einsammeln. Früher hat man Schnee aus Kartoffelstock gemacht, in den 1970er Jahren mit Schaum.
Die Filmcrew hat kein Detail übersehen, das nicht in diese Zeit passt?
Auf dem Schnittmonitor sieht man manches nicht. Auf der riesigen Leinwand im Kinokoni in Zürich dann schon. Dort wollten wir den Film technisch überprüfen. Plötzlich fuhr in einer Einstellung im Hintergrund ein Auto durchs Bild. Das ist dann schon ein sehr lustiger Moment für alle gewesen. Natürlich musste das rausgemalt werden.
Sie haben acht Jahre am Drehbuch gearbeitet. Weshalb so lange?
Das ist sehr ungewöhnlich, besonders für einen Kinderfilm. Aber mit den Filmförderungen waren Auflagen verbunden, die wir zu erfüllen hatten. Mehrmals schrieben wir das Drehbuch um. Es ist wie ein Kartenhaus, das immer wieder neu aufgebaut wird.
Ihr persönliches Souvenir vom Film?
Ein kleines Holzfass, das ich im Glarnerland gefunden habe und wir für die Drehtage brauchten. Wir haben lange nach einem weiteren gesucht. Gefunden haben wir lediglich ein schweres, welches nur die kräftigsten Bernhardiner tragen konnten. Den Hunden mit einer schwächeren Nackenmuskulatur hat es den Kopf nach unten gezogen. Das leichtere Fass ging dann am letzten Drehtag beinahe verloren, weil Barry an dem Sommertag seine wilden fünf Minuten hatte, durch eine hüfthohe Blumenwiese rannte – und ohne Fässchen zurückkam. Eine Stunde haben wir danach gesucht. Am Ende kam es wieder zu mir zurück – mit einer abgeschlagenen Ecke, die man heute sogar auf dem Filmposter sieht.
Zur Person
Markus Welter wurde 1968 in Bonn geboren. Er begann seine Laufbahn in Frankfurt als Film-, Radio- und Fernsehproduzent, bevor er zwischen 1992 und 1998 als Werberegisseur tätig war. 1999 schnitt er seinen ersten Langfilm: «Das Fähnlein der sieben Aufrechten». Es folgten Arbeiten an vielen weiteren Filmen und Serien.
Sein Regiedebüt im Langfilm gab Welter 2008 mit dem Werk «Im Sog der Nacht». Zu seinen weiteren Projekten zählen die SRF- und ZDF-Co-Produktion «Der Teufel von Mailand» nach dem Roman von Martin Suter oder die erfolgreiche SRF-Serie «Der Bestatter», bei der er die ersten drei Staffeln inszenierte.
Er wurde mehrfach für Filmpreise nominiert und 2014 gemeinsam mit dem Kreativteam mit dem Prix Walo ausgezeichnet.
Markus Welter wohnt seit rund zehn Jahren in Pfaffhausen. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Unterhaltsamer Spendenabend: «Mein Freund Barry» sammelt für das Kinderhospiz
Am Mittwoch, 25. Februar, ab 17.30 Uhr findet in der Zwicky-Fabrik eine Spendensammlung für das Kinderhospiz Flamingo in Fällanden statt. Organisiert wird der Event vom Rotary Club Forch.
Während eines «exquisiten» Nachtessens erzählt die anwesende Equipe des neuen Schweizer Films «Mein Freund Barry» (Regisseur Markus Welter, die Hauptdarsteller, der Kameramann und die Hundetrainerin) über die anspruchsvolle Produktion in den Bergen.
Die Hundetrainerin hat einen Bernhardinerhund dabei, der im Film mitspielte. Sie erzählt von der Herausforderung beim Filmen mit Hunden. Der Fällander Marc Sway komponierte einen Teil der Filmmusik und erläutert, wie die Musik zum Film entstand. Dann wird der Film gezeigt, und im Anschluss können der Filmequipe Fragen gestellt und Bilder mit weiteren Bernhardinerhunden gemacht werden.
Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder sind ausdrücklich willkommen, schliesslich kommt der Spendenerlös ausschliesslich Kindern zugute. Anmeldung und weitere Infos unter der Website www.barry-sammelt.ch.