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17 Wochen für 13 Jahre

Das Kulturprojekt «​​​​​​​Edition Unik» ermöglicht Laien, ein eigenes Buch zu schreiben. Cornelia Walder aus Gossau hat es ausprobiert und beim Schreiben eine schwere persönliche Krise verarbeitet.

Während manche Autoren jahrelang mit dem Stoff ringen, hat Cornelia Walder aus Gossau ihr eigenes Buch in 17 Wochen verfasst., Die 47-jährige Aktivierungsfachfrau hat den mehrwöchigen Schreibprozess als heilsam empfunden., Unter dem Pseudonym «Sarah» zu schreiben, war für sie einfacher, als mit ihrem richtigen Namen hinzustehen.

Christian Merz

17 Wochen für 13 Jahre

17 Wochen hatte Cornelia Walder Zeit, um aufzuschreiben, was ihr wichtig war. 17 Wochen reichten aus, um zu Papier zu bringen, was sie erlebt und beschäftigt, ja was sie über sich selber gelernt hatte. Von August bis Dezember letzten Jahres setzte sie sich in ihrer Einzimmerwohnung in Gossau jeweils mittwochs und samstags und an vielen weiteren Abenden an ihren himbeerfarbenen Schreibtisch und schrieb, was das Zeug hielt. 177 Seiten zählt das Büchlein mit dem hochwertigen, türkisblauen Leineneinband, das sie jetzt in der Hand hält. Zwischen zwei Buchdeckeln verborgen ist ihre ganz persönliche Geschichte. « Es hat mir gut getan, sie aufzuschreiben » , sagt sie.

Das Büchlein ist Mitte Dezember erschienen, in einer Auflage von nur drei Exemplaren. Eines gehört ihr selber, das zweite hat Walder der besten Freundin geschenkt. Das dritte Exemplar bleibt im Archiv der  « Edition Unik ». Das nicht-kommerzielle Kulturprojekt ermutigt Menschen zum Schreiben ihres eigenen Buchs und unterstützt sie im Schreibprozess (siehe Box).

In Mönchaltorf gedruckt

Walder gehört zur immer grösser werdenden Gruppe von Leuten, die ihre persönlichen Erinnerungen zu einem Buch verarbeiten wollen. Zusammen mit ein paar Dutzend Mitstreiterinnen und Mitstreitern, fast alle älter als sie, hat sie sich im letzten Sommer ans Werk gemacht. Hat sich im August an einer Startveranstaltung im Kulturhaus Kosmos in Zürich erstmals mit ihnen und den Initianten des Projekts getroffen. Und ein paar Wochen später noch zweimal.

«Ich habe schon als Kind gerne Aufsätze verfasst.»

Cornelia Walder, Aktivierungsfachfrau

Zu Hause hat sie mithilfe einer Schreibsoftware, eines Handbuchs und wöchentlichen Rundschreiben selbständig an ihrem Buch gearbeitet. In einer ersten Phase sammelte sie Erinnerungen und Gedanken, danach formulierte sie ihre Notizen aus und stellte die Kapitel zusammen. Am Ende überarbeitete sie die Texte, überlegte sich einen Titel und gestaltete das Buch. Nach Redaktionsschluss ging das Manuskript wie alle anderen, die im Rahmen des Projekts entstehen, in der Buchbinderei Bookfactory in Mönchaltorf in den Druck.

Dass die Initianten der Edition Unik den Teilnehmern weder gestalterische noch inhaltliche Vorgaben machen, schätzte Walder sehr. « Die Begleitung war professionell, aber herzlich, und auch mit dem Online-Tool kommt man gut zurecht. Man muss sich weder um die Formatierung noch um die Textlänge kümmern, sondern kann sich auf den Schreibprozess konzentrieren. »

Zwar habe das Aufarbeiten gewisser Erlebnisse viel Energie erfordert. Doch besonders schwer ist ihr das Schreiben nicht gefallen. « Ich schreibe regelmässig Tagebuch und habe schon als Kind gerne Aufsätze verfasst » , sagt die 47-Jährige, die als Jugendliche das KV machte, später eine Informatikausbildung absolvierte und sich vor ein paar Jahren noch zur Aktivierungsfachfrau ausbilden liess. Heute arbeitet Walder in einer Einrichtung für betreutes Wohnen in Zürich.

Das Tagebuch als Ventil

Die hochgewachsene Frau mit dem langen blonden, vollen Haar wirkt aufgestellt und zufrieden. Ihre Arbeit mit psychisch beeinträchtigten Frauen erfüllt sie, und auch privat ist sie mit sich im Reinen. Doch das war nicht immer so. 2006 schlitterte Walder in eine grosse persönliche Krise, die durch den Doppelsuizid der Eltern ihres damaligen Freundes ausgelöst worden war.

13 Jahre lang haderte sie mit sich selbst und der Welt. Ihre Beziehung ging in die Brüche, und sie verlor ihre Arbeitsstelle. Dazu kam, dass eine gute Freundin schwer verunfallte. In ihrem eigenen Büchlein erinnert sich Walder an diese schwierige Zeit. « 13 Jahre » steht darum in schwarzer Serifenschrift auf dem türkisblauen Büchlein in ihrer Hand. Durch verschiedene Therapien und ihre beste Freundin, die ihr stets mit Rat und Tat zur Seite stand, kam sie allmählich wieder auf die Beine.

« Ich kann Dinge gut loslassen. Vielleicht war das in all den Jahren mein Glück. »

Cornelia Walder, Aktivierungsfachfrau

Aber auch das Schreiben des Tagebuchs empfand sie als hilfreich. « Es war gut, ein Ventil zu haben. Das Tagebuchschreiben war immer auch eine Möglichkeit, mit mir selber zu kommunizieren. »

Als Walder 2019 jemand riet, bei der Edition Unik ein Buch zu verfassen, dauerte es ein paar Tage, bis sie sich für die Idee begeistern konnte. Denn welchen Sinn sollte es haben, seine eigene Geschichte für die Zukunft festzuhalten? Schliesslich hatte sie ihre Tagebücher vor eineinhalb Jahren alle in der Abfalldeponie entsorgt.

Im Animationsfilm erklären die Initianten, wie das Projekt funktioniert. (Edition Unik)

« Das mache ich bis heute so: Wenn eines vollgeschrieben ist, schmeisse ich es weg. Es gibt mir das Gefühl, mich von Ballast zu befreien » , sagt sie, die sich selber als Minimalistin bezeichnet. In ihrer kleinen Wohnung gibts nur wenige Sachen. « Ich kann Dinge recht gut loslassen. Vielleicht war das in all den Jahren mein Glück. »

Im Wald verbuddeln

Schliesslich gab sie sich einen Schupf und meldete sich beim Schreibprojekt an. « Ich hatte schon damals vor, ein Exemplar meiner Freundin zu schenken. Das andere wollte ich im Wald verbuddeln » , sagt sie und lacht. Unter dem Pseudonym « Sarah » begann Walder zu schreiben – und entwickelte im Laufe der Wochen sogar den Anspruch, ihren Text in stilistischer Hinsicht auf möglichst hohem Niveau zu verfassen.

Zwar habe sie sich anfangs für die eigenen Erfahrungen geschämt, für all die Probleme, die sie hatte. Aber je länger sie schrieb, desto mehr habe es sie auch mit Stolz erfüllt, die Herausforderungen gemeistert zu haben und sogar an ihnen gewachsen zu sein. Und so brachte der Schreibprozess vieles in Gang, entpuppte sich nicht zuletzt als heilsam. « Durch das Schreiben konnte ich diese Zeit endlich hinter mir lassen. »

Dass sie je mit einer Zeitungsredaktorin über ihr Büchlein reden würde, hätte sie letztes Jahr nicht für möglich gehalten. Und dass sie an der Vernissage in Zürich daraus vorlesen würde, genauso wenig. Im Wald verbuddelt hat Walder ihr Büchlein aber nicht. Noch nicht.

Das Projekt

In der Edition Unik schreiben Menschen in einem 17-wöchigen Schreibzyklus ein Buch. Die Edition Unik ist kein Verlag und kein Schreibkurs, sondern ein Kulturprojekt, das Schreibrunden in Zürich, Basel und Bern organisiert. Die Teilnehmer erhalten Zugang zu einer Online-Schreibsoftware, die sie zu Hause durch den Schreibprozess führt. Sie werden aber auch mit einem Handbuch und mehreren Rundschreiben unterstützt, und neben einer Start- und Abschlussveranstaltung haben sie in zwei weiteren Treffen die Möglichkeit, sich auszutauschen. Die Teilnahme am Projekt kostet 550 Franken.

Wer ein breites Publikum für seine Texte sucht und sein Buch im Buchhandel veröffentlichen möchte, ist bei der Edition Unik an der falschen Adresse: Die Bücher werden nicht verlegt. Jeder Teilnehmer erhält nur zwei Exemplare seines Buchs, weitere können nachbestellt werden.

Ins Leben gerufen wurde die Edition Unik von der Firma Heller Enterprises von Martin Heller. Der Kulturunternehmer und Kurator ist vielen noch als künstlerischer Leiter der Landesausstellung Expo.02 in Erinnerung. Für ihr Projekt hat die  Edition Unik kürzlich den Design Preis Schweiz 2019/20 in der Kategorie «Communication Design» gewonnen. (ple)

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